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 Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe


Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Es ist ein auf den ersten Blick unbedeutender Anlass, der den Ich-Erzähler des Romans an einem Donnerstag im April dazu bewegt, die Wohnung, in der er gemeinsam mit seiner Freundin M. lebt, nicht mehr zu betreten. Konkret findet Nikol vor der heimischen Wohnungstür ein Paar Herrenschuhe vor, die er nicht zuordnen kann.
Wer ist in der Wohnung, mit wem unterhält sich M. drinnen offensichtlich so angeregt, mit wem verbringt sie ihre Zeit? M. hat die Wohnung, bedingt durch eine Angststörung, seit langer Zeit nicht mehr verlassen. Der Freundes- und Bekanntenkreis von Nikol und M. ist durch die Erkrankung zunächst geschrumpft, dann völlig verschwunden.
Für Nikol sind die fremden Herrenschuhe vor der Tür, verbunden mit der Ungewissheit, was sich in seiner Abwesenheit geändert haben mag, Anlass genug kehrt zu machen und Quartier im Hausflur zu beziehen.
Dort, unter der Treppe, verborgen von einem abgestellten Kinderwagen und einem Papierkorb, richtet Nikol sich im tröstlichen Halbdunkel häuslich ein. Im Folgenden beginnt er, den Artikel, an dem gerade er als Journalist arbeitet, im Kopf fertigzustellen: eine Reportage über die Erstbesteigung der Eiger-Nordwand durch Anderl Heckmair und Ludwig Vörg im Jahr 1938.

Max Scharniggs Debütroman "Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe" beginnt mit einer clever erdachten, eigenwilligen Ausgangsituation, die den Leser sofort in ihren Bann schlägt: Ein etwas schrulliger junger Mann findet fremde Schuhe vor seiner Wohnungstür, zieht daraufhin kurzerhand unter die Treppe im Gemeinschaftshausflur, lebt in einsamer Genügsamkeit und macht schließlich die Bekanntschaft eines ebenso schrulligen Nachbarn, des pensionierten Gletscher-Fotografen Schmuskatz, der eine Leidenschaft für Romane mit Widmungen und für Paprikahendl hegt.
Während der Ich-Erzähler in nachdenklicher und durchaus behaglicher Einsamkeit (und später, mit Schmuskatz, in Zweisamkeit) im Nichtstun verharrt, erfährt der Leser zum einen die Geschichte von M.: wie Nikol sie kennenlernte, sich verliebte, und wie die Beziehung sich in einem Zustand trauter Isolation und völliger Abhängigkeit einpendelte.
Zum anderen schwingt im Hintergrund, wie der Titel des Romans ja schon verrät, immer die Besteigung der legendären Eiger-Nordwand mit. Das Treppenhaus, in dem sich irgendwo weiter oben die Eingangstür zu seiner Wohnung und damit zu M. befindet, wird für Nikol zunehmend zum ähnlich unüberwindbaren Hindernis wie der Berggipfel, über den er schreibt. Zum Schluss werden der kräftezehrende Durchstieg der Wand durch Heckmair und Vörg und die Zurückeroberung der Wohnung durch Nikol, dem der mühsame Treppenaufstieg vorangeht, eins.

In Verbindung mit Scharniggs einfach schönem Sprachstil fesselt die originelle Handlung auf jeden Fall über die gesamten knapp 160 Seiten, dennoch kann man nicht umhin, Nikol mit Fortschreiten der bedächtig erzählten Geschichte zunehmend lebensfremd und umständlich zu finden. Berg und Treppenhaus sind eine schöne Analogie, aber am liebsten würde man den Ich-Erzähler irgendwann bei den Schultern packen und schütteln. Da gefällt die Figur des zupackenden, dabei aber nicht minder kauzigen Schmuskatz besser. Trotzdem, wenn es dann ans Erklimmen des scheinbar unüberwindbaren Treppenhauses geht, ist man mit Spannung an der Seite des Erzählers.
"Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe" ist auf jeden Fall sehr lesenswert, allein schon wegen der schrägen Figuren, der schönen Konversationen, die hier geführt werden, und der vielen zu Papier gebrachten Gedanken und Gefühle, die man zwar nicht zwingend teilt, die aber doch heiter-melancholisch durch den Roman und seine herrlich surreale Handlung führen.

Christina Liebeck



Hardcover | Erschienen: 26. Februar 2011 | ISBN: 978-3455403138 | Preis: 18,00 Euro | 157 Seiten | Sprache: Deutsch

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