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"Das praktische Musizieren rettet uns". Zu: "Streichquartett"
Interview mit Anna Enquist
Media-Mania.de: Ich fange mit einer Frage an, die Ihnen wahrscheinlich in fast jedem Interview gestellt wird: Wie kamen Sie auf die Idee zu "Streichquartett"? Das Romankonzept wirkt ungewöhnlich – vier Freunde bilden ein Amateurquartett und nutzen die Musik auch, um mit ihren persönlichen Problemen fertigzuwerden. Ein weiterer Handlungsstrang, manchmal mit dem anderen verknüpft, befasst sich mit einem alternden Cellisten, der mit dem Alltag nicht mehr klarkommt. Was zunächst nach einem psychologischen und auch sozialkritischen Roman aussieht, explodiert dann plötzlich zu einer Art Thriller. Das ist schon einzigartig.

Anna Enquist: Ich wollte gern über ein Streichquartett schreiben, weil ich selber ein Streichquartett habe mit Freunden und meinem Mann. Wir sind alle professionelle Musiker, aber wir spielen im Quartett unser zweites Instrument. So sind wir nicht so gut, wie wir es haben wollen, aber wir können das technisch nicht. Ich habe auch erfahren, dass es sehr heilend ist, dass es guttut, zusammen mit Freunden ohne Worte zu spielen.
Aber ich wollte auch darüber schreiben, wie man mit Gewalt umgeht, mit Bedrohung. Da gibt es Leute, die draufschlagen wie Jochem, der Bratschist im Quartett; es gibt Leute, die erstarren wie Carolien; es gibt Leute, die naiv denken, es wird schon besser werden – Heleen -, und es gibt Leute, die weglaufen wie Hugo. Das war das Muster für dieses Buch.

Media-Mania.de: Welche Bedeutung hat der alternde, einst berühmte Cellist Reinier? Ein Handlungsstrang befasst sich mit ihm. Bei ihm scheinen alle Fäden zusammenzulaufen, da alle Mitglieder des Quartetts mit ihm in einer unterschiedlichen Beziehung stehen. Gleichzeitig bietet er Ihnen als Autorin die Möglichkeit, intensive Sozialkritik zu üben: am unbarmherzigen Umgang der staatlichen Institutionen mit pflegebedürftigen Senioren – das scheint in Holland schlimm zu sein, hier in Deutschland ist es nicht so extrem, wie Sie es schildern …


Anna Enquist: Das ist in Holland sehr schlimm. In meinem Buch habe ich es schlimmer dargestellt, als es zurzeit in Wirklichkeit ist, aber ich habe Angst, dass es so sein wird.

Media-Mania.de: Es ist tatsächlich vorstellbar, dass demnächst jemand, der nicht mehr so fit ist, gegen seinen Willen in ein Altenheim kommt?

Anna Enquist: So weit sind wir noch nicht, aber die ganze Mentalität geht in diese Richtung: dass die alten Leute nichts mehr wert sind. Das ist alles ökonomisch und politisch bedingt. Ich habe manchmal gedacht: Die Musik, die Kultur, die Bücher, das gemeinsame Musizieren, alles, was ich liebe, all das ist nichts mehr wert in unserer Gesellschaft. So war es für mich ein Anliegen, dieses Buch zu schreiben und darzustellen, wie schlimm das ist.

Media-Mania.de: Dem gegenüber steht der kleine Migrantenjunge Driss, der dem alten Cellisten Reinier selbstlos und ganz selbstverständlich hilft. Reinier begegnet ihm mit Misstrauen und vielen Vorurteilen. Und dieser Junge, Sohn von Einwanderern, interessiert sich mehr für die westliche klassische Musik, als das die meisten Kinder aus angestammt europäischen Familien tun, die diese Kultur eigentlich geerbt haben müssten. Das ist interessant – beobachten Sie es auch selbst?

Anna Enquist: Ich habe es nicht selbst beobachtet, aber es war schön, auf diese Weise zu schreiben. In Europa erwartet man, dass es Schwierigkeiten mit all den Einwanderern geben wird, aber in diesem Fall ist es gar nicht so.

Media-Mania.de: Während sich die Romanfiguren mit ihrem Alltag und ihren Problemen befassen, wird am Gericht ein brisanter Kriminalfall verhandelt, der später auch sämtliche Protagonisten unmittelbar betreffen wird. Sie fühlen sich verraten und belogen. Auch hier klingt heftige Kritik durch. Was stimmt nicht mit der Politik in den Niederlanden – und vermutlich ganz ähnlich auch in den deutschsprachigen Ländern?

Anna Enquist: Es wird sehr viel gelogen durch die Regierung, durch alle Ministerien, vielleicht nicht absichtlich, aber aus Dummheit. Es gab so eine Gerichtssache mit einem Kriminellen, der über Jahre [aus dem Gefängnis heraus per Auftrag, Anm. d. Red.] Leute getötet und andere Leute erpresst hat. Dieser Fall war die Vorlage für die entsprechende Romanfigur. Da ist die Regierung stolz auf ein neues Gerichtsgebäude und verkündet, es sei sicher, und in Wirklichkeit ist es überhaupt nicht sicher.

Media-Mania.de: Am Ende des Romans wird das scheinbar so harmonische Quartett von außen brutal auseinandergebrochen. Der erste Geiger Hugo, der zuvor schon seine Kündigung erhalten hat und dies durchaus begrüßte, verliert dabei sein gesamtes Hab und Gut und fühlt sich dabei zutiefst erleichtert. Ist der Besitz und der Versuch, diesen ständig zu vermehren, für uns eher eine Belastung als ein Luxus?, etwas, das uns von den echten Werten des Lebens nur ablenkt?

Anna Enquist: Für Hugo ist das in gewisser Weise so, glaube ich. Er ist erleichtert. Er phantasiert, dass er ganz frei sein kann mit seiner Tochter. Aber das ist natürlich unrealistisch. Ich habe den Hugo gewissermaßen basiert auf meinen Freund Ivo Janssen, den Pianisten, mit dem ich sehr oft zusammenarbeite. Im Moment ist es für Musiker in Holland sehr schwierig, Geld zu verdienen. Ivo lebt auf einem Hausboot, er hat dort einen kleinen Konzertsaal aufgemacht und tritt dort auf. Diese Mentalität, kleine Dinge zu machen, neben der Gesellschaft ein Leben zu führen, habe ich gewissermaßen von ihm gelernt.

Media-Mania.de: Man kann auf Wikipedia lesen, dass Sie in "Kontrapunkt" den Unfalltod Ihrer Tochter verarbeiten. Auch in "Streichquartett" finden wir ein Elternpaar vor, das um seine bei einem Unfall getöteten Söhne trauert und Trost oder zumindest Ablenkung in Arbeit und Musik findet. Glauben Sie als selbst Betroffene und als Psychologin, dass ein Mensch mit solch einer schrecklichen Erfahrung ohne professionelle Hilfe in ein "normales" Leben zurückfinden kann? Machte Ihnen Ihr Psychologie-Wissen die Verarbeitung leichter?

Anna Enquist: Nein, das Letzte glaube ich nicht. Ich glaube auch nicht, dass ein "normales" Leben möglich ist. Aber ich habe erfahren, dass die Musik ein sehr großer Trost ist, als Pianistin – ich habe in dieser Zeit wieder angefangen, mich mit dem Klavier zu befassen, das hilft. Dies sagt auch der große österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard: Das praktische Musizieren rettet uns. Das ist eine Wahrheit. Und ich habe auch erfahren, dass so ein Streichquartett mit Freunden und meinem Mann sehr guttut.

Media-Mania.de: Welches ist denn Ihr Instrument im Streichquartett, wenn ich so neugierig sein darf?
Anna Enquist: Ich spiele Cello. Und mein Mann ist professioneller Cellist – er spielt die Bratsche.


Media-Mania.de: Die Musik spielt in Ihrem Roman erwartungsgemäß eine zentrale Rolle – und zwar vor allem die Musik in der Gruppe. Sie sind nicht nur Autorin und Psychologin, sondern auch ausgebildete Pianistin. Welche Rolle spielt die Musik in Ihrem Leben, und wie könnte man unsere schnelllebige Welt wieder mit bedeutungsvoller, zeitloser Musik füllen? Gibt es solche Musik auch über die so genannte Klassik hinaus – die ja von vielen, vor allem jungen, Leuten abgelehnt wird?

Anna Enquist (zögert): Ich bin klassische Pianistin. Die klassische Musik ist für mich das Wichtigste. Ich glaube, es ist in dieser schnelllebigen Welt schwierig, sich auf ein Instrument zu konzentrieren. Das nimmt so viel Zeit in Anspruch! Jeden Tag, viele Stunden, das geht sehr, sehr langsam. Aber es ist sehr gut, man muss sich konzentrieren: auf die Noten, auf den Klang, die Muskulatur. Wenn man so tätig ist, gibt es nichts anderes. Das ist sehr gut für den Menschen.

Media-Mania.de: Ihre Tochter hat sicher auch ein Instrument gespielt?

Anna Enquist: Sie spielte Oboe.

Media-Mania.de: Ein wunderschönes Instrument. – Was glauben Sie … Driss, der Junge, der dem alten Cellisten zur Stütze wird, hat ja von selbst zur Musik gefunden, er saß vor Reiniers Haus und hörte zu. Wie kann man Kinder zur Musik hinführen? Schulische Angebote haben ja immer mit Zwang zu tun.

Anna Enquist: Ja, und die klassische Musik ist gewissermaßen schwierig. Man muss etwas darüber wissen, um sie zu genießen. Und diese pädagogische Seite ist in Holland weg. Keine Musik als Fach in der Schule. Die Kinder wissen nicht, dass die klassische Musik existiert. Das ist sehr schlecht.

Media-Mania.de: Themenwechsel: Sind Sie eine der Figuren im Roman – sind Sie Carolien?

Anna Enquist: Ein bisschen, ja.

Media-Mania.de: Denn meist identifiziert sich ein Autor ja mit einer Figur ganz besonders. Habe ich richtig vermutet?

Anna Enquist: Ja, es ist Carolien.

Media-Mania.de: Haben Sie schon einen weiteren Roman in Vorbereitung, und wenn ja, dürfen wir erfahren, wovon er handelt?

Anna Enquist: Nein, ich beschäftige mich mit Gedichten. Im November wird ein neuer Gedichtband erscheinen.

Media-Mania.de: Ich danke Ihnen ganz herzlich für das Interview und wünsche Ihnen alles Gute!

Rezension zum Buch bei Media-Mania.de
Geführt von Regina Károlyi am 16.10.2015