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 Seerücken

Erzählungen

Autoren: Peter Stamm
Verlag: Fischer

Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Wer große Melodramatik oder nervenaufreibende Action erwartet, der ist bei dem Autor Peter Stamm an der falschen Adresse. Die Werke des Schweizers bestechen durch leise Töne, und die Welt, die sie beschreiben, kommt, zumindest an der Oberfläche betrachtet, eher unaufgeregt daher: Der Roman "An einem Tag wie diesem" (2006) zum Beispiel handelt von einem Mann, dem ein möglicher Krebsbefund als Ausgangspunkt dafür dient, eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen, an seinen Heimatort zurückzukehren, seine Jugendliebe zu treffen. Und auch sein Roman "Sieben Jahre" (2009) kreist um einen Protagonisten, der sein bisheriges Lebens- und Liebeskonzept überdenken muss. Richtig warm wird der Leser dabei mit Stamms Helden nie. Psychologische Details werden außen vorgelassen, so dass bestimmte Motivationen der Figuren nicht eindeutig erklärt werden können. Aber gerade diese seltsame Fremdheit gegenüber den Figuren und der schlichte, aber präzise Stil, mit denen diese und ihre Schicksale beschrieben werden, machen die Magie von Stamms Texten aus.

Genauso verhält es sich auch mit seinem jüngstem Werk, "Seerücken", einem bei S. Fischer erschienenen Band aus zehn Erzählungen, denen allen etwas Vielschichtiges und Abgründiges anhaftet. Immer wieder spürt der Leser: Hier geht es um etwas, das auch mich angeht. Sei es die typische, zwischen Ungewissheit und Überschwänglichkeit pendelnde Beziehung eines frisch verliebten Paares wie in "Sweet Dreams", das gerade in seine erste gemeinsame Wohnung gezogen ist, von den unterschiedlichen Werktagen berichtet und auf der Kokosmatte von IKEA miteinander schläft, um sich seiner Liebe auch ganz sicher zu sein; sei es die Ablehnung und damit einsetzende Ohnmacht wie in "Das Mahl des Herrn", mit der sich ein neu in die Gemeinde gekommener Pfarrer konfrontiert sieht, oder die Ratlosigkeit, die einem als Zeuge tragischer Todesfälle widerfährt, wie sie Stamm in "Der Lauf der Dinge" und "Eismond" schildert – in jenen Zustandsbeschreibungen kann sich jeder, mal mehr, mal weniger, wiederfinden und dank der mehrdeutigen, unaufdringlich symbolhaften Sprache hineinsinken. Nicht selten verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Alltag und Traum, zwischen scheinbar banalen Momentaufnahmen und Märchen: Um sich für einige Tage ganz dem Schreiben widmen zu können, zieht der Held in "Sommergäste" in ein verwaistes Kurhaus, das von einer mysteriösen jungen Frau geleitet wird, die eines Tages verschwindet. Und "Im Wald" erzählt vom Schicksal eines Mädchens, das über Jahre hinweg unbemerkt in einem Wald übernachtet, um den alkoholkranken Eltern zu entfliehen.

Nicht alle Kurzgeschichten in "Seerücken" sind gleich fesselnd. Am Packendsten sind kurioserweise eher die längeren Erzählungen. Denn nur diese bieten genügend Raum, damit sich Stamms lakonischer Stil entfalten und den Leser einfangen kann wie ein großes grobmaschiges Netz. Diejenigen, die die mitunter etwas zu bedeutungsschwangeren und zu viel Verzagtheit verbreitenden Texte auf Dauer nicht aushalten können oder möchten, die sollten vom "Seerücken" ihre Finger lassen. Andere seien vorgewarnt: Wer mit diesem Erzählband zum ersten Mal auf die sich bedächtig drehende, stets rumorende Welt von Peter Stamm trifft, wird auch nach den übrigen Werken süchtig werden.

Silke Hettich

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Hardcover | Erschienen: 10. März 2011 | ISBN: 978-3100751331 | Preis: 18,95 Euro | 192 Seiten | Sprache: Deutsch

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