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 Das Gedächtnis

Entwicklung, Funktionen, Störungen

Serie: Wissen
Autoren: Hans J. Markowitsch
Verlag: C. H. Beck

Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Bildqualität
Preis - Leistungs - Verhältnis
Schon Sophokles schrieb in "Der gefesselte Prometheus": "Der Schrift Gebrauch erfand ich und die Erinnerung, | Die sagenkundige Amme aller Musenkunst.“ Und wahrscheinlich nicht erst seit dieser Zeit, doch auf jeden Fall bis heute andauernd, fasziniert uns das Gedächtnis, ob es nun gerade das uns Angenehme oder Brauchbare liefert oder eben genau dieses versagt.

Die moderne Psychologie und dann die Neurophysiologie haben durch intensive Forschung und Theoriebildung seit über hundertfünfzig Jahren viele Rätsel des Gedächtnisses lüften können. Der moderne amerikanische Psychologe Daniel Schacter nannte eins seiner Bücher schlagkräftig "Wir sind Erinnerung". Mit Sophokles könnte man sagen, dass wir an unsere Erinnerung gefesselt sind wie Prometheus an den Felsen.
Schacter ist eine internationale Koryphäe der Gedächtnisforschung; Hans Markowitsch, der Autor dieses Buches, ein ebenfalls international angesehener und viel zitierter Wissenschaftler. Dieses Buch allerdings hat er nicht für den akademischen Fachbetrieb geschrieben, sondern für den interessierten Laien zum Hausgebrauch. Es erläutert im Überblick den Stand der Forschung. In neun Kapiteln werden Aspekte des Gedächtnisses dargestellt.

Der Bezug zur Persönlichkeit, den Schacter in seinem Buchtitel so einprägsam formuliert hat, wird von Markowitsch im ersten Kapitel aufgegriffen und wichtige Verbindungen erörtert. Zu diesen Verbindungen gehören die Konstruktion von Erinnerungen, seien diese ungewollt, wie bei neurotischen Verarbeitungen, oder gewollt, wie dies Alfred Adlers Individualpsychologie praktizierte und neuerdings das NLP. Dazu gehören auch Formen des Erinnerns und der Umgang mit Abrufreizen, die für das Gedächtnistraining wichtig sind (Markowitsch kommt in dem dem Gedächtnistraining gewidmeten Kapitel darauf zurück).
Das zweite Kapitel erörtert Unterschiede zwischen dem Gedächtnis von Tieren und Menschen und die Bedeutung dieser Unterschiede für das Leben. Gerade die Flexibilität des menschlichen Gedächtnisses bietet gegenüber vielen Gedächtnissen von Tieren einen wesentlichen Vorteil. Zudem scheinen Menschen sehr viel besser zeitliche Abfolgen (Episoden) speichern zu können, weshalb sie in der Lage sind, ihre eigene Biographie im Kopf mit sich zu tragen, diese zu reflektieren und danach das Handeln wählen zu können.
Das umfangreichste Kapitel ist das dritte. Hier werden Formen des Einspeicherns, des Archivierens und des Abrufs von Erinnerungen dargestellt. Die wesentliche Bedeutung des Gedächtnisses für die Konstruktion von „Zeit“, aber auch die Bedeutung der Zeit für die Leistungen des Gedächtnisses, bilden eine Art Kernproblem des Erinnerns.

Das vierte Kapitel stellt Gedächtnisprozesse und Gedächtnissysteme vor. Bei Gedächtnisprozessen gibt es zum einen ein bewusstes Abspeichern, bzw. bewusstes Umgehen mit Erinnerungen, zum anderen ein vorbewusstes Abspeichern und ein unwillkürliches Erinnern. Diese Unterscheidung ist als implizites/explizites Gedächtnis bekannt. Markowitsch stellt diese vor. Darauf aufbauend gibt es verschiedene Gedächtnissysteme, die für verschiedene Erinnerungstypen zuständig sind. Markowitsch zählt die fünf unstrittigen Typen auf. Das prozedurale Gedächtnis speichert zum Beispiel Bewegungsabfolgen, die für einen automatisierten Umgang mit der Umwelt nötig sind. Als wichtigstes Beispiel ließe sich hier das Laufen nennen, das von Kleinkindern mühsam eingeübt wird, später aber beiläufig erfolgt.
Ein knappes fünftes Kapitel stellt Methoden der Messung von Gedächtnisleistungen vor. Diese Messungen basieren auf recht komplizierten, mathematisch hoch anspruchsvollen Formeln. Markowitsch geht deshalb auch nicht weiter in die Tiefe. Für die Funktion des Gedächtnisses sind die Hintergründe der quantitativen psychologischen Forschung sowieso wenig erhellend.
Das sechste Kapitel thematisiert einige wichtige neurophysiologische Grundlagen des Erinnerns, während das siebte Kapitel Formen des Vergessens aufgrund psychischer Probleme darstellt. Im achten Kapitel schließlich zeigt Markowitsch grundlegende Richtlinien für ein gutes Gedächtnistraining auf. Das abschließende neunte Kapitel stellt – noch einmal – die Bezüge zwischen dem individuellen Gedächtnis und dem individuellen Leben her.

Mit kaum mehr als einhundert Seiten vermag dieses Büchlein Erstaunliches zu leisten. Der Leser bekommt im Großen und Ganzes einen guten Einstieg in die moderne Hirnforschung. Trotzdem ist natürlich die Darstellung gedrängt, so dass man sich Zeit lassen sollte, wenn man sich das Wissen dieses Buches aneignen will. Ein anderer Rezensent bemängelte, dass der Autor sich in Details verzettele. Diese Einschätzung entstand vermutlich aus einer Fehldeutung der sehr komprimierten Informationen. Das Buch ist sehr klar geschrieben, aber eben nicht auf ein ‚easy reading’ ausgelegt.

Dass dieses Buch sehr begeistern kann, liegt mit Sicherheit zum einen daran, dass Markowitsch das Gebiet seit dreißig Jahren intensiv mit eigenen Forschungen und Publikationen begleitet. Zum anderen aber spürt man den Praktiker, der mit Hirngeschädigten und ihren Familien viel empathischen Umgang hat. Der Autor lässt die Wichtigkeit seiner Informationen durchscheinen und stellt eine dichte Anbindung zum Alltag her. Das Buch ist eine Einführung in ein Forschungsgebiet, kein Trainingsbuch. Trotzdem wird sich der aufmerksame Leser viele praktische Anregungen und Erklärungen herauslesen können.

Fazit: Ein fesselndes, dichtes Buch über den vielleicht wichtigsten Aspekt des Menschseins. Und für diesen Preis gehört es in wirklich jeden Bücherschrank.

Frederik Weitz



Taschenbuch | Erschienen: 16. Februar 2009 | ISBN: 9783406562600 | Preis: 7,90 Euro | 128 Seiten | Sprache: Deutsch

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