Media-Mania.de

 Aus dem Off

Anti-Liebesroman

Autoren: Andreas Reichardt
Verlag: Ubooks

Cover
Gesamt +----
Anspruch
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung


Paul hat es nicht leicht. Vor zwei Wochen hat er aus heiterem Himmel seine Arbeit als Metzger gekündigt, weil sie ihn nicht glücklich machte. Freunde, die keine wirklichen Freunde waren, ist er auch losgeworden. Dann stirbt sein Vater, mit dem Paul nie gut ausgekommen ist und mit dem es immer Streit gab, wenn Paul und Susi zu Besuch waren. Paul lässt sich treiben, durchsucht die Wohnung seines Vaters nach Kindheitserinnerungen und vertieft eine Bekanntschaft mit einer jungen Frau, die er an einer Bushaltestelle kennen lernt. Die schon angespannte Situation zwischen Paul und seiner Frau verschlechtert sich immer mehr, auch als Susi von seiner Affäre mit Constanze erfährt. Nach einem eskalierten Streit findet sich Paul im Krankenhaus wieder mit einer Gehirnerschütterung und einer Stimme in seinem Kopf.

Was sich in der Zusammenfassung als spannender Auftakt zu einer interessanten Geschichte anhört, enttäuscht in der Langform auf allen Ebenen. Die Personen bleiben das ganze Buch über farblos, die auftretenden Konflikte werden kaum erklärt oder nachvollziehbar geschildert. Das Buch ist voll von Plattitüden und dem Autor unterlaufen viele sprachliche Fehler und unlogische Äußerungen. Aber der Reihe nach.
Die Geschichte über Paul und Susi und die anderen Banalitäten ist mit einer anderen Geschichte umklammert, an sich keine schlechte Idee. Im "Vorwort zum Überlesen" stellt sich der Erzähler der nun folgenden Geschichte vor (ob er mit dem Autor deckungsgleich ist, lässt sich nicht klären) und erläutert seine Motivation, genau diese Geschichte von Paul und Susi zu erzählen, nämlich: Frauen aufreißen. Im nächsten Satz rudert er aber sofort wieder zurück und versucht zu relativieren, dass "diese Geschichte vielleicht doch kein Stoff war, mit dem man einen One-Night-Stand klarmacht". Und wie Recht er damit hat. Jeder, der es über das dreizehnte Lebensjahr hinaus geschafft hat, weiß, dass eine Geschichte, mit der man Frauen "klarmacht", mindestens lustig und spannend sein muss. Dieser Roman ist nichts davon.

In der Personenbeschreibung sind Paul und Susi klischeehaft dargestellt, ihre Beschreibungen bestehen aus Gemeinplätzen. Paul, der Metzger, der seine Arbeit hingeschmissen hat, weil sie ihn nicht wirklich glücklich macht, hat ein Gesicht, das "nur von der eigenen Mutter geliebt werden könnte", raucht, trinkt und hat den ganzen Tag den Kopf voll mit unnützen Gedanken über Gott und die Welt, die außer ihm und dem Autor niemanden interessieren. Seine Frau Susi wird als klein, blond, schlank, aber mit BH-Größe 85 D beschrieben, wahlweise schwankt ihre Körperbeschreibung zwischen "drall" und "zerbrechlich". Constanze, mit der Paul fremdgeht, ist eine achtzehnjährige Sklavin, die in einem Domina-Studio arbeitet, noch bei ihren Eltern wohnt und nachts Omas Flanellnachthemd trägt. Der alte Freund von Pauls Vater, Alfons Hufnagel, ist ein ehemaliger Philosophie-Professor, mit dem Paul alkoholgeschwängerte Dialoge über alles und nichts führt.
Nicht nur die Figurenbeschreibungen sind ziemlich unrealistisch, auch die Beziehungen untereinander sind eine Ansammlung von Plattheiten und Klischees. Pauls schlechte Beziehung zu seinem Vater wird kaum erklärt. Hufnagel scheint lediglich dazu zu dienen, die Gedanken des Autos zu diversen Themen loszuwerden. Warum Constanze sich für Paul interessiert, wird überhaupt nicht klar. Sie bleibt eine blasse Männerphantasie, jung, schön, eine Sklavin, die Sätze sagen muss, wie: "Vergiss nicht, ich gehöre jetzt dir! Du musst jetzt auf mich aufpassen. Mein Geist ist frei, mein Körper und meine Seele gehören nun dir!". Doch das ist noch nichts gegen Pauls Erwiderung, zum Genießen vollständig wiedergegeben: "Paul sah sie bewundernd an. Er liebte diese Frau, dieses Mädchen, diese Hure! Sie war wirklich seine Heldin!" Weder diese plötzlich aufkeimende Liebe, noch die Ablehnung seiner Frau gegenüber (die sich ebenfalls redlich gemüht, ihn mindestens zwei Mal wöchentlich ins Bett zu ziehen) wird nachvollziehbar erklärt, außer den üblichen Gründen: Susi putzt zuviel, nörgelt und geht ins Fitnessstudio, um anschließend Fressattacken haben zu können.

Auf der sprachlichen Ebene enttäuscht "Aus dem Off" genauso, wenn nicht noch schlimmer. Verben wiederholen sich auf einer Seite mehrfach, wodurch ein unschöner Sprachfluss entsteht. Der Autor führt eine wahre Adjektiv-Schlacht, wahrscheinlich um für Atmosphäre zu sorgen, dies gelingt jedoch nicht. Neben vielen unschönen Metaphern sind falsch gebrauchte Bilder zu finden. Um nur ein Beispiel zu nennen, kommen hier fröhlich lächelnde Blumen vor, die den Besuchern erste verdorrte Blätter entgegen werfen. Weiter kennt der Autor den Unterschied zwischen "anscheinend" und "scheinbar" nicht und benutzt es falsch. Grammatikfehler kommen ebenfalls vor, auch hier nur ein Beispiel - wer findet den Fehler in folgendem Satz: " [...] und das liebestolle Paar ließ ihren Trieben erneut freien Lauf"?
Auf die völlig an den Haaren herbeigezogene Entwicklung zum Ende des Buches hin (die nicht einmal aufgelöst wird) muss hier nicht weiter eingegangen werden, der Rest ist schon katastrophal genug. Ein Lektorat hätte hier vielleicht sowohl in Bezug auf die Logik als auch auf die sprachlichen Fehler das Schlimmste verhindern können.

Zurück bleibt der Eindruck, dass hier mit literarischen Versatzstücken gearbeitet wurde. Der Autor scheint sich darin gefallen zu haben, ein Buch zu schreiben und dort seine Ansichten zu diversen Themen sowie einige Sätze, an denen er schon jahrelang herumdoktert, loszuwerden. Die Figuren bleiben blass und fremd, Mitgefühl und Identifikation kommen nicht auf. Neben den klischeehaften Figuren verleiden einem Logik- und Grammatikfehler sowie sprachliche Lapsus den Lesespaß.

Nele Kohrs



Taschenbuch | Erschienen: 01. Dezember 2005 | ISBN: 9783866080270 | Preis: 9,95 Euro | 170 Seiten | Sprache: Deutsch

Bei Amazon kaufen


Ähnliche Titel

Cover

Cover

Cover

Cover

Cover
SchuldDas Leben ist nichts für FeiglingeMassimo MariniGefühlte NäheDer Fluch der Hebamme