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 Einführung in die Dramenanalyse

7. Auflage

Serie: Sammlung Metzler, Band 188
Autoren: Bernhard Asmuth
Verlag: Metzler

Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Bildqualität
Preis - Leistungs - Verhältnis
Wenn man an Dramen denkt, denkt man vorzugsweise an Theaterstücke, die längst nicht mehr geschrieben werden, sondern Artefakte der Vergangenheit sind. Im Allgemeinen glaubt man auch, dass Dramen vor allem Literaturwissenschaftler etwas angehen, oder – höchstens – noch all die, die gerne ins Theater gehen, aus welchen Gründen auch immer.
Dass Dramen allerdings immer noch aktuell sind, dass sie etwas zu sagen, etwas zu vermitteln haben, erfährt man erst, wenn man sich länger und intensiver mit dieser Literaturgattung auseinandersetzt.
Obwohl Asmuth in diesem Buch nicht auf die aktuelle soziale Funktion des Dramas zielt, bietet er hier das Werkzeug, um Dramen nach ihrem Gehalt zu analysieren. Tatsächlich muss man zunächst auf die historischen Gegebenheiten referieren.

In zwölf Kapiteln analysiert und problematisiert der Autor die Begrifflichkeiten der Dramenforschung, stellt Beispiele vor, fasst zusammen und erörtert neue Perspektiven der Dramenanalyse. Diese Kapitel seien hier zunächst in Übersicht dargestellt, da sie sich durch ihre Titel im Wesentlichen selbst erläutern:

I. Wesentliche Elemente des Dramas
II. Hinweise zu Textausgaben und Sekundärliteratur
III. Titel und Arten des Dramas
IV. Die Gliederung des Dramas
V. Nebentext, Episches und die Kommunikation mit dem Publikum
VI. Die Gestaltung der Figurenrede
VII. Die Personen
VIII. Exposition und verdeckte Handlung
IX. Wissensunterschiede
X. Aspekte des Handlungszusammenhangs
XI. Das Drama als Sinnzusammenhang
XII. Die Aufführung und ihre Illusionswirkung

Das erste Kapitel stellt – selbstverständlich – zum einen die Dramendefinition von Aristoteles vor, zum anderen, wie die Überschrift schon sagt, die wesentlichen Elemente des Dramas. Zunächst wird aber auf das Problem hingewiesen, Dramen zu definieren. Asmuth stellt das Problem als eine Kluft zwischen dem Allgemeinbegriff des Dramas und dem historisch konkreten Einzeldrama dar: man mag sich zum Beispiel fragen, ob Heiner Müllers Text ‚Bildbeschreibung’, obwohl für die Aufführung geschrieben, noch ein Drama ist, fehlen ihm doch sowohl eindeutige Personen, als auch Handlung, als auch Figurenrede.
Schon Aristoteles hat die wichtigsten Elemente des Dramas vorgestellt. Auch dies wird im ersten Kapitel referiert. Diese sind der mythos (= Handlung), ethos (= Charakter beziehungsweise Figur), lexis (= Rede), dianoia (= Absicht), opsis (= Schau) und melopoiia (= Gesang, Musik). Bis auf den Gesang, der heute noch in Musicals auftaucht, haben sich diese Elemente bis heute gehalten, wenn auch oft unter anderen Begriffen. Selbst für Krimis und Thriller und die meisten Filme gelten diese Elemente.

Asmuth stellt im weiteren eher ‚äußerliche’ Aspekte des Dramas vor (Kapitel II., III. und V., und im weitesten Sinne auch Kapitel XII., da hier eher eine Analyse der Inszenierung anvisiert wird), ‚innere’ Elemente (Kapitel I., IV., VI., VII.) und ‚innere’ Strukturen (Kapitel IV., VIII., IX., X.). Das Drama als sozial Bedeutendes wird im XI. Kapitel fokussiert. Natürlich sind diese vom Rezensenten vorgenommene Einteilungen grob: Dramen bilden in sich diese Zusammenhänge ab und so spricht der Autor die anderen Aspekte immer auch mit an. Anders gesagt: Man kann nicht von Elementen sprechen, ohne die Strukturen mitzuthematisieren, in denen diese Elemente eingebunden sind; man kann nicht von Handlungen sprechen, ohne gleichzeitig von Personen zu sprechen.

Insgesamt schreibt der Autor eine wunderbare Einführung. Nicht umsonst ist dies, neben Pfisters Buch Das Drama, ein Klassiker der Dramenanalyse. Im Gegensatz zu Pfister, der Anglist ist und damit häufig auf englischsprachige Dramen referiert, ist Asmuth Germanist und stellt die deutschsprachigen Dramen in den Mittelpunkt.
Die Darstellung der Analyse wird durch gute Definitionen, viele Beispiele und eine eingängige Sprache sehr vereinfacht. Alleine die Vielfalt an Begriffen ist zunächst schwierig zu handhaben. Dies ist allerdings eine Notwendigkeit, spiegelt sie doch die Vielfalt der dramatischen Literatur wider.
Bis zu diesem Punkt ist das Buch rückhaltlos zu empfehlen.

Wie viele literaturwissenschaftliche Bücher hat diese Einführung allerdings auch einen wesentlichen Knackpunkt. Dieser offenbart sich gleich im ersten Kapitel. Er betrifft die Handlung, oder vielmehr die Einheit der Handlung. In Dramen wird gesprochen und gehandelt und dementsprechend gibt es die verbale und die nonverbale Handlung. Asmuth erläutert dann die Probleme, die verschiedene Handlungsbegriffe aufwerfen, bis hin zu Pfisters fragwürdiger Unterscheidung von Handlung, die personengebunden ist, und Geschehen, das nicht an Personen gebunden ist (Stürme, Unfälle und dergleichen). Das Problem des Handlungsbegriffs ist nicht, wie er weiter aufgegliedert werden kann, sondern zunächst, wie eine einzelne Handlung überhaupt ‚einzeln’ werden kann. Der Soziologe Niklas Luhmann schlägt hier, knapp gesagt, folgendes vor: Sie Einheit der Handlung ist eine beobachtete Einheit; die Einheit wird gleichsam von außen aufgezwungen: Sie ist der Handlung selbst nicht immanent, denn diese ist ‚nur’ Körperbewegung; mithin muss unterhalb und jenseits der Handlung die Beobachtung und zwar die sinnhafte Beobachtung von Handlung als das die Handlungseinheit Prägende angesetzt werden. Deshalb kann das wichtigste Element des Dramas auch nicht die Handlung, sondern höchstens die beobachtete Handlung sein. Diesem Umstand wird selten Rechnung getragen und auch bei Asmuth erscheint dieses Problem dann nicht als ein basaleres Erkenntnis-, sondern als ein spezifisches Definitionsproblem. Dasselbe Problem sucht auch den Begriff der Handlungssequenz heim: Ob und wie mehrere Handlungen eine Sequenz ergeben, liegt an dem Sinn, den ein Beobachter dieser Sequenz zuspricht und nicht an ihrer Natürlichkeit, Gewöhnlichkeit oder was auch immer. Auch für die Dramenanalyse müsste also von handlungsorientierten auf sinnorientierte Ansätze umgestellt werden. Zumindest ließe sich damit ein fundamentales Problem vermeiden, dass schon bei Lessing, schon bei Hegel und Schlegel erörtert wird.

Da es bisher – nach Wissen des Rezensenten - keine Alternativen zu der handlungsorientierten Dramenanalyse gibt, da der Autor höchst kenntnisreich, kritisch, verständlich schreibt, vermag der Schlenker über Luhmann wenig von der Qualität dieser Einführung zu nehmen, und sei es deshalb, dass man keine Bücher empfehlen kann, die noch nicht geschrieben worden sind.
Vergleicht man Asmuths Einführung mit dem anderen Klassiker, Pfisters Das Drama, so geht Pfister vergleichsweise wesentlich analytischer vor, bis hin zur reinen Klassifizierung, deren Anbindung an die Interpretation – der eigentlichen Aufgabe der Dramenanalyse – für Studienanfänger und Laien problematisch sein dürfte. Insofern ist Asmuth eingängiger und praktischer als Pfister, Pfister schwieriger, aber – sieht man vom nämlichen Problem der Handlungseinheit ab – genauer. Deshalb kann man Asmuths Buch, zunächst, den Vorrang geben.

Fazit:
Zu Bernhard Asmuths Einführung gibt es bisher keine so kompakte, so kompetente und so praxisnahe Alternative. Dieses Buch kann schon deshalb empfohlen werden, weil es unumgängliche, alternativenlose Pflichtlektüre für jeden Germanisten und an Dramen und Theater interessierten Laien ist.

Frederik Weitz



Taschenbuch | Erschienen: 13. Juli 2009 | ISBN: 9783476022509 | Preis: 14,95 Euro | 235 Seiten | Sprache: Deutsch

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