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 Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1: Combray

Serie: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1
Autoren: Marcel Proust
Illustratoren: Stéphane Heuet
Übersetzer: Kai Wilksen
Verlag: Knesebeck

Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Ganz schön mutig, die Idee des französischen Zeichners Stéphane Heuet, ein kulturelles Heiligtum seines Landes in Sprechblasen und bunte Bilder zu überführen! Seit 1998 hat sich der Bretone der Lebensaufgabe verschrieben, Marcel Prousts siebenbändiges Monumentalwerk "A la recherche du temps perdu" ("Auf der Suche nach der verlorenen Zeit") als Graphic Novel zu adaptieren. In Frankreich hat Heuet bereits fünf Bände seines Projekts veröffentlicht, die die beiden ersten der sieben Romanbände abdecken.

Prousts Romanzyklus, den der aus großbürgerlichen Verhältnissen stammende Schriftsteller zu Beginn des 20. Jahrhundert nach und nach herausgegeben hat, gilt als große, sprachgewaltige Erneuerung der Romangattung. Es handelt sich um eine subjektive Weltbetrachtung eines Ich-Erzählers, in der sich die Brüchigkeit von Erfahrung und Erinnerung widerspiegelt nicht zuletzt durch einen teils sehr komplexen Satzbau, der durch unerwartete Einschübe, Metaphern und Vergleiche gebrochen wird. Dieses auf höchstem Niveau angesiedelte literarische Unterfangen in einem anderen Medium umsetzen zu wollen, ist also eine heikle Angelegenheit.
Heuets Ergebnis wird nicht von allen gefeiert: Während Fans seiner Graphic Novel-Reihe von einer Neubelebung des Proust-Stoffes sprechen und dem Werk in Frankreich zu einigem kommerziellen Erfolg verholfen hat, beklagen andere, dass der unterschiedlichen Medialität von Roman und Comic zu wenig Rechnung getragen würde, Prousts Stil in Sprechblasen und schlichten Zeichnungen ungebührlich verflacht werde.

Bereits "Combray", der erste Band von Stéphane Heuets Großprojekt, den der Knesebeck Verlag zum ersten Mal in Deutschland veröffentlicht hat, zeigt, dass bei der Adaption von Prousts Zyklus selbstverständlich einiges an Verknappung und Veränderung geleistet werden musste, um den Stoff dem anderen Medium anzupassen. Dieser erste Teil erzählt von den Erinnerungen des Pariser Ich-Erzählers an einen Sommer seiner Kindheit bei Verwandten in dem normannischen Provinzort Combray, die durch den Geschmack eines in Tee getauchten Madeleine-Gebäcks unwillkürlich wach gerufen werden.
Weniger, was passiert, steht dabei im Vordergrund, sondern wie der Ich-Erzähler dabei empfunden hat und vor allem, wie er sich daran erinnert. Diese Gedanken und Bewusstseinsprozesse gibt Heuet in teils sehr textlastigen, eng an der literarischen Vorlage orientierten Panels wider, teils fasst er sie in atmosphärische Zeichnungen und assoziative Bildfolgen. Stilistisch orientiert sich Heuet an der durch Hergé bekannt gewordenen 'ligne claire'; diese Technik mag an manchen Stellen ein wenig zu schlicht erscheinen, um die komplexe Narration Prousts adäquat zu übersetzen, auch wenn sie wiederum gut geeignet erscheint, um die eher enge und triste Welt des Bürgertums um die Jahrhundertwende in Bilder zu fassen. Diesen Kritikpunkt wett machen jedoch die mitunter minutiös beobachteten und beeindruckend detailreich wiedergegebenen Dekors, die Prousts Romanuniversum vor dem Auge des Betrachters entstehen lassen. So ermöglicht Heuet in jedem Fall einen Einstieg in diese literarische Welt, auch wenn der Wert des ersten Bandes als Graphic Novel mit eigenem Recht vielleicht nicht jeden gänzlich überzeugen kann.

Eine Leseprobe gibt es hier auf der Verlags-Website.

Silke Hettich



Hardcover | Erschienen: 19. August 2010 | ISBN: 978-3-86873-261-0 | Originaltitel: A la recherche du temps perdu: Combray | Preis: 19,95 Euro | 72 Seiten | Sprache: Deutsch

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