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 Bliefe von dlüben

Der China-Crashkurs


Cover
Gesamt ++++-
Aufmachung
Preis - Leistungs - Verhältnis
"Über China ... kann man alles Mögliche behaupten, egal, ob es nun stimmt oder nicht, und es ächzt höchstens mal ein Sinologe zu Hause an seinem Schreibtisch." Oder der Autor, der nun zum Gegenschlag ausholt. Zwei Jahre hat er in Singapur und vier in China gelebt und die deutsche Leserschaft der Titanic und anschließend der Berliner TAZ mit Kolumnen aus dem Reich der Mitte beglückt. Diese Kolumnen hat der Autor bearbeitet, zum Teil stark erweitert und in einem Buch zusammengefasst, das unter dem Titel "Bliefe von Dlüben" bei Rowohlt erschienen ist.

Mit dem Titel ist man schließlich auch schon mittendrin in den Vorurteilen, die der Autor auszuräumen versucht, und zu denen unter anderem auch der Glaube gehört, die Chinesen könnten kein "R" sprechen. Das aber ist nach Aussagen des Autors ganz und gar nicht der Fall und der Titel lediglich eine verkaufsfördernde Maßnahme, denn in Deutschland fände man Bücher über China und R-L-Fehler einfach komisch. Journalisten, die während ihres Aufenthaltes in Peking zur Zeit der Olympischen Spiele nichts anderes zu tun hatten, als sich vor den Computer zu setzen und Dalai-Lama- und Falun-Gong-Seiten anzuklicken und anschließend die chinesische Internetzensur geißelten, antwortet er, sie seien zu doof, denn wer auch nur ein bisschen über das Internet in China Bescheid wüsste, wüsste auch, dass man sich Software herunterladen muss, mit der man über Proxyserver sämtliche Internetblockaden umgehen kann. Von daher, so der Autor, wäre Zensur auch das falsche Wort: Eigentlich müsste es Intelligenztest heißen.

Der Autor hat sein Wissen über China in kleine Lektionen aufgeteilt, an deren Ende das große China-Abitur steht. Auf Partys kann man seiner Meinung nach mit dem in diesem Buch erworbenen Wissen hervorragend glänzen. Davon abgesehen ist es ein gelungener und witziger Versuch die chinesischen Eigenarten einzufangen, die zu Beginn beim Autor durchaus Irritationen hervorgerufen haben, mittlerweile aber purer Begeisterung gewichen sind. Beispielsweise hat sich der Autor damit abgefunden, dass die Chinesen besonders gerne nicht mit ihm, sondern über ihn lachen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Die Chinesen, so der Autor, seien einfach unglaublich schamlos, nicht nur in ihrem Benehmen, sondern auch in ihrer Kleidung. So sind pyjama- und puschentragende Mofafahrer nichts Besonderes auf Pekings Straßen, auch wenn die chinesische Regierung ein Gesetz erlassen hat, das das Pyjamatragen in der Öffentlichkeit verbietet. Außerdem fummele der Pekinger dauernd an sich rum oder schneide sich bei Geschäftsverhandlungen die Fingernägel. Diese schamlosen Pekinger werden nie ausgelacht, weswegen der Autor überlegt, sich ein orangefarbenes Netzhemd zu kaufen, dazu eine mit Pokemon-Figuren bedruckte Schlafanzughose und gelbgrüne Gummischlappen, und auf der Straße alle fünfzig Meter gedankenverloren seine Brustwarzen zu reiben, in der Hoffnung dann völlig unbehelligt durch die Stadt zu gelangen.

Christian Y. Schmidt lebt mit seiner chinesischen Frau in China und ist begeistert von dem Land und seinen Bewohnern. Dem allgemeinen bierernsten China-Bashing in den deutschen Medien setzt er seinen augenzwinkernden China-Crashkurs entgegen, der vor allem Skurriles seines chinesischen Alltags einfängt, es verdichtet und ungemein unterhaltsam und witzig dem Leser präsentiert. Nur selten schießt sein Witz über das Ziel hinaus, wirkt seine Komik eher verkrampft als amüsant. Meist lacht man herzhaft auf und würde am liebsten sofort nach China reisen.

Für alle, die mal einen vergnüglichen Blick aufs große China im Allgemeinen und die Pekinger im Besonderen werfen wollen, eine ungemein erhellende Lektüre.

Katja Maria Weinl



| Erschienen: 18. September 2009 | Preis: 14,90 Euro

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