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Wahrheit und Fiktion lassen sich in einem Roman wie "Bozzetto" nicht klar trennen
Interview mit Gerd J. Schneeweis, Hermann Alexander Beyeler
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Media-Mania.de: Zunächst einmal: den "Bozzetto" aus Ihrem gleichnamigen Roman, also ein Bild, das Michelangelo als Vorlage für sein "Jüngstes Gericht" in der Sixtinischen Kapelle diente, gibt es wirklich, und Sie beide haben es schon einmal gesehen, obwohl es für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Stimmt das?

Ja, natürlich. Genauso, wie es im Roman beschrieben wird.

Media-Mania.de: Können Sie als Kunstkenner die Faszination beschreiben, die für Sie von dem Bild ganz offensichtlich ausgeht?

Um diese „Faszination“ zu spüren, muss man kein Kunstkenner sein. Es reicht schon aus, wenn man nicht völlig gefühlskalt und „abgestumpft“ ist. Es ist auch eher ein sehr ambivalentes Gefühl, das einen beschleicht, wenn man vor dieser Holztafel steht. Man sieht diese düstere Darstellung eines absoluten Schreckensszenarios, vor der man eigentlich nur weglaufen will. Aber auf der anderen Seite hält einen doch irgendetwas fest, ohne dass man selbst weiß, warum das so ist.

Media-Mania.de: Immerhin besitzt es im Roman sogar magische Kräfte. Ist das reine Fiktion?

Nein, wir sind beide fest davon überzeugt, dass dem Bozzetto solche merkwürdigen Kräfte „innewohnen“. Diese Kräfte, die dem immerwährenden Kampf zwischen „Gut & Böse“ entspringen, kann man natürlich auch „magisch“ nennen. Ich selbst habe das alles am eigenen Leib erfahren.

Media-Mania.de: Wenn man Ihre beiden Biografien mit denen der Protagonisten Max Prückner und Hans Albert Bilgrin vergleicht, kann man Sie unschwer in den Romanfiguren erkennen. Verlief das Kennenlernen ähnlich wie im Roman, also, dass Herr Beyeler beim Recherchieren auf Herrn Schneeweis stieß, der bereits vor längerer Zeit ein Buch über den "Bozzetto" verfasst hatte?

Ja, es war tatsächlich genauso, wie im Roman beschrieben.

Media-Mania.de: In irgendeinem Artikel habe ich gelesen, der "Bozzetto" sei nach wie vor "heimatlos", und seine Besitzverhältnisse seien unklar.

Nein, der Bozzetto liegt zwar nach wie vor in einem Schweizer Zolllager. Aber es gibt natürlich einen berechtigten Eigentümer.

Media-Mania.de: Und wo setzt dann die Fiktion ein? Es gibt auch ganz eindeutig phantastische Elemente im Roman.

Wahrheit und Fiktion lassen sich in einem Roman wie „Bozzetto“ nicht klar trennen. Es gibt da keine Zäsur - keine Linie, die man dazwischen ziehen könnte. Aber wie Sie schon sagen, gibt es neben vielen klaren Fakten auch eindeutig klare phantastische Elemente. Das sind gar nicht so viele. Insgesamt gesehen ist nämlich leider sehr viel mehr „wahr“, als man glauben möchte.

Media-Mania.de: Zwei Autoren, ein Roman. Wie funktioniert das organisatorisch? Der Roman wirkt wie aus einem Guss. Gab es folglich eine Art Arbeitsteilung?

Ja, das ist durchaus ungewöhnlich und bedarf natürlich ganz klarer Absprachen. Wir haben das gelöst, indem wir den Roman nicht „von der ersten bis zur letzten Zeile“ sozusagen „in einem Stück“ durchgeschrieben haben. Am Anfang war ja nur eine Idee, dann folgte eine erste grobe Handlungsskizze „Wo fängt es an – wo geht es hin“. Schon das alles waren gemeinsame Entscheidungen. Der „Trick“ bei der Sache war dann aber, die Handlung schließlich in einzelne „Handlungsblöcke“ aufzuteilen, die in sich abgeschlossenen sind. Den Ablauf dieser Handlungsblöcke haben wir auch immer beide zusammen erarbeitet. Die schriftstellerische Reinschrift war danach meine Aufgabe.
Diese zu Beginn vielleicht ungewöhnliche Aufteilung hat sich im Übrigen als großer Vorteil entpuppt: Dadurch hatte dann jeder einzelne Handlungsblock auch seine eigene Spannungskurve. Das hat dem Ganzen noch einmal einen zusätzlichen „Kick“ verpasst.
Erst ganz zum Schluss wurde dann aus diesem Material der Roman „zusammengebaut“. Das alles in eine logische Reihenfolge zu bringen, war im Übrigen der einzige Stein, über den wir am Ende fast doch noch gestolpert wären. Diese Aufgabe hat nicht nur unseren Lektor Rainer Weiss, der bis dahin immer unser „Ruhender Pol“ war, (fast) an den Rand des Wahnsinns getrieben. Selbst das Leseexemplar enthält noch ein paar äußerst peinliche Fehler in der Logik der Kapitelabfolge. Die armen Buchhändler, die die Leseexemplare mit den wohl üblichen „1001 Rechtschreibefehlern“ bekommen haben, waren aber offenbar „gnädig“ mit uns und haben den Roman dann doch vorgeordert.

Media-Mania.de: Wie lange hat die Arbeit am Buch gedauert, Recherche inklusive? Ich weiß, am längsten dauert meist die Ideenfindung; lassen wir sie einmal außen vor.

Die Idee, aus dem vorliegenden spannenden Material einen Roman zu stricken, hatten wir beide schon ziemlich bald nach unserem ersten Treffen. Auch das war irgendwie ein gemeinsamer Prozess, der sich einfach aus der Sache heraus ergeben hat. Definitiv beschlossen haben wir die Sache irgendwann Januar/Februar 2013. Der erste Satz zum Roman wurde dann exakt am 5. Mai 2013 in die Tasten gehauen. Das Wort „Ende“ habe ich am 5. Juni 2014 unter den Text gesetzt. Es war also auf den Tag genau 14 Monate reine Autorenarbeit. Daran hat sich dann noch die Arbeit mit dem Lektorat angeschlossen. Das hat neue Fragen aufgeworfen. Die Texte der Epiloge sind zum Beispiel erst nach der Vorstellung des Leseexemplars entstanden. Das war alles schon ziemlich knapp.
Die Recherchearbeit hingegen ist nicht so exakt festzumachen. Wir beide sind mit dem Bozzetto ja bereits seit vielen Jahren „verbandelt“. Bei mir ist mehr als ein Vierteljahrhundert von der ersten Begegnung bis heute vergangen. Da bleibt viel im Gedächtnis haften, was dann erst bei der Autorenarbeit, insbesondere bei Gesprächen darüber wieder zu Tage gefördert wird. Von dem allem findet sich vielleicht maximal 20% im Roman wieder. Aber irgendwann muss man auch mal einen Schlussstrich ziehen. Wer liest heutzutage schon noch einen Roman mit 1200 Seiten - oder mehr?

Media-Mania.de: Herr Beyeler ist sehr vielseitig engagiert und erfolgreich: als Unternehmer, Galerist, Kunstsammler und Mäzen. Wie in aller Welt bleibt da noch Zeit für die Arbeit an einem so komplexen und somit aufwändigen Roman?

Für mich ist Herr Beyeler ein Meister seines eigenen Zeitmanagements. Er braucht nur sehr wenig Schlaf und wenn ihn etwas „umtreibt“, dann gibt er sich erst wieder Ruhe, wenn er die Lösung des Problems gefunden hat. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sich seine Schlafphasen auf sehr wenige Stunden verkürzt hatten.

Media-Mania.de: Einerseits kann ich mir nicht vorstellen, wie Sie den "Bozzetto" noch "toppen" könnten, andererseits vermute ich, dass Sie bei der Arbeit sicher sozusagen Blut geleckt haben. Kurz: wird es ein weiteres gemeinsames Buch geben? Wenn ja, haben Sie bereits eine Idee, worüber?

BINGO ! Ja, es hat uns wieder gepackt. Die Idee ist bereits geboren! Aber derzeit ist das natürlich alles noch „Top Secret“. Fest steht: Sie bekommen das Leseexemplar als eine der ersten Personen - versprochen!

Media-Mania.de:Ganz herzlichen Dank dafür, dass Sie sich Zeit für dieses Interview genommen haben, und die besten Wünsche für Sie beide!

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Das Interview wurde per E-Mail geführt.
Geführt von Regina Károlyi am 01.02.2015