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 Das Geheimnis des Kalligraphen


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Ton


Salman liebt seine Mutter über alles. Doch er kann sie nicht vor dem brutalen, ständig betrunkenen Vater beschützen. Immer wieder schlägt der seine Frau, immer wieder liegen sich Mutter und Sohn danach in den Armen und trösten einander. Wäre nicht Sara, ein Nachbarmädchen, Salman würde diese ständig wiederkehrende Qual nicht überleben. Dank der klugen Sara aber lernt Salman, der dumme, schlanke, segelohrige Salman, Lesen und Schreiben, Mathematik und vor allem eine innere Stärke zu erlangen, die niemand zerstören kann. Durch Zufall bessert sich seine Lage. Er findet einen verletzten Welpen, der zu einem gewaltigen Hund und vor allem zu einer Gefahr für den sinnlos um sich schlagenden Vater wird. Jahrelang können Salman und seine Mutter dank dem Hund ruhig schlafen. Und als Salman eines Tages den Kaffeehausbesitzer Karam mit Hilfe seines Hundes aus einem reißenden Fluss birgt und ihm damit das Leben rettet, scheint sich auch seine Zukunft in freundlicheren Farben zu zeigen. Der dankbare Karam verschafft ihm einen Job beim berühmten Kalligraphen Hamid Farsi. Er erhält von Karam den Auftrag, die Geheimnisse dieses Großmeisters seiner Zunft zu lüften und so selbst irgendwann ein guter Kalligraph zu werden und sein Leben selbst in die Hand nehmen zu können. Salman ahnt nicht, dass Karam eigene Pläne mit dem Wissen über Hamid Farsi hat.
Salman macht seine Sache gut und lernt unermüdlich. Doch eines Tages betraut ihn sein Meister mit einem besonderen Botengang. Er soll von nun an täglich zu Farsis Haus eilen und das Mittagessen des Meisters von dessen Frau Nura entgegennehmen und ihm bringen. Und wider Erwarten verlieben sich der schüchterne Salman und die von der Ehe mit Hamid enttäuschte Nura ineinander.


Rafik Schami erzählt. Er trägt im Prolog (und später auch im Epilog) seines Romans "Das Geheimnis des Kalligraphen" eine kleine Geschichte vor. Ein Gerücht, das in den Gassen von Damaskus der späten 50er Jahre die Runde macht und von der Flucht von Nura, der Frau des berühmten Kalligraphen Hamid Farsi, berichtet, wird vom Autor genüsslich ausgebreitet.

Dann beginnt der Autor zu erzählen. Vorgetragen von Markus Hoffmann, wird man scheinbar endlos in das Leben von Salman eingeführt, und immer wieder abrupt auch in das Leben von Nura. Diese Geschichten, angereichert mit Dutzenden weiterer kleinerer Begebenheiten und eigenen Geschichten, laufen ohne jeden Berührungspunkt lange nebeneinander her. Immer wieder fragt sich der Hörer, worin der Reiz dieser beider Leben besteht, wo der Sinn, diese Lebensgeschichten so ausufernd zu beschreiben. Man lernt Damaskus kennen, die komplizierten und teils menschenverachtenden Zustände, das Nebeneinander der Religionen, die Bedeutung der Kalligraphie für Syrien, Damaskus und die gesamte Arabische Welt.
Doch warum Salman und Nura? Es entzieht sich lange der Kenntnis des Hörers, scheinen doch diese Leben einfach zu weit voneinander weg zu verlaufen, um sich überschneiden zu können. Erst als Salman eine Stelle als Laufbursche bei Hamid Farsi erhält, ahnt man, dass es doch eine gemeinsame Zukunft für die beiden geben könnte.
Doch warum wird nun ein ganz anderer Mann in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt? Warum verlässt Rafik Schami diesen Handlungsschwerpunkt? Wieder eröffnet sich ein Reigen anderer Schicksale, kleiner Geschichten und seltsamer Geschehnisse. Doch fast unmerklich beginnen sich die unzähligen losen Fäden miteinander zu verweben, ergeben sich erste Zusammenhänge und mit einem Mal wird es spannend, ja, sogar dramatisch.

Rafik Schami schafft es scheinbar mühelos, den Leser in seine Welt zu ziehen und nicht mehr los zu lassen. Wie bei einem Märchen aus Tausend und einer Nacht kann man nicht mehr ablassen von den vielen Schicksalen und Tragödien. Dabei entfaltet Schami eine Meisterschaft sowohl alle Fäden zu einem eigenen Schluss zu führen und in wenigen Sätzen enden zu lassen, als auch alle Handlungsstränge mit einem offenen, hoffnungsvollen Ausblick zu versehen.
Fast atemlos folgt man ihm immer tiefer in diesen Dschungel an Schicksalen und verliebt sich in diese Menschen, die inmitten einer tröstlichen und hassenswerten Religion ihren Weg zu finden versuchen. Tröstlich, weil niemand ohne Religion, ohne Gott eine Heimat hat, hassenswert, weil Menschen in ihrer Verblendung diese Religion verfremden, entwürdigen und pervertieren.

Schamis Romane sind immer zugleich eine Liebeserklärung an sein Geburts- und Heimatland Syrien, an Damaskus und dessen Bewohner und eine Anklage an die Fanatiker und Mächtigen und deren Wahn, einen falsch verstandenen Gottesstaates zu errichten und alles Ungläubige zu vernichten.
In diesem Sinne ist "Das Geheimnis des Kalligraphen" ein Wunderwerk. Der Hörer versteht die Liebe und die Pein, die den Autor immer wieder hoffen und verzweifeln lässt, seine unerschöpfliche Fantasie zu nutzen, den Damaszenern literarisch zu ihrem Recht auf ein glückliches Leben zu verhelfen.

Diese fünfhunderteinundzwanzig Minuten sind ein einziger farbiger, unendlich schöner Bilderbogen an Geschichten, den man einfach gehört haben muss. Dank Markus Hoffmann und seiner tiefen, angenehmen Stimme, seiner Fähigkeit, Leid und Glück, Not und Hoffnung, Dramatik und Ruhe herauf zu beschwören, sollte man diesem Hörbuch unbedingt eine Chance geben. Fast seufzend trauert man nach dessen Ende den vielen Stunden nach, die man in dieser fremden Welt versinken durfte.

Sehr gelungen ist auch das Layout dieses Hörbuchs. Die sehr feste Pappschachtel, das Titelbild, die sehr schön gestaltete Oberfläche der sieben CDs und kurze Informationen zu Hoffmann und Schami runden das Bild einer perfekten Produktion ab.

Stefan Erlemann



CD | CD-Anzahl: 7 | Erschienen: 01. September 2008 | ISBN: 9783886989348 | Laufzeit: 521 Minuten | Preis: 29,99 Euro

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