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 Schicksale: Jadie

Das Mädchen, das nicht sprechen wollte


Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Spannung


Die Psychologin Torey Hayden entschließt sich aus einer Laune heraus, ihren sicheren Arbeitsplatz an einer großen Klinik aufzugeben, um eine Stelle auf dem Land anzunehmen. Dem kleinen Ort fehlt es an einer Lehrbetreuung für die Sonderschulklasse, und obwohl die Arbeit schlechter bezahlt ist, in einem wirklich kleinen Ort liegt und Torey auch sonst auf einige Annehmlichkeiten wird verzichten müssen, reizt sie das Angebot.
Die Klasse besteht nur aus vier Kindern, später aus fünf. Darunter befindet sich nur ein einziges Mädchen: Jadie.
Torey Haydens Promotionsthema war psychologisch bedingter Mutismus, also Stummheit, und so ist es dieses Mädchen, das Torey besonders am Herzen liegt. Durch ihre selbst entwickelte Methode, mutistische Kinder zum Sprechen zu bringen, schafft sie es tatsächlich binnen weniger Tage, Jadie die ersten Aussagen zu entlocken.
Die Lehrerin wird zu einer engen Bezugsperson von Jadie und immer häufiger besucht das Mädchen sie auch nach Schulschluss noch, kommt ihr näher und vertraut ihr immer mehr an.
Durch diese immer vertrauteren Gespräche bringt Torey nach und nach allerdings eine unglaubliche Geschichte ans Licht: Jadie wird regelmäßig von einem Satanskult missbraucht, der auch vor ihren Geschwistern nicht Halt macht, Jadies Katze in ihrem Beisein tötete und nach Jadies Aussage sogar ein befreundetes Mädchen.
Torey ist entsetzt, beginnt aber auch an Distanz zu verlieren und ohne Beweise steht eine solche Geschichte in einem Ort, in dem jeder jeden kennt, sehr schlecht da. Kampflos aufgeben will sie aber auch nicht ...

Dieser Bericht der Psychologin selbst ist unglaublich spannend geschrieben. Zwar kommt der Leser recht schnell auf einen Missbrauchshintergrund, da schwere psychologische Schädigungen ja eine Ursache haben müssen und sowohl Jadies Mutismus, ihre Körperhaltung und auch ihre sexuellen Andeutungen weisen einen klaren Weg, doch auf die Geschichte mit dem Satanskult ist der Leser nicht vorbereitet und daher sehr erschüttert.
Interessant, wenn auch für einige möglicherweise abschreckend, ist der Aspekt, dass diese Geschichte niemals aufgelöst wurde. Zwar wurden schließlich entsprechende Ämter und die Polizei eingeschaltet und umfangreiche Untersuchungen vorgenommen, doch konnte der Wahrheitsgehalt von Jadies Aussagen nie klar bewiesen werden. Umgekehrt gab es zwar auch starke psychotische Anzeichen bei dem Kind, die die Vermutung nahelegen, Jadie habe das alles nur phantasiert, aber auch dies ließ sich nie beweisen und bei beiden Versionen gibt es sowohl gute Punkte, die dafür sprechen, jedoch auch ebenso viele dagegen.
Unbefriedigend ist dieses Ende der Geschichte trotzdem nicht, denn das gesamte Buch hindurch wird der Leser selbst von einer Annahme zur nächsten geschleudert, werden Theorien aufgestellt, die sich als haltlos erweisen und so weiter. Von daher ist man auf einen ungelösten Fall in etwa vorbereitet und letztlich nimmt diese Tatsache dem Buch nicht die Berechtigung, sondern verstärkt sie eigentlich umso mehr. Ist es richtig, frühzeitig schon im Verdachtsfall an die Öffentlichkeit zu gehen oder sollte man Rücksicht auf die Schäden nehmen, die man vielleicht in einer intakten Familie anrichten könnte?
Gerade Fälle, die Kinder betreffen und bei denen sich psychiatrische Erkrankungen und Missbrauchserfahrungen möglicherweise vermischen, sind längst nicht so leicht abzuhandeln, wie es einem die Boulevard-Presse oftmals einzureden versucht. Ein Versuch, differenzierter an solche Angelegenheiten heranzugehen und sie entsprechend zu reflektieren und zu bedenken, bietet dieser Roman.

Insgesamt ein wirklich gelungener Roman der "Schicksale"-Reihe, dessen Spannungspegel dicht an einen Thriller reicht, der sich aufgrund seiner detaillierten Ausführungen allerdings nicht unbedingt für Zartbesaitete eignet.

Tanja Elskamp



Taschenbuch | Erschienen: 01. Januar 1991 | ISBN: 3442551919 | 317 Seiten

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