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 Sunset Park

Autoren: Paul Auster
Übersetzer: Werner Schmitz
Verlag: Rowohlt Tb

Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Amerika im Jahr 2009, die Wirtschaftskrise hat das Land fest im Griff. In einem verlassenen Haus in Sunset Park in Brooklyn treffen vier Menschen aufeinander - alle um die 30, alle mehr oder weniger gescheitert, alle mit eigenen Hoffnungen, Sehnsüchten, Sorgen, Wünschen. Gemeinsam besetzen sie das Haus, renovieren es, machen ihr Zuhause daraus, immer ängstlich darauf wartend, dass sie eines Tages vertrieben werden.
Der 28-jährige Miles Heller musste Florida verlassen, weil die Beziehung zu seiner minderjährigen Freundin aufzufliegen drohte. Doch Miles schleppt noch weitere Dämonen mit sich herum: Er fühlt sich schuldig am Tod seines Stiefbruders vor langer Zeit und hat deshalb den Kontakt zu seinen Eltern vor mehr als sieben Jahren abgebrochen.
Der schwergewichtige, liebenswerte Bing Nathan ist die treibende Kraft hinter der Hausbesetzung in Sunset Park. Eigentlich ein geborener Musiker, schlägt er sich mit einem kleinen Laden durch, in dem er Geräte aus längst vergangenen Zeiten repariert. Bing, ein Bär von einem Mann, ist unbeholfen und wenig attraktiv; er hat es schwer bei Frauen und beginnt irgendwann, an seiner sexuellen Identität zu zweifeln.
Ebenfalls große Zweifel schleppt die junge Doktorandin Alice Bergstrom mit sich herum. Praktisch veranlagt und eigentlich fest im Leben stehend, ist sie sich zunehmend unsicher, ob ihr langjähriger Freund Jake der Richtige für ihr weiteres Leben ist. Die vierte im Bunde ist die hübsche, aber unsichere Ellen Brice. Seit einer Abtreibung und einem darauf folgenden Selbstmordversuch ist sie psychisch angeschlagen, treibt ziellos durchs Leben, ist mit ihrem Job überfordert und fühlt sich fast unsichtbar. Gemeinsam leben die vier so unterschiedlichen Menschen in Sunset Park - bis das Schicksal zuschlägt und sie wieder auseinanderreißt.

Paul Austers Roman "Sunset Park" (im Original bereits 2010 erschienen) beschreibt das von der Wirtschaftskrise gebeutelte Amerika, wobei der Autor sich fast völlig auf das Innenleben der vier Personen beschränkt, die in Sunset Park eine zeitweise Wohngemeinschaft in einem verlassenen Haus gründen. Ihre bisherigen Lebensläufe, der tiefe Einblick in ihre Sorgen, erlebten Schicksalsschläge und Verwirrungen geben ein auf ihre Art ebenso exaktes Bild der Stimmung in den USA ab, wie es eine Beschreibung der äußeren Umstände könnte. Anders als in seinen anderen Romane verzichtet Auster diesmal völlig auf verwickelte Elemente, Rätsel und kunstvoll verschlungene Erzählstrukturen. Seine Schilderung von Miles Heller, Bing Nathan, Ellen Brice und Alice Bergstrom wirkt fast unspektakulär, gleichzeitig aber auch sehr lebensecht, so weich und rund, wie eben ein großartiger Autor wie Auster erzählen kann. Ausgiebig bedient er sich diesmal langer innerer Monologe, die vor allem aus Aufzählungen bestehen und in ihrer Länge manchmal ermüden. Das Ende des Romans kommt abrupt, wird zwar vom Leser schon vorher irgendwie erwartet, lässt ihn dann aber doch überrascht und durchaus unbefriedigt zurück. Vor allem Miles, im Grunde die Hauptfigur unter den vier, wirkt am Ende so kraftlos, so konfus und gelähmt, dass man trotz seiner schwierigen Vergangenheit kein Mitleid mehr mit ihm hat.
"Sunset Park" liest sich zwar großartig, bietet im Grunde aber keine wirklich abgeschlossene Geschichte, sondern wirft vielmehr einen kurzen Blick auf die Lebensabschnitte vier junger Menschen in New York - und überlässt sie am Ende wieder sich selbst. Diese intimen Einblicke in fremde Leben und Gedanken sind eindringlich und extrem authentisch, sie berühren sich jedoch nur sehr marginal und trennen sich dann allzu bald, wobei für manche der Protagonisten eine glücklichere Zukunft am Horizont steht, für andere nicht.

Als Fazit bleibt, dass Paul Auster großartige Charakterbeschreibungen entwerfen kann, dass er sogar an und für sich unspektakuläre Schicksale - denn Tod, Schuld, Familienzwiste und missglückte Lebensplanungen kommen überall auf der Welt vor - in ein packendes Gerüst hüllen kann, das den Leser bis zum Ende bei der Stange hält. Dennoch wünscht man sich, vor allem am Ende des Buches, größere Zusammenhänge und einen Hauch des alten Paul Austers, der so verrückte und labyrinthische Geschichten zu Papier brachte, dass man der Handlung manchmal nur mit Mühe folgen konnte. Der aktuelle Paul Auster wirkt spürbar reifer und handwerklich gewachsen, jedoch auch viel ruhiger, abgeklärter und fast schon zu unspektakulär.

Eine Leseprobe gibt es auf der Website von Rowohlt: Sunset Park

Christina Liebeck



Hardcover | Erschienen: 20. Juli 2012 | ISBN: 978-3498000820 | Originaltitel: Sunset Park | Preis: 19,95 Euro | 320 Seiten | Sprache: Deutsch

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