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 Film-Konzepte, Band 19: Roman Polanski


Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Preis - Leistungs - Verhältnis
Obwohl Roman Polanski immer wieder mit seinen Filmen Erfolge bei Publikum und Kritik landet (zuletzt mit seinem starbesetzten Kammerspiel "Carnage" (2011), im deutschen Verleih: "Der Gott des Gemetzels", nach dem Theaterstück von Yasemina Reza), brachte ihn unlängst vor allem sein Privatleben in die Schlagzeilen: Im Herbst 2009 wurde er auf dem Weg zur Entgegennahme eines Preises für sein Lebenswerk auf dem 5. Zürcher Filmfestival verhaftet, und man drohte ihm mit der Auslieferung an die kalifornische Staatsanwaltschaft, die gegen Polanski seit 1977 ein etwas dubioses Strafverfahren wegen "Unzucht mit Minderjährigen" am Laufen hat. Mit Verve haben zahlreiche internationale Intellektuelle und Kunstschaffende für eine gerechte Behandlung des berühmten Angeklagten plädiert.

Hier reiht sich auch der renommierte Filmhistoriker Thomas Koebner ein, der den 2010 von ihm mit herausgegebenen Sammelband zu Polanski als "Plädoyer für einen der bedeutendsten Existenzialisten des Kinos" verstanden wissen will, der eine vorurteilsfreie Justiz verdient hat. Eine solche sollte selbstredend unabhängig vom künstlerischen Stellenwert des Angeklagten sein. Dennoch macht Koebner plausibel, dass es nicht uninteressant ist, eine Verbindungslinie von der privaten Situation Polanskis 2010 zu seinem Werk zu ziehen, seien doch der "unvorhergesehene[] 'Absturz' (und die ziemlich heimtückische Vorgehensweise bei der Haftung) eine Situation, die ihn an seine Filme erinnern musste: die entwürdigende Isolation eines hilflosen Einzelnen, der einer sturen und hilflosen Justiz-Bürokratie anscheinend nichts entgegenzusetzen vermag" (S. 7). Dieses und andere wiederkehrende Themen werden in den in dem Büchlein versammelten Aufsätzen nachgezeichnet: Im Zentrum von Polanskis Filmen stehen immer wieder zugleich schutzversprechende und klaustrophobische Behausungen, eingebildete und tatsächliche Verfolgung und Verschwörung, physische und psychische Demütigung.

Die in dem Sammelband vertretenen Autoren erfahrene sowie angehende FilmwissenschaftlerInnen sowie FilmjournalistInnen zeigen anhand ihrer Essays auf, wie Polanski diese seine Themen über die Jahre konstant umkreist und doch variiert. Behandelt werden dabei die meisten der Langfilme Polanskis bis ins Jahr 2010, als "The Ghost Writer" in die Kinos kam. Beispielsweise beschäftigt sich Annette Kaufmann in einem Streifzug durch sein Gesamt-Oeuvre mit der Inszenierung von Körperlichkeit. Andere Autoren widmen sich beispielsweise Polanskis Frauenfiguren (Sascha Koebner) oder dem Thema des Eingesperrtseins (Manuel Koch), welches vor allem in "Repulsion" ("Ekel", GB 1965), "Cul-de-sac" ("Wenn Katelbach kommt ...", GB 1966) und "Le Locataire" ("Der Mieter", F 1976) verhandelt wird. Zur 'Hölle auf Erden' in "Rosemary's Baby" ("Rosemaries Baby", USA 1968) und "The Ninth Gate" ("Die neun Pforten", E/F/USA 1999) äußert sich Carsten Bergemann, und Einzelanalysen gibt es zu "Dance of the Vampires" ("Tanz der Vampire", USA/GB 1967), "Oliver Twist" (GB/CZ/F/I 2005), "The Tragedy of Macbeth" ("Macbeth", GB/USA 1971) und "The Pianist" ("Der Pianist", F/PL/BRD/GB 2002).

Die Texte werden durch einige Schwarz-Weiß-Stills aus Polanskis Filmen visuell aufgelockert. Der Anhang des Buches enthält eine mehrseitige Biografie Polanskis, eine Liste mit ausgewählten Auszeichnungen für sein Werk, eine vollständige Biografie sowie englischsprachige Kürzestzusammenfassungen der einzelnen Aufsätze.

Wie das bei Sammelbänden meist so ist, gibt es auch in diesem zu Roman Polanski stärkere und schwächere Beiträge. Allen gemein ist ihr sehr klarer und deswegen angenehm zu lesender Stil sowie eine enge Ausrichtung an den Filmen selbst. Dadurch sind alle Aufsätze auch für LeserInnen bestens nachvollziehbar, die über keinen filmwissenschaftlichen Background verfügen. Wer sich schon einmal ausgiebiger mit Polanskis Filmen auseinandergesetzt hat, dem wird es beim Lesen der immer triftigen, manchmal aber auch sehr offensichtlichen Filmbetrachtungen etwas zu deskriptiv und uninspirierend werden. Andere Aufsätze gehen etwas mehr in die Tiefe oder betten die Betrachtung eines Films in einen breiteren Kontext ein, z.B. Armin Jäger, der Polanskis Macbeth-Film mit den Adaptionen des Stoffes durch Akira Kurosawa und Orson Welles vergleicht und dabei zugleich Gedanken um Polanskis Position zwischen Arthouse- und Mainstream-Kino mitlaufen lässt.

Insgesamt bietet das Polanski-Heft aus der Reihe "Film-Konzepte" in jedem Fall für jeden etwas, der sich für die Arbeit des Regisseurs interessiert ob nun als Hobby-Cinephiler oder als professioneller Filmegucker.

Silke Hettich



Softcover | Erschienen: 19. Juli 2010 | ISBN: 978-3869160702 | Preis: 23 Euro | 140 Seiten | Sprache: Deutsch

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