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 Der falsche Inder


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Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Preis - Leistungs - Verhältnis


Auf der Fahrt im Intercity Express von Berlin nach München findet Rasul Hamid einen Umschlag mit einem unbekannten Manuskript. Er beschließt, sich einen Kaffee zu holen, geht zurück ins Abteil und da kein Eigentümer auftaucht beginnt er zu lesen. Das Manuskript enthält... acht Mal seine eigene Geschichte. Es ist die Geschichte einer Odyssee durch verschiedene Länder Nordafrikas und Südeuropas, die in Deutschland vorerst endet. Sie beginnt mit der Geburt des "falschen Inders" in Bagdad, das man einst die Stadt des Friedens nannte, und führt über Libyen, die Türkei und Griechenland nach Deutschland. Mit dem Manuskript, das auf mysteriöse Weise im Zug auftaucht, schließt das Buch - es wird in einen Umschlag gesteckt und an den Verlag geschickt.

Abbas Khider wurde in Bagdad geboren. Er lebt seit 2000 in Deutschland und studiert hier Philosophie und Literaturwissenschaften. In dem gebundenen Buch, das 2008 im Nautilus Verlag erschienen ist, erzählt er acht Geschichten, die vielleicht in Teilen seine eigene ist, mit Sicherheit aber Ähnlichkeit hat mit den Erlebnissen vieler Immigranten.

Khider lässt Hamid seine Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen; es ist eine Wahrheit, die offensichtlich nur in überschaubaren Portionen ertragen und zugemutet werden kann. Anfangs ist es nicht mal seine eigene, sondern die eines Unbekannten. Wie bei einem zersprungenen Spiegel, dessen Splitter wieder zusammengesetzt werden und bei dem jedes Scherbenteil das Ganze spiegelt, erfährt der Leser immer mehr Details bis er am Ende ein vollständiges Bild der Reise vor Augen hat.

Abbas Khider erzählt in beinahe lakonischem Plauderton, was jedoch nicht über das tragische Erleben auf der Flucht von Süden nach Norden hinwegtäuschen kann. Fast vermittelt sich der Eindruck, als säße man mit einem guten Freund zusammen, der erzählt, was sich am Tage so ereignete: Ach ja, und dann war ich auch noch anderthalb Jahre im Gefängnis...

An einigen Stellen bekommt die Geschichte fast kindliche Züge: etwa, wenn der Protagonist überlegt, ob seine Mutter denn jetzt tatsächlich seine wirkliche Mutter ist, was so typisch ist für ein bestimmtes Kindheitsalter. Oder da, wo Rasul Hamid sich persönlich verantwortlich fühlt für das Schicksal einiger Flüchtlinge oder sogar Naturkatastrophen. Dies macht ihn sehr sympathisch und erzeugt Nähe und Vertrautheit mit der Figur.

Wie traumatisch das Aufwachsen in einer umkämpften Stadt und unter einem Terrorregime sowie die Reise tatsächlich waren, wird nicht nur durch die Schilderung der Ereignisse deutlich. Die Folgen schimmern durch an Stellen, an denen der Autor von der Wüste im Kopf des Erzählers berichtet: Alles leer! Die Umwelt verschwindet, ... Kioske, Menschen - alles weg. Zeit und Orientierung gehen für unbestimmte Zeit verloren, dissoziative Zustände stellen sich ein.

Der Autor versteht es dabei meisterhaft mit Nähe und Distanz zum Geschehen und den Gefühlen des Lesers zu spielen und man fühlt sich an keiner Stelle des Buches unangenehm berührt. Es ist vielmehr eine spannende, fast unglaubliche, jedoch sehr glaubwürdige Geschichte, die sich subtil auf 150 Seiten entfaltet. Khider nimmt den Leser mit auf seiner Reise bis zur letzten Seite. Er beweist mit diesem Buch, dass er nicht nur Lyriker, sondern auch ein ausgezeichneter Erzähler ist, der den Gebrauch der Worte und auch der Form virtuos beherrscht. Man ist gespannt auf weitere Werke.

Sabine Seip



Hardcover | Erschienen: 1. August 2008 | ISBN: 9783894015763 | Preis: 16,00 Euro | 160 Seiten | Sprache: Deutsch

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