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Interview mit Jacqueline Esen, Fotografin, Buchautorin und Fotodozentin
Interview mit Jacqueline Esen
Media-Mania.de: Fotograf oder Fotografin ist für viele junge Menschen ein echter Traumberuf. Sie haben zunächst in einem ganz anderen Bereich gearbeitet. Wie kam es, dass Sie dann doch professionelle Fotografin wurden? War das schon immer Ihr Ziel?

Jacqueline Esen: Auf meiner Wunschliste möglicher Berufe stand auch „Fotograf/in“. An unserer Schule gab es in der 12. und 13. Klasse Fotografie als Wahlfach, das habe ich natürlich belegt. Leider waren Mathematik und Physik zu Schulzeiten meine größten Horrorfächer. Als ich mir die Aufgaben anschaute, die man als Fotografenlehrling bei einer Prüfung lösen musste, war das Thema gestorben: Das wollte ich mir nicht antun. Also habe ich erst mal eine weniger „abschreckende“ Berufsausbildung gewählt und wurde Übersetzerin. Fotografiert habe ich trotzdem all die Jahre. Im Lauf der Zeit habe ich erkannt, dass man dieses ganze technische und physikalische Wissen nicht ständig braucht, dass es neben Lichtwert- und Leitzahlberechnungen, Schwärzungskurven und Abbildungsmaßstäben auch noch auf ganz andere Dinge ankommt. Natürlich stand ich irgendwann vor dieser Hürde, musste mich auch mit den technischen Themen auseinandersetzen. Meine Begeisterung und mein Interesse an der Fotografie waren aber so groß, dass ich mich schließlich auch damit anfreunden konnte. Durch die digitale Fotografie und das Internet ist es inzwischen auch einfacher, an das nötige Knowhow zu gelangen.

Media-Mania.de: Welches ist Ihr bevorzugtes Genre und warum?

Jacqueline Esen: Die Bühnen- und Reportagefotografie liegen mir am meisten. Bei der Bühnenfotografie liebe ich das extreme Licht, die kräftigen Farben der Scheinwerfer und den expressiven Ausdruck der Akteure. Menschen, die auf der Bühne stehen, egal ob Musiker, Tänzer oder Schauspieler, tun das, weil sie gesehen werden wollen, sie machen eine tolle Show. Und mir macht es Spaß, diese vielen kleinen Augenblicke einzufangen, in denen das Gesamtkunstwerk aus Licht, Raum und Aktion besonders intensiv ist.
Bei der Reportagefotografie ist es ähnlich: Als Fotografin bin ich eine stille Beobachterin, die das Geschehen verfolgt, versucht, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein und auf den Auslöser zu drücken. Das ist eine völlig andere Art des Fotografierens als das akribische Arrangieren und Beleuchten von Studio-Sets, wo man sehr genau sein muss, oder eine Porträt-Session, bei der man ständig mit dem Modell interagiert. Zu meinem ganz privaten Vergnügen gehe ich gerne hinaus in die Natur und lasse mich von irgendwelchen Kleinigkeiten inspirieren: hier ein Blatt, da ein Stein, dort ein Schatten ... Das ist für mich wie Urlaub.

Media-Mania.de: Wenn jemand vom "Knipsen" weg zur Fotografie als ernsthaftem Hobby finden möchte – welche Grundausrüstung benötigt er oder sie? Reicht eventuell eine Kompakt-, vielleicht eine Bridge-Kamera, oder muss es unbedingt eine schwere, unhandliche Spiegelreflexkamera mit einer Reihe teurer, aufwändig zu wechselnder Objektive sein?

Jacqueline Esen: Es gibt Leute, die auch mit einer teuren Profiausrüstung nicht über das Knipsen hinauskommen. Auf der anderen Seite gibt es Profis, die eine kleine Kompakte als Zweitkamera benutzen, einfach weil sie so handlich und leicht ist. Die Technik allein ist es also nicht.
Wenn man ein Auge für Motive hat, interessante Szenen fotografiert und dann vielleicht noch ein bisschen in die Automatik eingreift, kann man auch mit kleinem Budget und einfachen Kameras eindrucksvolle Fotos schießen. Es gibt viele Ursachen für misslungene Fotos. Die Kamera an sich ist da nur selten das Haupt-Problem. Oft fehlt einfach nur das Wissen um die Zusammenhänge, oder man hat den richtigen Knopf noch nicht gefunden. Die Wahl einer Kamera hat vor allem etwas damit zu tun, was man fotografieren will. Wer sich für Sportfotografie interessiert oder wilde Tiere in der Natur aufnehmen möchte, der kommt um eine Spiegelreflexkamera und die guten teuren langen Brennweiten nicht herum. Aber für die meisten Motive tut es auch eine kleinere Kamera. Ich persönlich würde beim Kauf vor allem darauf achten, dass sie ein gutes Rauschverhalten hat und auch bei hohen ISO-Werten gute Bilder liefert, denn ich fotografiere häufig ohne Blitz.

Media-Mania.de: Was macht ein gutes Foto aus – sofern man das in wenigen Worten definieren kann?

Jacqueline Esen: Das ist DIE zentrale Frage, an der sich die Geister auch in 1000 Jahren noch scheiden werden, wenn es die Fotografie dann noch gibt ;-)
Wenn ich die Frage in einem Satz beantworten soll, dann wohl so: Ein Foto ist dann gut, wenn es seinen Zweck erfüllt. Damit nehme ich das Absolute aus der Frage. Es gibt kein Foto, das an sich gut oder schlecht ist. Es wird immer unterschiedliche Geschmäcker geben, und jeder Fotograf hat andere Ziele. Ein Erinnerungsfoto ist schlecht, wenn die Person darauf verwackelt und das Bild überbelichtet ist, aber in künstlerischer Hinsicht könnte so ein Foto durchaus reizvoll sein. Für Wettbewerbsfotos gelten andere Regeln als für ein Business-Porträt - und wenn ich mir so manche Fotos aus Bildagenturen anschaue, dann wird mir schlecht bei so viel aufgesetzter Künstlichkeit. Trotzdem sind es gute Bilder, gemessen an den Verkaufszahlen. Es kommt also immer darauf an, welchen Zweck ein Foto erfüllen soll. Eine andere für mich sehr gut nachvollziehbare Aussage ist die: Ein Bild ist interessant, wenn es die Welt anders zeigt, als wir sie kennen. (Andreas Feininger)

Media-Mania.de: Welche Fehler machen Hobbyfotografen bei der Motivwahl, bei der Bildkomposition und aus technischer Sicht am häufigsten?

Jacqueline Esen: Am häufigsten übersieht man störende Bildelemente - vor allem als Anfänger. Das lässt sich aber ziemlich schnell trainieren. Eine andere Versuchung, der man beim Fotografieren widerstehen sollte, ist es, zu viel in ein einzelnes Bild hineinzuquetschen. So entstehen Bilder, bei denen nicht ganz klar ist, was eigentlich das Hauptmotiv sein sollte. Immer wenn man die „Stimmung“ einfangen will, wird es gefährlich, denn das ist meistens zu diffus. Aus technischer Sicht sind Fotos heute meistens korrekt belichtet, und dank Autofokus auch meistens scharf. Trotzdem sind sie nicht sehr spannend, weil die Standardautomatik keine besonderen Akzente setzt. Da müsste der Fotograf gezielter eingreifen – vorausgesetzt, er weiß, was er will. Allerweltsmotive, die aus Augenhöhe mit der Vollautomatik abgelichtet werden, sind ganz typisch für Foto-Einsteiger. Das würde ich aber nicht als Fehler bezeichnen, sondern nur als Unwissenheit oder mangelnde Erfahrung. Der größte Fehler, den man machen kann, ist zu glauben, dass die Kamera das Foto macht. Die Fotoindustrie ist darum bemüht, dem Kamerabesitzer möglichst viel Arbeit abzunehmen. Man soll fotografieren können, ohne sich viel dabei zu denken. Ich habe nichts gegen Weiterentwicklungen, aber das Denken (und Gestalten) würde ich nicht meiner Kamera überlassen wollen.

Media-Mania.de: Gibt es einen oder mehrere Fotografen, die Sie als persönliche Vorbilder ansehen?

Jacqueline Esen: Inspirieren lasse ich mich durch viele Fotografen, und das sind nicht nur berühmte Leute, sondern auch zahllose Amateure, die ihre Bildergalerien im Netz haben. Ich schaue mir gerne Fotos an. Wenn ich bekannte Namen nennen soll, dann würde Andreas Feininger an erster Stelle stehen. Auch wenn Feiningers Fotografierstil überhaupt nicht meinem entspricht, habe ich aus seinen Büchern („Feiningers Große Fotolehre“) wohl am meisten über Fotografie gelernt. Seine Texte sind schon etwas älter, aber vieles davon ist nach wie vor gültig. Die Passagen über die analoge Technik könnten eine Auffrischung vertragen, aber leider ist Feininger 1999 verstorben und hat den Wandel gar nicht mehr miterlebt. Was Bilder angeht: da finde ich Henri Cartier-Bressons Streetfotografie schlichtweg genial. Die Werke des Fotokünstlers Martin Parr beeindrucken mich durch ihren Mut zur Hässlichkeit und Grenzüberschreitung, wie ich sie selbst wohl nie wagen würde. Sehr spannend und ungewöhnlich finde ich die Porträts von Andrzej Dragan; Herlinde Kölbl ist für mich ein Vorbild in Sachen „Langzeit-Projekte“. Sie ist übrigens erst sehr spät zur Fotografie gekommen, war ursprünglich Modedesignerin. Im Bereich der Aktfotografie schätze ich die klaren, schlichten Schwarzweiß-Arbeiten des leider verstorbenen Günter Blum. Und Prof. Harald Mante ist für mich immer noch der Farb- und Bildgestaltungspapst. Bei Guido Karp habe ich schon an mehreren Workshops teilgenommen, er ist nicht nur ein guter Bühnenfotograf, sondern auch ein cleverer Geschäftsmann, und kommt dabei sehr authentisch und sympathisch rüber. Bei ihm wird auch deutlich, dass ein erfolgreiches Fotografendasein nicht immer nur ein Zuckerschlecken ist, sondern auch sehr anstrengend sein kann.

Media-Mania.de: Photoshop und ähnliche Programme bieten eine Fülle an Möglichkeiten, Fotos zu bearbeiten und umzugestalten. Wie viel Nachbearbeitung darf sein, wie viel soll sein, und was kann die digitale Dunkelkammer nicht?

Jacqueline Esen: Ich glaube, das hängt von den Ansprüchen und Bildideen des Fotografen ab. Grundsätzlich unterscheide ich zwischen drei Formen der Bildbearbeitung:
a) Korrektur von Fehlern
b) Ausarbeiten eines Motivs
c) kreatives Arbeiten

Die Korrektur von Fehlern sollte so gering wie möglich ausfallen. Ich finde es einfach lästig, an Fotos herumzuretuschieren, nur weil ich beim Fotografieren nicht aufmerksam genug war und das Problem vielleicht schon durch eine andere Perspektive oder eine knappere Belichtung hätte vermeiden können. Da ist jede Minute am PC Zeitvernichtung! Das Geraderichten eines Horizonts oder Wegretuschieren von kleinen Flecken gehören für mich zu dieser Fehlerkorrektur. Etwas hin- und hergerissen bin ich, was das Korrigieren von Objektivverzeichnungen angeht. Da hätte ich schon manchmal gerne einen Knopf an der Kamera ;-)

Unter Ausarbeiten eines Motivs verstehe ich Verbesserungen von Helligkeit/Kontrast, vielleicht auch gewisse Farbanpassungen oder Umwandlung in S/W. Und hier beginnt auch schon der Übergang zu den intensiveren Retuschen, die man heute nicht mehr so nennt, sondern für die man lieber den Begriff „Enhancement“ verwendet. Enhancement heißt „Verbesserung“. Wenn Sie die glattretuschierten Gesichter in der Werbung anschauen, wissen Sie, was damit gemeint ist. Kein normaler Mensch sieht so aus wie diese Modelle, aber die meisten Leute schauen solche Bilder lieber an als die unretuschierten. Das Gleiche gilt übrigens auch für Landschaften und andere Motive: Ich nenne das: Bilder, die schöner sind als die Wirklichkeit.

Und damit kommen wir zur dritten Stufe: die freie Interpretation, kreatives Arbeiten. Man nehme ein oder mehrere digitale Bilder und mache daraus etwas völlig Neues. Da verschwimmen die Grenzen von Fotografie und Malerei. Für mich ist es eine eigene, ganz neue Form von Kunst, die man gesondert betrachten sollte.

Wie viel Nachbearbeitung darf sein: Auch hier kommt es auf den Zweck an. In der seriösen journalistischen Arbeit darf nichts verfremdet werden, aber natürlich werden auch journalistische Fotos so aufbereitet, dass sie gedruckt ordentlich aussehen. Bearbeitet und verfremdet wurden Fotos immer schon, auch vor Erfindung der Digitalfotografie. Ich denke, jeder muss für sich entscheiden, wie weit er da gehen möchte. Interessant wäre es sicher, wenn es eine generelle „Kennzeichnungspflicht“ für bearbeitete Bilder gäbe. Ich glaube, so mancher Laie würde da ziemlich große Augen machen. Und zum letzten Teil der Frage: ich fürchte, die digitale Dunkelkammer kann alles. Wenn jemand vor dem Bildschirm sitzt, der sich mit dem Programm auskennt, kreativ ist und genug Zeit hat, dann ist in der Tat alles möglich.

Media-Mania.de: Anbei zwei ganz unterschiedliche Fotos, die ich als Laie, seit knapp einem Jahr mit einer EOS 50D bestückt, gemacht habe. Wie fällt die kritische Beurteilung durch den Profi aus: Was ist gut, was schlecht an diesen Bildern?

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Jacqueline Esen: Als Erstes habe ich mir das Bild „messe china openair" [rechts] ausgesucht, weil es ein ganz typisches Motiv ist, wie ich es schon oft in Kursen gesehen habe: Bei einer öffentlichen Parade laufen Personen am Fotografen vorbei, der Fotograf steht i. d. R. hinter einer Absperrung, hat weder Einfluss auf das Geschehen noch auf die Lichtverhältnisse und ist mehr oder weniger auf einen glücklichen Moment angewiesen, in dem sich das Motiv so vor ihm präsentiert, dass eine gute Aufnahme möglich wird.
Dieser Maskenträger sieht so aus, als würde er auf Stelzen laufen – jedenfalls ist die Perspektive schon mal ungewöhnlich, weil es sich um eine starke Untersicht handelt, d.h. es wurde von unten nach oben fotografiert. Das ist einerseits gut, weil jede Perspektive, die von der normalen Sicht „auf Augenhöhe“ abweicht, neugierig macht. Ein weiterer Vorteil dieser Perspektive ist die Tatsache, dass störende Bildelemente, die sich sonst neben oder hinter dem Motiv befinden würden, weitgehend eliminiert sind: Übrig geblieben ist nur am unteren Rand ein Stück Architektur oder Verzierung – zumindest thematisch passend. Der Himmel wird zum flächigen Hintergrund, vor dem sich das Hauptmotiv gut freistellen lässt, Stichwort Konzentration aufs Wesentliche. Dadurch entsteht aber ein anderes Problem: Gegenlicht. Oft reagieren ältere Kameras in dieser Situation noch mit einer Unterbelichtung des Hauptmotivs, neuere Modelle erkennen die Gegenlichtsituation und hellen das Bild automatisch auf. Hinzu kommt, dass bei neuen Modellen der Dynamikumfang besser bewältigt wird, der Unterschied zwischen hellster und dunkelster Stelle im Bild fällt nicht mehr so extrem aus wie früher.
Den EXIF-Daten kann ich entnehmen, dass dieses Bild ohne Belichtungskorrektur durch die Fotografin gemacht ist, und auch ohne Blitz. Den hätte ich hier tendenziell eingesetzt, denn am hellen Tag kann man so ein Motiv von vorne anblitzen (aufhellen) und bekommt dadurch u. U. auch mehr Zeichnung in den Himmel. Man sieht, dass es im Hintergrund dunkle graue Wolken gegeben hat. Bei einer Aufhellung durch Öffnen der Blende oder längere Verschlusszeit (egal ob automatisch oder durch den Fotografen erzwungen) geht eher Zeichnung verloren. Für ein Fotomotiv ist es aber interessanter, wenn das Umfeld nicht komplett konturlos bleibt. Dramatische dunkle Wolken könnten hier schon ihren Reiz haben.
Eine Herausforderung ist die Bewegung des Motivs: Die Finger sind leicht verwischt, obwohl die Belichtungszeit bei 1/200 sek lag (ISO 160), d. h. die Arme und Hände haben sich stark bewegt. Wollte man sie ebenfalls scharf abbilden, müsste die Belichtungszeit noch verkürzt werden. Die Unschärfe ist weniger störend als die Tatsache, dass beide Hände am Bildrand angeschnitten sind. Auch der Bildschnitt im Hüftbereich des Maskenträgers ist vielleicht ein wenig unvorteilhaft. Grundsätzlich sollte man Bildschnitte möglichst nicht an Gelenken setzen (Hand, Ellenbogen, Fußgelenk, Knie, Hüfte, Hals), sondern etwas höher oder tiefer, weil es auf den Betrachter angenehmer wirkt.
Die Maske/das Gesicht ist fast im Zentrum des Bildes, dadurch wird es zwar scharf, wirkt aber auch eher statisch. Meine Empfehlung für solche Motive wäre also: tiefen Aufnahmestandpunkt beibehalten, Aufhellblitz ausprobieren; ISO höher einstellen für kurze Verschlusszeit und etwas mehr Raum für die Figur spendieren, so dass die Bildschnitte etwas anders gesetzt werden können. Wenn die Figur dann noch etwas seitlicher in den Bildrahmen gesetzt wird, entsteht mehr Dynamik – idealerweise lässt man in Blick- bzw. Bewegungsrichtung etwas mehr Raum als hinter dem Kopf der Figur. Die Finger/Hände dürfen, wenn Dynamik ausgedrückt werden soll, leicht verwischen, so wird in der Fotografie Bewegung symbolisiert. Wenn sich eine Figur nicht gut in den Rahmen setzen lässt, weil es zu viele störende Elemente im Umfeld gibt, kann man versuchen, den Ausschnitt noch stärker zu begrenzen.

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Motiv 2: BadG Stillleben
Dieses Motiv habe ich herausgesucht [die Media-Mania.de-Redakteurin hatte eine Auswahl von diversen Fotos angeboten, unter denen Frau Esen zwei wählen konnte, Anm. d. Red.], weil es ein sehr typisches „Postkartenmotiv“ ist: Sein Sinn besteht darin, den Betrachter zu erfreuen, einfach weil es dekorativ ist. Gut ist die dezentrale Anordnung des Hauptmotivs (Blumentopf nahe dem Goldenen Schnitt). Es ist auch zu sehen, dass mit den Linien sehr genau komponiert wurde. Die geraden Linien verlaufen parallel zu den Bildrändern; den geschwungenen Linien des Metallgeländers folgt der Blick gerne, sie bringen Leben ins Bild. Beim Schnitt auf der rechten Seite kann man sich überlegen, ob man es so lässt (mit den angeschnittenen kleinen Resten des Geländers), oder ob man noch ein klein wenig mehr abschneidet, dann wirkt das Motiv geschlossener und ruhiger. Der kleine Hauch von Sonne, der eine ganz leichte Modulation von Licht und Schatten ins Motiv bringt, ist ebenfalls vorteilhaft fürs Bild. An den richtigen Stellen ist das Bild scharf (so weit ich das anhand der verkleinerten Datei beurteilen kann). Den EXIF-Daten ist zu entnehmen, dass es wohl schon etwas dunkel gewesen sein muss: 1/80 sek und f5 bei ISO 320 - bei einem Hochformat aus der Hand kann das schon kritisch werden. Für einen Perfektionisten wäre das der Moment, aufs Stativ umzusteigen, um mit ISO 100 oder 50 weiter zu fotografieren.
Worauf die Fotografin keinen Einfluss hatte: pinkfarbene Blüten vor einem knallroten Teppich - das ist eine Farbkombination, die vielleicht nicht jeder mag. Wer die Realität nicht so akzeptieren kann, wie sie ist, kann sich in die digitale Dunkelkammer zurückziehen und den Teppich umfärben. Mir wäre das zu viel Arbeit ;-)

Media-Mania.de: Ihr Buch "Digitale Fotopraxis - Rezepte für bessere Fotos" wurde bei Media-Mania.de besprochen. Zudem bieten Sie Online-Kurse an. Welchen Nutzen kann der Hobby-Fotograf aus Ihren Kursen ziehen? Welche weiteren Möglichkeiten bieten sich zum Vorankommen an?

Jacqueline Esen: Der Nutzen meiner Kurse besteht vor allem darin, dass ich mit dem Fotografen (oder der Fotografin) in einen Dialog trete. Wir sprechen ganz konkret über seine/ihre Bilder und Fragen und nicht über irgendein fremdes Beispielbild. Gerade für Einsteiger ist das besonders wichtig. Es sind zwar die immer gleichen wiederkehrenden Fehler und Probleme, aber am eigenen Bild merkt man sich Fehler/Ursache/Lösung am leichtesten. Das Gespräch über verschiedene Aspekte eines Bildes (Technik, Gestaltung, Inhalt) ergänzt die praktische Erfahrung beim Fotografieren. Durch diese Feedback-Schleife versteht man genauer, wie sich die Kameraeinstellungen aufs Bild auswirken, was man vielleicht hätte anders machen können. Bei den Diskussionen geht es nicht immer um die Frage, ob die Fotos gut oder schlecht sind, sondern auch darum, ob sie inhaltlich das transportieren, was der Fotograf im Sinn hatte, als er die Aufnahme machte.
Wer sich fotografisch weiterentwickeln möchte, kann sich in seiner Stadt nach einem Fotoclub umsehen, Kurse und Praxisworkshops zu bestimmten Themen besuchen – mal schauen, was die vhs zu bieten hat - oder auch über Internetplattformen wie fotocommunity oder flickr einen eigenen Freundeskreis aufbauen: Gemeinsam fotografieren gehen, anderen Leuten die Bilder zeigen, darüber sprechen und immer wieder viele Bilder anschauen, auch Ausstellungen besuchen. Ich denke, es ist wichtig, sich bei verschiedenen Leuten weiterzubilden. Jeder Profi, jeder Dozent hat eigene Schwerpunkte, seinen eigenen Stil. Man muss nicht immer mit allem 100% konform gehen, sondern sollte aus jeder Meinung, die man hört, oder aus jedem Kurs das mitnehmen, was für einen selbst gerade nützlich ist. Den Rest kann man getrost liegen lassen. Und was wohl am wichtigsten ist: so oft wie möglich fotografieren – in jeder Lebenslage. :-)

Media-Mania.de: Media-Mania.de bedankt sich für das Interview und wünscht Ihnen weiterhin viel Erfolg!




Website von Jacqueline Esen: http://www.betrachtenswert.com
Rezension zu Jacqueline Esens Buch "Digitale Fotopraxis - Rezepte für bessere Fotos"
Geführt von Regina Károlyi am 28.01.2010