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 Schuld


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Ferdinand von Schirach hat noch mehr Geschichten aufgeschrieben. Nachdem er mit seinem 2009 erschienenen Erzählband "Verbrechen" ein überaus erfolgreiches Debüt als Autor feierte (die Übersetzungsrechte wurden bereits in 30 Länder verkauft und eine Verfilmung ist geplant), legt von Schirach jetzt neue Geschichten nach. Auch dieses Mal sind diese, wenn auch stark abgewandelt, seinen realen Mandaten als Strafverteidiger entnommen. Darunter sind einige heitere Anekdoten, die eher skurrile Begebenheiten als echte Kriminalfälle darstellen, zum Beispiel wenn von Schirach davon berichtet, wie er von einem Mandanten hereingelegt wurde und beinahe in der Psychiatrie gelandet wäre.

Aber solchen Heiterkeiten wird nicht viel Platz eingeräumt. Stattdessen geht es um Fälle, die bewegen und aufwühlen, in denen Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht eng beieinander liegen. Außerdem bekommt der Leser außergewöhnlich anschaulich ein Grundproblem der Strafjustiz vor Augen geführt: Sie muss abstrakt festlegen, welches Verhalten strafwürdig ist. Dabei kann sie den Einzelfall nicht immer berücksichtigten. Und sie kann moralische Dilemmata nicht immer lösen. Wie ist mit dem Drogendealer umzugehen, der eigentlich ein armes Schwein ist? Sollte eine Frau, die als Kind in einer Panikreaktion ihren sexuellen Belästiger getötet hat, Jahrzehnte später verfolgt werden, bloß weil inzwischen DNA-Analyse möglich sind, die ihre Täterschaft (auch ihre Schuld?) beweisen können? Dies sind die Fragen, die von Schirach in den Raum stellt. Dabei kann die juristische Handhabung von Problemen, dem Gerechtigkeitsgefühl durchaus radikal widersprechen.

So in der ersten Geschichte, die nur in einem gefassten Gemütszustand gelesen werden sollte. Sie kann aber dem Gerechtigkeitsgefühl auch auf wundersame Weise entsprechen. Zum Beispiel in einem Fall, in dem eine junge Frau verdächtigt wird, ihren Ehemann getötet zu haben, der sie jahrelang geschlagen und vergewaltigt hat und ankündigte, sich an der gemeinsamen Tochter zu vergehen. Diese Fallkonstellation gehört inwischen zum Standardwissen bei der Behandlung des Notwehrrechts im juristischen Staatsexamen.

Von Schirach setzt seinen Erzählstil aus dem ersten Band fort. Einige formulieren dies als Vorwurf, da es nur neues vom Gleichen sei, aber diese Klage ist ungerechtfertigt. Von Schirach schafft es auf wenigen Seiten, die komplette, für den Fall relevante Biographie, eines Menschen zu beschreiben, um so nicht nur den Zusammenhang, sondern auch die Motive und Hintergründe zu erläutern, die hinter einem Verbrechen stecken. Dass er dafür keine endlosen Darstellungen benötigt, sondern kurz und knapp das Entscheidende beschreibt, verleiht seinen Büchern eine unglaubliche Intensität. Der Lesende kann sich lebhaft in die beschriebene Situation hineinversetzen und mitfühlen. Die Sprache von Schirachs trifft da genau den richtigen Nerv.

Positiv hervorzuheben ist auch seine Fähigkeit, nur die Geschichten zu erzählen und sich nicht in juristischen Details zu verlieren. Wenn es aber dennoch einmal um eine solche Frage geht, die für den Fall entscheidend ist, dann gelingt es ihm, das wesentliche in wenigen Sätzen zu beschreiben. So erklärt er den Unterschied zwischen Mord und Totschlag in nur 16 Zeilen. Schade ist nur, dass von Schirach den Mechanismen des Buchmarkts unterworfen ist und sich nicht mehr Zeit für sein neues Buch genommen hat. Da bleibt es nicht aus, dass noch nicht so viele Fälle zusammengekommen sind, dass man auf große Schriftgröße und großzügigen Satz hätte verzichten können, um daraus ein ganzes Buch zu machen.

Julian Zado

Probe


Hardcover | Erschienen: 1. August 2010 | Preis: 17,95 Euro

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