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 Mundtot!?

Wie ich lernte, meine Stimme zu erheben - eine sterbenskranke junge Frau erzählt


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Bildqualität
Preis - Leistungs - Verhältnis
Seit 2006 ist Maria Langstroff, eine heute (2012) 25-jährige Studentin, auf den Rollstuhl angewiesen. Erst Jahre später zeigte sich, dass sie eine sehr seltene und unheilbare Muskelerkrankung hat, die sie zunehmend lähmt. Mittlerweile kann sie nur noch ihren rechten Arm – eingeschränkt – und ihren Kopf bewegen und ist ein Pflegefall.
Seit Beginn ihres Lebens mit dem Rollstuhl erfährt Maria Langstroff immer wieder Diskriminierung der schlimmsten Art: verbale Entgleisungen ebenso wie physische Attacken und Bedrohungen. Die junge Frau verliert daraufhin regelrecht ihren Lebensmut, sie kapselt sich ab und meidet die Öffentlichkeit. Maria ist mundtot.
Eine Psychotherapie bringt die Wende. Trotz einiger zwischenzeitlicher Tiefschläge gewinnt die Studentin Selbstwertgefühl und -bewusstsein zurück und weist Aggressoren auf ihr Fehlverhalten hin. Selten nur erzielt sie Einsicht. Mit der Deutschen Bahn, auf die sie angewiesen ist, um ihre Universitätsstadt zu erreichen, erlebt sie schier Unglaubliches. Sie ruft an, um zu melden, dass sie einen bestimmten Zug nehmen möchte und Hilfe benötigt, doch keiner weiß Bescheid, und einmal bleibt sie bei klirrender Kälte am Bahnsteig zurück; auch das Personal des nächsten Zuges ist störrisch. Nicht minder rücksichtslos sind Mitreisende, die beispielsweise über die Rampe drängen, während der ungesicherte Rollstuhl diese passiert; dass Maria nicht abstürzt, verdankt sie vielleicht Gottes Fügung.
Gruppen von Jugendlichen attackieren sie und riskieren schwere Stürze, ein Autofahrer macht sich einen Spaß daraus, sie auf einem Zebrastreifen fast umzufahren; ein alter Mann im Krankenhaus lässt sinngemäß verlauten, dass man solch unnütze Geschöpfe in früherer Zeit eliminiert habe. Maria sammelt eine Fülle von scheußlichen und verstörenden Erfahrungen.
Dies reißt keineswegs ab, als sie, an allen Gliedmaßen außer dem rechten Arm und dem Kopf gelähmt, zum Pflegefall wird. Das Personal in Kliniken, vom Arzt bis zur Krankenschwester, demütigt sie und sieht sie nur als Belästigung. Wenn sie gewaschen werden möchte, muss sie lange darum bitten. Vor allem schämt sich niemand, in ihrer Anwesenheit höchst abfällig von ihr zu reden.
Maria entschließt sich, mithilfe ihres Vaters ein Buch über ihre Erfahrungen zu schreiben. Es ist ihr gelungen.

Natürlich hat Maria Langstroff auch positive Erfahrungen gesammelt, und sie erwähnt immer wieder, dass sie die Hilfsbereitschaft vieler Mitbürger sehr schätzt. Aber die junge Frau hat vor allem erduldet – Diskriminierung in all ihren Facetten, an Bösartigkeit bisweilen nicht zu überbieten. Und dies neben den Schmerzen, die ihre Krankheit mit sich bringt, neben der Erkenntnis, ihren Traumberuf Lehrerin niemals ausüben zu können, neben der Unmöglichkeit, selbstbestimmt zu leben, dem Zwang, auf andere angewiesen zu sein! Als sei dies nicht schon belastend genug!
Es fällt schwer, Maria Langstroffs Buch mit dem nötigen Abstand zu rezensieren. Denn es berührt tief, es schmerzt, es bewegt. Es zwingt zum Nachdenken, zum Umdenken. Kaum jemand ist frei von Vorurteilen, und bis zur Diskriminierung besteht nur ein sehr kleiner Schritt.
Maria, eine bezaubernd hübsche, intelligente und sehr starke Frau, die unter anderen Umständen mit Sicherheit eine engagierte Lehrerin geworden wäre, zeigt genau das auf und mahnt zu einem zumindest anständigen Umgang mit Behinderten, ohne ihr eigenes, immenses physisches Leid herauszustellen. Sie appelliert an die Mitmenschlichkeit, ohne das Antidiskriminierungsgesetz zu erwähnen, das doch eigentlich in einer modernen Gesellschaft überflüssig sein sollte; sie schildert Alltäglichkeiten, die fürchterlich schmerzen, manche bewusste, manche unbewusste, aber nicht minder verletzende Attacke.
Ein Buch, das zu lesen sich für wirklich jedermann lohnt, denn es sensibilisiert, es fordert auf, Diskriminierungen, auch wenn man sie nicht selbst begeht, nicht weiter zu dulden und Behinderten ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Hut ab vor der couragierten Autorin!

Zur Verlagsseite zum Buch mit Leseprobe

Regina Károlyi



Taschenbuch | Erschienen: 15. Mai 2012 | ISBN: 9783862651542 | Preis: 9,95 Euro | 249 Seiten | Sprache: Deutsch

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