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 Der Auftrag

Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Tina von Lambert, die Frau des berühmten Psychologen Otto von Lambert, wird vergewaltigt und ermordet. Unweit der Al-Hakim-Ruine, religiöses Zentrum des Wüstenstaates, in dem sich die seit Monaten verschwundene Frau aufhielt, hat man ihre von Schakalen bereits weitgehend zerrissene Leiche gefunden. Nach der Überführung und Beerdigung, die die Filmemacherin F. aus Interesse an dem Fall mit ihrem Team gefilmt hat, bittet sie Otto von Lambert um ein Interview. Er gesteht, seine psychisch kranke Frau nach ihrem Verschwinden nicht gesucht zu haben und insoweit eine Mitschuld an ihrem Tod zu haben. Er bittet F. um die Klärung der näheren Umstände des Todes seiner Frau.

F. zögert, ahnt sie doch, dass sie sich in erhebliche Gefahr begibt, wenn sie in dem von Krieg und Diktatur zerrissenen Wüstenstaat versucht herauszufinden, wer die Frau vergewaltigt und ermordet hat. Sie führt ein längeres Gespräch mit D., einem befreundeten Logiker. Der rät ihr dringend ab, sich dieser Sache zu widmen. Dennoch sagt F. Otto von Lambert zu, begibt sich in die Schweiz und schließlich direkt an den Ort des Verbrechens. Sie gerät zwischen die Fronten von Geheimdienst, Polizeichef und verschiedenen Fraktionen und ist sich schon bald nicht mehr ihres Lebens sicher. Doch sie gibt nicht auf und will unbedingt herausfinden, wer Tina von Lambert ermordet hat.

1986 veröffentlichte Friedrich Dürrenmatt die Novelle „Der Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter“. Vordergründig eine Kriminalgeschichte, geht es dem Autor viel mehr um eine psychologische Studie. Er verortet sein Stück in einem fiktiven Staat, der zwischen verschiedensten Machtinteressen zerrissen scheint. Seine verschachtelte Handlung beinhaltet sowohl eine sehr direkte Gesellschaftskritik, die sich an der zum Voyeurismus tendierenden Medienwelt entzündet, als auch eine tiefgründige psychologische Spurensuche nach den Folgen eines sinnlosen Krieges für Soldaten, Kriegsberichterstatter und Unbeteiligte.

Ein besonderer Kniff Dürrenmatts ist die Struktur des Textes. Er lässt die komplette Handlung in vierundzwanzig Sätzen – unzählige Kommas und Einschübe verwendend – geschehen. Für den Leser nicht immer einfach, gerät dieses Stück so zu einem schriftstellerischen Bravourstück.
Im vorliegenden Hörbuch findet sich auf den ersten zwei CDs der komplette Text, wenn auch beim Zuhören nicht immer augenfällig wird, das jedes Kapitel nur aus einem einzigen Satz besteht.

Brillant vorgetragen von der Charlotte Kerr, Ehefrau Dürrenmatts, der das Buch auch gewidmet ist, und Gert Heidenreich, ist es ein intellektuelles Vergnügen, zu hören, wie dieser große Autor mit Worten, Sätzen und Handlungselementen spielt. Einzig die dritte CD, die die ersten elf Sätze – mithin also etwa die Hälfte des Buches – von Charlotte Kerr und Friedrich Dürrenmatt vorgetragen enthält, ist zu kritisieren. Zwar mag es interessant sein, den großen Autor selbst erleben zu können, doch die komplexen Sätze auch noch in der langatmigen, zögernden, stockenden und wenig modulierten Stimme Dürrenmatts ertragen zu müssen, nachdem man den hervorragenden Heidenreich genossen hat, ist einfach nur überflüssig – zumal eben nur die Hälfte des Buches auf dieser dritten CD hörbar wird. Hier hätte eine zwei CDs umfassende – dann womöglich günstigere – Ausgabe mehr Sinn gemacht.

„Der Auftrag“ ist ein grandioses Stück Weltliteratur, das man dank Heidenreich und Kerr auch auf dem Hörbuchsektor zum Besten zählen muss, was es zu kaufen gibt. Leider dank einer fragwürdigen dritten CD ein wenig zu teuer.

Stefan Erlemann



CD | CD-Anzahl: 3 | Erschienen: 23. Juni 2009 | Laufzeit: 214 Minuten | Preis: 24,90 Euro | Sprache: Deutsch

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