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 Tagebuch eines Obdachlosen

Autoren: Marc Augé
Übersetzer: Michael Bischoff
Verlag: C. H. Beck

Cover
Gesamt +++--
Anspruch
Aufmachung
Bildqualität
Brutalität
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Die Scheidung von seiner zweiten Ehefrau zwingt den Ich-Erzähler, einen pensionierten Finanzbeamten aus Paris, zu einer radikalen Veränderung seines Lebens, denn die Miete für die ihm überlassene ehemals gemeinsame Wohnung und die Unterhaltszahlungen für die erste Ehefrau übersteigen in der Summe bereits seine monatliche Pension. Nach einigem Überlegen entschließt sich der Protagonist, ganz auf eine Wohnung zu verzichten und künftig in seinem geräumigen Auto zu übernachten. Seine Erfahrungen hält er über einige Monate hinweg in einem Tagebuch fest.
Es gibt noch eine Übergangsfrist, bis der Mietvertrag ausläuft, in der sich der Ich-Erzähler an das Leben ohne Wohnung gewöhnen kann, ohne auf die Annehmlichkeiten seines Badezimmers und einer eigenen Toilette verzichten zu müssen. Dann entfällt dies, und er ist genötigt, sein Leben entsprechend zu organisieren. Im Viertel schützt er Normalität vor, wenn er in Lebensmittelgeschäften, Cafés, Gaststätten unterwegs ist. Schließlich lernt er eine deutlich jüngere Frau kennen, es deutet sich eine Romanze an. Und doch gelingt es ihm nicht, in diesem Leben Fuß zu fassen.

Der Autor bezeichnet seinen Roman als Ethnofiktion, "eine Erzählung, die eine soziale Tatsache aus der Perspektive einer einzelnen Person darstellt", wie er im Vorwort schreibt. Er bezieht sich mit seinem Thema auf eine neue, in Paris rasch häufiger werdende Gruppe von Obdachlosen: solche, die feste Einkünfte beziehen, welche aber für eine Wohnung nicht ausreichen. Sein Ziel ist es, sich in eine solche Person hineinzuversetzen und ihr Hineingleiten in die Wohnungslosigkeit und das Sichetablieren dort zu beschreiben.
Die Ausgangssituation erscheint stimmig, der Protagonist kann mit seiner Pension die Miete nicht abdecken. Auch die ersten Schritte wirken schlüssig, wiewohl es offen bleibt, ob ein realer Mensch nicht weiter "draußen" eine billige kleine Wohnung nehmen und recht und schlecht von den verbleibenden paar hundert Euro leben würde, statt sich direkt für die Wohnungslosigkeit zu entscheiden.
Zwar zeigt sich, dass der Autor eine kunstvolle Geschichte ersinnen und zu Papier bringen kann, doch fehlt viel vom "wahren Leben" auf der Straße. Vermutlich hat der Autor nicht im Vorfeld mit Obdachlosen gesprochen. Er geht auf alle Aspekte ein, die der "normale" Bürger als Praxis-Probleme der Obdachlosigkeit sehen würde, und löst sie, aber der Werdegang als solcher, die allmähliche Veränderung der Psyche, der Druck, die Ängste und Depressionen, die in dieser Situation nicht ausbleiben, was jeder Wohnungslose schildern kann, bleibt eigenartig flau wie ein Foto ohne ordentlichen Kontrast.
Selbstverständlich erhebt Fiktion keinen Anspruch darauf, eine Wirklichkeit abzubilden. Blutleer sollte sie jedoch nicht wirken, und wenngleich der Roman, wie erwähnt, vom Künstlerischen her durchaus punkten kann, fehlen Lebendigkeit und Authentizität. Zu empfehlen ist der Roman also nur Lesern, die zusammen mit dem Autor tief in eine Rolle, eher eine Theaterrolle, einsteigen möchten, und nicht solchen, die eine an die Wirklichkeit angelehnte Geschichte suchen.

Verlagsseite zum Buch mit der Möglichkeit, eine Leseprobe herunterzuladen

Regina Károlyi



Taschenbuch | Erschienen: 8. Februar 2012 | ISBN: 9783406630804 | Originaltitel: Journal d'un SDF : Ethnofiction | Preis: 10,95 Euro | 103 Seiten | Sprache: Deutsch

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