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 Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen Bd. 1


Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
England, 1898: An der Schwelle zum 20. Jahrhundert findet sich das britische Empire in höchster Bedrängnis wieder. Aus dem Labor von Professor Selwyn Cavor wurde ein vollkommen neues Element – Antigravitationsmaterie – entwendet. Der MI5 vermutet als Drahtzieher hinter dem Diebstahl ein aus China stammendes Verbrechergenie, welches zum König der Londoner Unterwelt aufgestiegen und nur als „der Doktor“ bekannt ist. In den falschen Händen stellt die gestohlene Materie namens Cavorit eine ungeheuere Bedrohung dar – nicht nur für das viktorianische England, sondern für die gesamte Welt.
Im Auftrag des geheimnisvollen „M“ rekrutiert der undurchsichtige Campion Bond eine Gruppe von höchst außergewöhnlichen Individuen, welche das Cavorit zurückerobern soll: Der Abenteurer Alan Quatermain, Kapitän Nemo, der unsichtbare Hawley Griffin, Dr. Henry Jekyll und sein bestialisches Alter Ego Edward Hyde sowie Mina Murray, geschiedene Harker. Doch Zwiespälte treiben sich wie Keile zwischen die einzelnen Mitglieder dieser „Liga“, jeder scheint dieses Unternehmen nur aus Eigennutz zu unterstützen. Können die außergewöhnlichen Gentlemen einander trauen? Und wie steht es um Bond und seinen rätselhaften Auftraggeber? Nichts ist so, wie es zu sein scheint, und die Jagd nach dem Cavorit wird nicht nur zu einem Wettlauf gegen die Zeit, sondern auch zu einem moralischen Spießrutenlauf, der sich um nichts Geringeres als das Schicksal der Welt dreht …

2003 lief „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ des britischen Filmregisseurs Stephen Norrington („Blade“) in den Kinos an und wurde von Kritikern wie Fans der Graphic Novel zerrissen. Auch Alan Moore, Autor der Comicreihe „The League of Extraordinary Gentlemen“, zeigte sich äußerst unzufrieden darüber, wie sein komplexes Werk für eine anderthalbstündige, anspruchslose Action-Orgie zurechtgestutzt worden ist, so dass er die Konsequenzen daraus zog: Im Falle künftiger Verfilmungen seiner Werke, von denen jedes einzelne als Meisterstück hochgehalten wird, sollte auf die Nennung seines Namens verzichtet werden. Führt man sich nun den ersten Band der Reihe „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ zu Gemüte, ist Moores Entscheidung – hält man sich seine enge Bindung zum Medium Comic vor Augen – voll und ganz nachvollziehbar, denn: So anspruchslos und reich an Logik(schlag)löchern die Verfilmung auch ist, so komplex und von hohem Niveau ist die Graphic Novel.

Auf über 190 Seiten entfaltet Alan Moore eine abenteuerliche Geschichte vor viktorianischer Kulisse, welche Anzeichen technischer Modernität und eines ungeheuren Zukunftsglaubens aufweist. Im Gegensatz zu anderen Meisterwerken des britischen Gottes der Graphic Novel erscheint die Handlung jedoch vergleichsweise geradlinig und frei von tiefgründigen Ebenen; es fehlen der dystopisch-gesellschaftskritische Blick eines „V wie Vendetta“ ebenso wie die moralische Reflexion über das Tun der Pro- und Antagonisten eines „Watchmen“. Stattdessen nimmt sich „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ für seinen Plot den Abenteuerroman und die utopische Literatur des 19. Jahrhunderts zum Vorbild und entspinnt das rasante Abenteuer eines Elitebundes literarischer Figuren, der gegen einen unsichtbaren und scheinbar übermächtigen Feind anzukämpfen hat. Der Wille, sich der Unterhaltungsromane anzunähern, geht sogar soweit, auf Rassismen und Exotismen aus dieser Zeit Bezug zu nehmen. So ist von „Mohammedanern“ anstelle von Muslimen die Rede und die Chinesen werden als raffiniertes, aber heimtückisches Volk gezeichnet.

Man täte Moores Comic jedoch vollkommen Unrecht, schimpfe man ihn als Werk mit geringem Anspruch. War es etwa in „Watchmen“ der kritische Blick auf das Superhelden-Genre, welches mit dieser Graphic Novel vom Stigma trivialer Schundliteratur befreit wurde, so spielt „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ mit den großen Romanklassikern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und präsentiert Comic-Unterhaltung mit Hintersinn. Die relativ geradlinige Geschichte ist hierbei keineswegs ein Makel, vielmehr liest sie sich vorzüglich als Hommage an große Meisterwerke visionärer Unterhaltungsliteratur, wie sie etwa ein Jules Verne hervorgebracht hat. Auch die Charakterisierung der Figuren führt vor Augen, dass sich hinter dem Schein trivialer Oberflächlichkeit mehr verbirgt: Die Helden der „Liga“ agieren keineswegs als heroische Einheit, vielmehr besteht die Gruppe aus teils starrköpfigen, teils aus Eigennutz agierenden Individuen, von denen keines frei von Schwächen ist: Alan Quatermain wird als opiumsüchtiges Wrack gezeichnet, der kaum noch Ähnlichkeit mit dem Helden der vielen Geschichten, die man sich von ihm erzählt, aufweist, Hawley Griffin nutzt seine Unsichtbarkeit schamlos aus, um sich an den jungen Frauen eines streng geführten Mädcheninternats zu vergehen, und wenn der schüchterne Jekyll des nachts die anrüchigen Pariser Viertel auf der Suche nach leichten Mädchen durchquert, kann für diese ein gehemmter Kunde schnell zu einer blutrünstigen Bestie werden. Ein moralischer Fleckenteppich anstelle einer geschlossenen Heldenfront.

Das Spiel mit den literarischen Verweisen ist opulent und schwingt stets im Hintergrund mit. Die mehrmalige Lektüre des Comics ist vonnöten, um die Komplexität dieses Spiels in seiner Gesamtheit zu erfassen, da die Sichtbarkeit der Anspielungen variiert: Während im Falle der Mitglieder der „Liga“ die Namen der Autoren praktisch auf der Hand liegen, streut Moore in den Dialogen raffiniert versteckte Hinweise ein, deren Erkennen ein umfangreiches Wissen um die Werke Jules Vernes, Edgar Allan Poes, H. G. Wells’ oder Sax Rohmers – um nur einige zu nennen – voraussetzt. Je belesener der Rezipient in der Unterhaltungsliteratur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist, desto größer das Lesevergnügen, dem man frönen kann. Moore vermeidet es zugleich souverän, sein Spiel zu übertreiben oder es dem Leser förmlich aufzudrängen oder gar mit seiner Bildung hausieren zu gehen.

Für die grafische Umsetzung von Moores unterhaltsamer und witziger Geschichte zeichnet Kevin O’Neill („Marshal Law“) verantwortlich. Sein Stil ist geprägt von kantigen Physiognomien, die nicht selten auch etwas Karikaturhaftes besitzen. Jeder Charakter – die Protagonisten wie auch die unzähligen Statisten – verfügt über einmalige Gesichtszüge, was ihn unverwechselbar macht. Interessant ist eine Eigenheit des Comics, der die Dialoge betrifft: Unterhaltungen in einer fremden Sprache werden keine Übersetzungen zur Seite gestellt, hier und da fragt eine der Figuren nach, worüber gesprochen wurde; sollte dies nicht der Fall sein, obliegt es dem Leser, sich einen Reim daraus zu machen.

Abgerundet wird der vorliegende Band durch einen üppigen Anhang: Eine aus sechs Kapiteln bestehende Erzählung – eine Art Vorgeschichte zur Graphic Novel – zeugt von Alan Moores schriftstellerischem Können abseits des Comics, eine Bildergalerie wartet mit den Covern der Originalausgaben auf.

Mit dem ersten Band seiner hoch gelobten Graphic-Novel-Reihe „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ ist Alan Moore ein literarisches Vexierspiel gelungen, welches seine Komplexität und seinen hohen Anspruch auf bemerkenswerte Weise in ein Korsett belletristischer Kost zu zwängen scheint und damit das intertextuelle Spiel auf die Spitze treibt. Diese „Literaturadaption“ der besonderen Art ist gewiss nicht sein größtes Werk, unbestritten aber sein unterhaltsamstes.

Michael Höfel



Softcover | Erschienen: 23. Januar 2009 | ISBN: 9783866077089 | Originaltitel: The League of Extraordinary Gentlemen, Vol. I | Preis: 19,95 Euro | 192 Seiten | Sprache: Deutsch

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