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 Die Geschichte des Edgar Sawtelle


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Als Edgar Sawtelle zur Welt kommt, merken die Ärzte schnell, dass etwas nicht stimmt: Der Junge kann keinen einzigen Laut äußern, schreit nicht und gibt auch sonst keine Geräusche von sich. Sein Gehör ist allerdings vollkommen in Ordnung.
Mit den Jahren arrangieren sich Edgars Eltern damit, dass sie die Stimme ihres Sohnes niemals hören werden, denn die Verständigung mittels Gebärdensprache funktioniert ausgezeichnet. Das Leben der Familie Sawtelle auf der kleinen Farm in Wisconsin ist durch und durch geprägt von Hunden – Edgars Eltern haben eine Hundezucht, in der sie eine eigene Rasse, die Sawtelle-Hunde, aufziehen und trainieren. Auch Edgars Leben wird beherrscht von der Arbeit mit den geliebten Hunden, mit denen er sich durch Zeichensprache präzise verständigt, allen voran Almondine, die ihn seit seiner Kindheit beschützt und wie ein Schatten immer bei ihm ist.
Dann, als Edgar vierzehn ist, bricht das Unheil über seine bisher so heile Welt herein: Edgars Vater stirbt, und Edgar hat bald den Verdacht, dass es kein natürlicher Tod war, sondern dass sein Onkel Claude ihn getötet hat. Zwischen den beiden Brüdern herrschte schon immer Rivalität und Streit. Niemand glaubt Edgar, und als es zur Katastrophe kommt, flieht der Junge, begleitet von drei Hunden, in die Wildnis …

„Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ ist der Debütroman von David Wroblewski und in den USA ein absoluter Erfolg, der monatelang die Bestseller-Listen anführte. Anders als es der Klappentext verheißt, handelt sich nicht um einen reinen Abenteuer-Roman, in dem sich ein Junge mit seinen Hunden durch die Wildnis schlägt. Diese Episode kommt erst recht spät im Buch und ist auch nicht besonders lang – wenn sie auch sehr gelungen ist und mit das Herzstück des Romans darstellt; im Mittelpunkt steht aber vielmehr das Leben Edgars vor diesem Bruch - der Verlust des Vaters, der mühsame Kampf mit der Mutter um das Überleben der Farm und natürlich Hunde, immer wieder Hunde.
Man liest deutlich heraus, dass Wroblewski selbst auf einer Farm aufwuchs und sich mit dem ländlichen Leben, mit Hunden und der Hundezucht sehr gut auskennt. So liebevoll sind seine Beschreibungen, so schön die Sprache, die Gedanken, die täglichen Handgriffe im Umgang mit den Tieren beschrieben, dass Wroblewski auch das Herz derjenigen für sich einnimmt, die keinen besonderen Bezug zu den Vierbeinern haben. Und irgendwie schafft der Autor das Kunststück, den Roman trotz der rührenden Geschichte eines stummen Jungen und seiner treuen Hunde nicht kitschig erscheinen zu lassen, auch wenn es viele sehr aufwühlende Momente gibt und sogar ein paar übersinnliche Passagen.

Sogar die (raren) Kapitel, in denen Wroblewski aus der Sicht der Hündin Almondine schreibt – ein gewagtes Experiment – sind schlüssig und wunderbar zu lesen: „Wenn sie nicht bereits schlief, lag sie im Schatten und wartete darauf, dass der Schlaf wiederkehrte. Dann war alles wie früher, als sie noch eins waren und er neben ihr herlief, rosig, kleingliedrig, tapsig. In jenen Nächten hatte das Gebälk des Hauses für sie beide geatmet, und in Almondines Gelenke war noch kein Sand gedrungen“.
Immer wieder erstaunt die Fähigkeit des Autors, auch ganz banale Szenen durch seinen Stil magisch und wunderbar zu machen – etwa wenn Edgar nach einer langen Hungerphase in eine Hütte einbricht und Lebensmittel stiehlt: „Einen so freundlichen Ort hatte er seit Tagen nicht mehr gesehen. Er ließ sich in Indianerstellung nieder, die Hunde umstanden ihn wie versteinert, und wie ein Zauberer, der ein Kunststück vorführt, begann er, den Dosenöffner über den Rand einer Dose Schweinefleisch mit Bohnen zu führen“.

„Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ ist einerseits eine gefühlvolle und spannende Erzählung um Liebe, Loyalität, Verrat und Rache, die durch die Brudermord-Thematik deutliche Parallelen zu „Hamlet“ aufweist, andererseits aber ein großer, warmherzig und geduldig erzählter (Familien-)Roman über das Leben auf einer Farm im mittleren Westen der USA.
Das Ende ist ziemlich erschütternd und dürfte all jenen, die auf ein Happy End und eine Lösung aller Erzählstränge hoffen, nicht gefallen. Insgesamt ist dieses Buch eine unbedingte Leseempfehlung für alle, die keine Angst vor rührenden Passagen und ausschweifenden Beschreibungen des Landlebens auf einer Farm haben.
Ein erstaunliches, auf eine wunderschöne Art altmodisches Debüt, das man gelesen haben sollte!

Christina Liebeck



Hardcover | Erschienen: 13. Juli 2009 | ISBN: 9783421044143 | Originaltitel: The Story of Edgar Sawtelle | Preis: 22,95 Euro | 699 Seiten | Sprache: Deutsch

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