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 Fotoreportage: Afghanistan Leben & Sehen

Ungewöhnliche Bilder des Alltags, Widersprüche und Kontraste


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Bildqualität
Preis - Leistungs - Verhältnis
Sieht man in Deutschland in den Medien Bilder aus Afghanistan, so entsprechen diese meistens weitgehend den Erwartungen, die man hat, wenn man sich wenig oder gar nicht mit diesem Land auskennt: Entweder es sind Kriegsbilder oder Fotografien von kargen Landschaften und verarmten Menschen. Die Fotografin und Dokumentarfilmerin Veronika Picmanova hat mehr als zwei Jahre in Afghanistan gelebt und gearbeitet und kann somit aus erster Hand ein authentisches Bild des Landes am Hindukusch vermitteln. In „Fotoreportage Afghanistan Leben & Sehen“ zeigt sie faszinierende und sehr vielseitige Bilder aus dem Alltag einer Kultur, die den meisten Menschen hier doch recht fremd sein dürfte. Doch der hochwertig aufgemachte Hardcover-Band aus dem Verlag Addison-Wesley enthält nicht nur Fotos und Informationen zu Land und Leuten, sondern auch eine ganze Reihe interessanter und wertvoller Tipps für technisch Interessierte – sowohl für diejenigen, die einfach nur gute, professionelle Fotos machen wollen, vor allem im Rahmen einer Fotoreportage, als auch für jene, die tatsächlich in weit entfernte und unter Umständen gefährliche Länder, vielleicht sogar Kriegsgebiete, reisen, um dort zu fotografieren.

Nach einem kurzen Vorwort und einem interessanten Interview, in dem die Autorin über ihre Motive und Erfahrungen während ihres Afghanistan-Aufenthaltes spricht, steigt man mit dem Kapitel „Afghanistan privat“ dort ein, wo eine Reise vielleicht beginnen würde: zu Hause bei einer afghanischen Familie, die Tee anbietet und erste Möglichkeiten bereithält, Land und Leute und ihre Freizeitgewohnheiten kennenzulernen. Neben einem lebensnahen Einblick, wie eine solche Einladung aussieht und wie man sich dort verhält, gibt es auch eine interessante kleine Länderinfo zur afghanischen Küche, die beliebte und wichtige Gerichte und Zutaten aufzählt.

Kapitel 2 beschäftigt sich mit der Hauptstadt Kabul und verdeutlicht, dass Kabul sich vom Rest Afghanistans stark unterscheidet. Die Impressionen aus der Hauptstadt sind entsprechend vielseitig: ein Flugzeugwrack, Straßenhändler, die ersten öffentlichen Toiletten, eine skurrile Action-Figur von Osama bin Laden im Spielzeuggeschäft, zerbombte Häuser, die hiesige Shoppingmeile, die auch allerhand Touristen anzieht.
In Kapitel 3 geht es nach der lebhaften Hauptstadt fotografisch dokumentiert "Durch den wilden Hindukusch“, unter anderem durch Herat, Bamiyan, Istalif, Salang und Mazar-e Sharif.
Kapitel 4 wirft unter dem Titel „Leben und Arbeiten“ einen interessanten Blick auf die Arbeit in einem Wiederaufbauteam der ISAF und einen typischen journalistischen Arbeitstag beim afghanischen Staatsfernsehen. Hochinteressant sind in diesem Kapitel die Ausführungen zum Leben unter widrigen und oft gefährlichen Bedingungen. Wie verhält man sich als Ausländer in einem solchen Land richtig, und vor allem: Wie verhält man sich als Frau? Hier gibt die Autorin auch eine Reihe tatsächlich lebenswichtiger Tipps, wie etwa den, als Frau niemals allein unterwegs zu sein und nie mit dem Taxi zu fahren, sondern sich immer nur mit dem Auto fortzubewegen. Besonders reizvoll sind in diesem Kapitel auch die Hinweise zu Mode, Make-Up und Kleidungsvorschriften, etwa der Hinweis, dass man als Ausländer keinesfalls den Fehler machen sollte, eine Burkha zu tragen, und dass wesentlich wichtiger als verhülltes Haar ein verhülltes Gesäß ist, bei dem man keine Konturen erkennen kann – ein Tuch um die Hüften oder ein Rock über einer Hose sind hier Pflicht! Im Selbstversuch zeigt sich die Autorin außerdem in vier verschiedenen angemessenen Outfits – für den Alltag, für eine Hochzeitsfeier, für den Alltag in westlicher Kleidung und für den Foto-Alltag.

Kapitel 5 zeigt in „Gesichter Afghanistans“ eine Reihe von faszinierenden, ausdrucksstarken Porträtaufnahmen. Hier gibt die Autorin eine ganze Menge wertvoller Tipps zum Thema „Portätaufnahmen im Feld“, also abseits vom Fotostudio, und erklärt einiges zu Gesichtsausdrücken, die es einzufangen gilt, zu Bildausschnitt und Goldenem Schnitt, zu Perspektive, Beleuchtung und Bildkomposition. Zu fast jedem Porträt macht Veronika Picmanova Angaben zur verwendeten Kamera, zu Verlängerungsfaktor, Brennweite, Blende und Belichtungszeit.
Kapitel 6 widmet sich der Fotoreportage, der „Köningsdisziplin mit Tücken“. Picmanova gibt einen kurzen theoretischen Abriss zu dieser Form der Berichterstattung und wendet sich dann einem konkreten Praxisbeispiel zu, nämlich einer Story über das Medical Civilian Aid Program, in dessen Rahmen afghanische Dorfbewohner von Ärzten und Sanitätsoffizieren der Afghan National Army behandelt wurden.
Im kurzen Kapitel 7 dreht sich alles um die Serienaufnahme; auch hier gibt es wieder eine ganze Reihe von wertvollen Praxistipps sowie ein Beispiel einer gelungenen Serienaufnahme, konkret eine militärische Schießübung, die die ISAF durchführte.

In Kapitel 8, „Hinter den Kulissen“, berichtet die Fotografin von einem praktischen Projekt, nämlich einem Werbeshooting für den „Disabled Courier Messenger Service“, dem ersten Fahrradkurierdienst Afghanistans.
Darauf folgt Kapitel 9 mit „Verdeckte Fotografie“, einem spannenden und auch gefährlichen Thema. Hier findet man wieder wertvolle praktische Hinweise, etwa wie man verräterische Spiegelungen der eigenen Kamera verhindert oder dass eine ganz normale digitale Kompaktkamera durchaus eine Geheimwaffe darstellen kann, will man nicht als Fotograf erkannt werden.
Das letzte Kapitel, „Die Vorbereitung“, listet ganz pragmatisch auf, welches Equipment man als Fotograf unbedingt dabei haben sollte und welche kulturellen Besonderheiten und Tabus in islamischen Ländern unbedingt beachtet werden sollten (leider beschränkt die Autorin sich hier weitgehend auf die Ramadan-Regeln). Schließlich gibt es noch einige wichtige Hinweise zu Transport und öffentlichen Verkehrsmitteln und schließlich einen Mini-Sprachführer, der einige wichtige Floskeln in Deutsch, der Landessprache Dari sowie der arabischen Schriftform aufführt. Ganz hinten im Buch gibt es noch eine Karte von Afghanistan, anhand derer man einen Teil von Veronika Picmanovas aufregender Reise nachvollziehen kann.

Insgesamt ist „Fotoreportage Afghanistan Leben & Sehen“ ein wirklich außergewöhnliches Buch, das herrliche Aufnahmen mit hochinteressanten Insider-Informationen zu Land und Leuten und praktischen Tipps für professionelle Fotografie aus erster Hand vereint. Veronika Picmanova schreibt offen, herzlich und locker; die Texte sind nie langweilig, selbst wenn es um technische Dinge geht, sondern aus ihnen sprechen stets Begeisterung und Faszination für das Land. Vor allem die Einblicke in die privaten Seiten der Bewohner, in ihre Häuser, Läden, Arbeitsplätze, und die Vielseitigkeit des hier abgebildeten Fotomaterials machen das Buch ausgesprochen spannend.

Fazit: Warmherzig geschrieben, sehr abwechslungsreich und interessant bebildert und getextet - eine Empfehlung nicht nur für diejenigen, die selbst professionell fotografieren, sondern auch für alle, die einen authentischen Einblick in das Leben in Afghanistan haben möchten, das keineswegs überall nur von Krieg und Zerstörung geprägt ist, auch wenn die Autorin diese Themen nicht ausgeblendet hat. Vom Erlös aus dem Verkauf des Buches spendet der Verlag übrigens je einen Euro für bessere Schulbildung afghanischer Kinder. Um die Spende durchzuführen, muss man ganz einfach den dem Buch beigefügten Code auf der Verlagswebsite eingeben.

Christina Liebeck



Hardcover | Erschienen: 30. September 2009 | ISBN: 9783827328434 | Preis: 39,95 Euro | 269 Seiten | Sprache: Deutsch

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