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 Naiv. Super.


Cover
Gesamt +++--
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Ton


Es ist eigentlich nur eine lächerliche Kleinigkeit, die den Ich-Erzähler in diesem Hörbuch vollkommen aus der Bahn wirft: Er verliert ein Krocket-Spiel gegen seinen Bruder. Was andere als Pech oder schlechte Tagesform abtun würden, bringt den Erzähler dazu, sein Studium abzubrechen und am Sinn des Lebens zu zweifeln.
Es passt gut, dass sein Bruder für einige Zeit in den USA ist und dass er deshalb auf dessen Wohnung aufpassen muss - so hat er genug Zeit, einfach nur Zuhause zu sitzen und nachzugrübeln über Gott und die Welt.
"Naiv. Super." von Erlend Loe, erschienen auf vier CDs in der "Edition handverlesen" in der Lauscherlounge, bewegt sich zunächst auch wirklich fast nur im kleinen Universum dieser Wohnung, die der Erzähler für seinen Bruder hütet. Er unternimmt nichts, sondern fühlt sich nur ängstlich und vor allem sinnfrei.
Langsam beginnt der 25-Jährige, über sich und sein Leben nachzudenken. Dann nimmt er einfachste Handlungen auf: Er kauft einen roten Spielzeugball und wirft ihn gegen eine Wand, stundenlang. Später kommt ein weiteres Kinderspielzeug - ein Hammerbrett - hinzu, das ihn gleichermaßen fesselt und beruhigt. Er erschafft selbst ein Vakuum in einem Marmeladenglas, schickt meterlange Faxe an einen Freund und schreibt eine E-Mail an einen berühmten Forscher. Nach und nach verlässt der Protagonist seine Wohnung, trifft andere Menschen, kommt zu Erkenntnissen, stellt Listen über sich und sein Leben auf, um es zu ordnen, und trifft schlussendlich doch große Entscheidungen. Er scheitert nicht am Leben, sondern nimmt es nach einer Auszeit wieder in die Hand.

Das Hörbuch, obwohl ausgezeichnet vorgetragen von Andreas Fröhlich, hinterlässt eher zwiespältige Gefühle beim Hörer. Es ist, um mal beim Titel zu bleiben, eher naiv als super (Auf Deutsch erschien der Roman übrigens zuerst unter dem Titel "Die Tage müssen anders werden, die Nächte auch".)
Was soll man von einem Mann halten - immerhin Mitte zwanzig -, der stundenlang einen Ball gegen eine Wand wirft? Der kindliche bis kindische Gedanken hat? Der lange Listen führt, was er als Kind mochte und was er jetzt mag? (Diese Aufzählungen, etwa von Tieren, die man schon einmal "in echt" gesehen hat, können gefühlte Minuten dauern.) Der Angst vor allem hat und sich Mut antrinken muss, um ein wissenschaftliches Buch über die Zeit zu lesen?
Wer nicht gerade selbst in einer ausgeprägten Sinnkrise steckt und nicht zu den extrem grüblerischen Menschen gehört, der wird von dieser Story unter Umständen schwer genervt sein, weil der Protagonist so unglaublich viele Gedanken hat, die einfach nur belanglos scheinen - und weil er so passiv ist. Zu Beginn wirkt das noch interessant und irgendwie auch schräg, aber vier CDs auf unterhaltsame Art und Weise damit zu füllen, ist schon etwas schwieriger. Wenn das hier Beschriebene die Welt der heutigen 20- bis 30-Jährigen ist, dann gute Nacht, könnte man ziemlich fies sagen.

Wer sich allerdings schon einmal ähnlich gefühlt hat wie der Ex-Student, ohne Lebenssinn und -zweck, der könnte mit dem hier Erzählten durchaus sympathisieren. Denn gerade durch die vielen kleinen Schritte und die strukturierenden Listen gelingt dem Erzähler der Weg aus der lähmenden Sinnkrise. Seine Aktivitäten dürften den meisten Menschen eher ein mitleidiges Lächeln entlocken - wer gibt schon zu, dass er sich entspannt, indem er stundenlang Kunststoffbolzen in ein Brett hämmert? -, manchmal aber enthält "Naiv. Super." doch einige Wahrheiten, nämlich unter anderem die, dass wir als Kinder sorglos und glücklich waren, meistens jedenfalls - und dass wir es uns durchaus ohne Scham erlauben sollten, zu den ganz einfachen Dingen zurückzukehren, was auch immer andere davon halten mögen.
Deutlich aufgewertet wird dieses Buch einerseits durch die wirklich lebendige und ansprechende Lesung von Andreas Fröhlich, zum anderen durch die sehr liebevolle grafische Aufmachung des Hörbuchs.

"Naiv. Super." ist, obwohl das Buch als Kultroman gilt und für den Autor der große Durchbruch war, auf jeden Fall Geschmackssache. Der eine wird es für weise halten, der andere für belanglos und langweilig. Definitiv kein Mainstream-Hörbuch; durch den Vortrag von Andreas Fröhlich ist es das Reinhören durchaus wert.

Christina Liebeck



CD | CD-Anzahl: 4 | Erschienen: 01. Mai 2009 | ISBN: 9783785738740 | Laufzeit: 375 Minuten | Originaltitel: Naiv. Super. | Preis: 19,95 Euro

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