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 Die Karte meiner Träume


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Bildqualität
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
T.S. Spivet – die Initialen stehen für Tecumseh Sparrow; alle Männer der Familie tragen den Vornamen Tecumseh - ist Kartograph mit Leib und Seele. Umso begeisterter ist er, als er eines Tages einen Anruf des renommierten Smithsonian Institut in Washington erhält, das ihm mitteilt, dass er den hoch angesehenen Baird-Preis gewonnen habe. Dumm nur, dass T.S. mitten im Telefonat wieder klar wird, dass er erst zwölf Jahre alt ist, dass er mit seinen Eltern und seiner Schwester Gracie auf einer Farm in Montana lebt und dass nächste Woche die Schule wieder beginnen wird. Unmöglich also, dass er nach Washington reist, um dort die Auszeichnung entgegenzunehmen, eine Rede vor hunderten von Wissenschaftlern zu halten und danach eine Lehrtätigkeit zu beginnen. T.S. steht vor einem Dilemma – doch dann entschließt er sich, zum ersten Mal in seinem Leben etwas sehr Außergewöhnliches, Mutiges zu tun und sich heimlich auf den Weg in das 4000 Meilen entfernte Washington D.C. zu machen. Es wird eine lange, aufregende Reise, die für T.S. eine Menge Erkenntnisse und Wunder birgt, aber auch Gefahren, Einsamkeit, Wurmlöcher und vieles mehr …

In „Die Karte meiner Träume“ von Reif Larsen muss sich jeder Leser, der sich für Road-Movies, für Familiengeschichten, für den Mittleren Westen, für Wissenschaft und für die zahllosen Wunder und Details unserer Welt interessiert, sofort verlieben. Die Hauptfigur, der zwölfjährige T.S., der die Namen eines berühmten Indianers und eines Spatzen trägt, ist ein liebenswertes, sehr eigenes Genie, das die gesamte Welt erforscht, vermisst, kartographiert. T.S. fertigt Karten, Diagramme und Illustrationen von nahezu allem an – von Menschen, von Tätigkeiten, von Landschaften, von Büchern und sogar von seinen Träumen. Es gibt nichts, was ihn nicht fesselt, nichts, das er nicht ergründen will. Mit gerade einmal zwölf Jahren führt T.S. eine rege Korrespondenz mit Wissenschaftlern weltweit und steuert zahlreiche Illustrationen für angesehene wissenschaftliche Fachpublikationen bei. T.S.' Familie ist ebenso ungewöhnlich: Die Mutter, die T.S. nur „Dr. Clair“ nennt und nie Mom, ist selbst Wissenschaftlerin und jagt seit über zwanzig Jahren dem Traum eines Käfers hinterher, den es wahrscheinlich gar nicht gibt. T.S.' Vater ist ein waschechter Cowboy, ein wortkarger, pragmatischer Mann, der mit seinem Sohn und dessen sonderbaren Karten wenig anfangen kann. Lediglich Gracie, T.S.' ältere Schwester, ist aus T.S.' Sicht ziemlich normal – sie wünscht sich wie alle Teenies ein Leben als Schauspielerin oder Sängerin, fernab von der einsamen Ranch in Montana und dem öden Landleben. Seit Layton, T.S.' jüngerer Bruder, bei einem Unfall mit einer Schrotflinte ums Leben kam, hat sich Schweigen in der Familie breitgemacht – und T.S. fühlt sich entsetzlich schuldig, glaubt er doch, an Laytons Tod Schuld zu sein, zumal Layton der Lieblingssohn des Vaters war, und nicht er, der so gar nicht einem tüchtigen Cowboy gleicht.

Autor Reif Larsen ist das Kunststück gelungen, in seinem Roman sowohl das kindliche Staunen über die Welt einzufangen, das innere Wachsen der Hauptfigur, das sich auf einer 4000-Meilen-Reise fast zwangsläufig ergibt, als auch die komplexe Situation des Spivetschen Familienlebens, das weit entfernt ist vom normalen Familienidyll und das geprägt ist von Schuld und Schweigen.
„Die Karte meiner Träume“ ist, wie es der Hauptfigur und seinen Gedanken entspricht, durchgängig wunderschön illustriert. Auf nahezu jeder Seite findet man Zeichnungen, Karten und Diagramme von T.S., die einen herrlichen Einblick in seine bisweilen schräge, bisweilen geniale Gedankenwelt geben. Hier finden sich unter anderem Schaubilder wie „Mein erstes Experiment zum Trägheitsgesetz“, „Nervöse Handbewegungen“, „Die Vergänglichkeit von Ärger als Donnergrollen“ oder „Meine neun Lieblingsfilme und ihre thematischen Verbindungen auf einer Serviette“.
Allein die zahlreichen Erläuterungen, Skizzen und Anmerkungen machen das Buch lesenswert. Wer die Welt mit den Augen von T.S. Spivet gesehen hat, der wird sie von nun an etwas anders betrachten – in all ihren Details, in all den Dingen, die es lohnen, erforscht und untersucht zu werden. Diesen Roman kann man nicht einfach nebenbei verschlingen, er will sorgfältig gelesen werden, allein schon, damit man die zahlreichen klein gedruckten Anmerkungen lesen und verstehen kann - zumal T.S. eben kein normaler Zwölfjähriger ist, sondern ein Genie, das die meisten Leser von seinem Wissensstand her locker in die Tasche steckt.
Man sollte zahlreiche Abschweifungen mögen, wenn man dieses Buch liest. Hier ist der Weg das Ziel: Ob es sich um eine 4000 Meilen dauernde Reise von Westen nach Osten handelt oder bloß um die Entscheidung, welchen Weg man zum Telefon wählen soll – durch das Zimmer des Vaters, durch den Flur oder als sportlichen Umweg durch den ersten Stock? –, für T.S. sind es all diese Fragen gleich wert, sorgsam durchdacht und erörtert zu werden, und diese Überlegungen brauchen jeweils einige Seiten.

Ein wunderbares, originelles Buch, das beim Lesen die Augen öffnet, ans Herz geht und immer wieder begeistert und erstaunt. Die Aufmachung mit den detaillierten Skizzen und Karten ist ebenso gelungen und sorgt dafür, dass man diese faszinierende Reise durch die USA bald nicht mehr aus Hand legen kann.

Christina Liebeck



Hardcover | Erschienen: 21. September 2009 | ISBN: 9783100448118 | Originaltitel: The selected Works of T.S. Spivet | Preis: 22,95 Euro | 447 Seiten | Sprache: Deutsch

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