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 Glister

Autoren: John Burnside
Übersetzer: Bernhard Robben
Verlag: Knaus

Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Preis - Leistungs - Verhältnis
Das Leben in einer Kleinstadt, die von der Welt vergessen zu sein scheint, ist hart. Auch in dem Städtchen, in dem „Glister“ angesiedelt ist, ist dies so. Und doch ganz anders als überall sonst.

Einst ein Industriestandort, verfällt die Stadt mehr und mehr, nun, da die große Fabrik geschlossen wurde. Was dort produziert wurde, weiß keiner, aber es wird viel gemunkelt über das, was dafür sorgt, dass die Wälder um den Ort herum verflucht scheinen, schwere Krankheiten normal sind und viele junge Menschen schon vor dem zwanzigsten Geburtstag sterben. Es ist eine deprimierende Umgebung, um aufzuwachsen, daher scheint es natürlich, dass immer wieder Jungs verschwinden und gesagt wird, sie hätten die Stadt verlassen, um woanders ihr Glück zu suchen.

Keiner zweifelt an der Theorie, die der Polizist Morrison zusammen mit Brian Smith, dem heimlichen Diktator der Stadt, verbreitet. Doch die Wahrheit, die Morrison kennt, zerfrisst ihn: Die Jungs sind keinesfalls weggelaufen, sie wurden ermordet, grausam und unverständlicherweise. Doch die Wahrheit soll nicht ans Licht kommen, schließlich will Brian Smith keinen Skandal in „seiner“ Stadt.

Liam hingegen vermisst seinen Freund. Auch dieser ist einer der Jungs, die von heute auf morgen ohne Abschiedsworte verschwanden. Liam ist anders als die meisten anderen Kinder. Er ist intelligent und belesen, würde in der Bibliothek einziehen, wenn er könnte, und fürchtet sich nicht vor den Wäldern „Outertowns“. Auf ihn übt sogar die Fabrik eine Art morbide Schönheit aus, die er sich nicht erklären kann. Dieser Junge nimmt sich vor, das Geheimnis um die verschwundenen Jungen aufzuklären.

„Glister“ ist verstörend. Seltsam unbeteiligt wirken die Charaktere, gleichgültig, hoffnungslos, ohne Perspektive für die Zukunft. Dabei strengen die langen Gedankenpassagen der Charaktere – verschiedene Personen kommen zu Wort, geben Einblick in ihre Gedanken und Gefühle – den Leser mitunter an. Aber es lohnt sich. Langsam wird hier das Bild einer Stadt ausgebreitet, die glaubt, am Abgrund zu stehen und doch schon einen Schritt weiter ist. Boshaftigkeit, Grausamkeit, Verfluchtheit greifen um sich, jeder ist sich selbst der Nächste und doch ist alles irgendwie egal.

Der Roman widmet sich der jungen Generation. Kinder verschwinden und ein Kind, das viel erwachsener wirkt, als es sollte, will das aufklären. Diese Generation, die weiß, dass sie keine Perspektive hat, verstört und rüttelt auf, nimmt den Leser tief mit in die verfluchten Wälder von Innertown.

Man kann nicht genau beschreiben, was dieser Roman nun ist. Ist er zeitgenössische Belletristik? Ein Thriller? Oder gar Fantasy, mit Teufel und Geistern? Von allem etwas und dadurch ein großartiges Buch, das nicht durch offensichtlich mitreißende Handlung besticht, sondern durch ein dicht gewebtes Netz aus Andeutungen und Vermutungen, zusammengehalten von wirklich gelungenen Formulierungen, die immer wieder gesellschaftskritische Töne ausdrücken.

Anja Thiemé



Hardcover | Erschienen: 28. September 2009 | ISBN: 9783813503494 | Originaltitel: Glister | Preis: 19,95 Euro | 288 Seiten | Sprache: Deutsch

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