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 Gustave Caillebotte

Ein Impressionist und die Fotografie

Herausgeber: Max Hollein, Karin Sagner
Illustratoren: Gustave Caillebotte
Übersetzer: Bernadette Ott
Verlag: Hirmer Verlag

Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Bildqualität
Preis - Leistungs - Verhältnis
Wenn Kunstfreunde die wichtigsten Impressionisten aufzählen, findet Gustave Caillebotte häufig keine Erwähnung. Erst längere Zeit nach seinem Tod haben Kunsthistoriker seine Bedeutung für die Entwicklung der Malerei erkannt – zuvor wurde er vor allem als Mäzen geschätzt, der Renoir finanziell unterstützte und Freunden aus dem Kreis der Impressionisten immer wieder Bilder abkaufte, die er dem französischen Staat vermachte. In der Frankfurter Schirn ist Gustave Caillebotte eine Ausstellung gewidmet (18.10.2012 - 20.1.2013), die sein Werk in einem umfassenden Kontext betrachtet, wobei auch der Einfluss der städtebaulichen Innovationen des Barons Haussmann in Paris gewürdigt wird.
Das hier besprochene Buch dient als Katalog zur Ausstellung, ist jedoch so konzipiert, dass es durchaus unabhängig von einem Besuch als wertvoller Beitrag zum Verständnis von Caillebottes Kunst selbst, aber auch des Impressionismus dienen kann; es geht sogar noch deutlich weiter, die Kunstgattungen Fotografie und letztlich auch Architektur einbeziehend.
Auf Vorwort und Danksagung durch Museumsdirektor Max Hollein folgt eine Einführung von der Kuratorin Karin Sagner, die bereits aufzeigt, woher Caillebotte, aber auch die Fotografen seiner Zeit ihre Motive bezogen. Im ersten Kapitel geht es um die Architektur in Haussmanns neuem Paris, die einen guten und interessierten Beobachter wie Caillebotte zum Revolutionär innerhalb der Malerei werden ließ. Der zweite Abschnitt befasst sich mit dem "Mobiliar" der Stadt: aufwändig gestalteten Pissoirs, Gaslaternen, schmiedeeiserne Gitter, aber auch die Menschen und ihre Schatten innerhalb dieses Ambientes und vieles mehr – ein Eldorado für einen aufmerksamen Künstler, zuvörderst für die Fotografen.
Im dritten Textbeitrag werden die von den Impressionisten und einigen Fotografen geradezu ästhetisierte körperliche Erwerbsarbeit sowie der Reiz der Technik behandelt; an zentraler Stelle stehen hier natürlich Caillebottes "Parkettschleifer" sowie "Pont de l’Europe" (worauf ein eigenständiger Beitrag von Claude Ghez detailliert eingeht). Die verschiedenen "Typen", denen man zur Zeit von Caillebotte in der Stadt begegnete, sind Inhalt eines weiteren Kapitels; es folgt eine Betrachtung zu den Portraits, die Caillebotte von Pariser Bürgern anfertigte, und denen fotografische Portraits aus ebenjener Zeit gegenübergestellt werden.
Ähnliche Gegenüberstellungen finden sich in "Inszenierung des Objekts" und "Landschaft und Abstraktion". Im Abschlusskapitel geht es schließlich um die neue künstlerische Erfassung der Bewegung von Lebewesen, wozu speziell Serienaufnahmen durch Fotografen einen wichtigen Beitrag leisteten. Eine recht detaillierte Caillebotte-Biografie und der Anhang mit allen wesentlichen Angaben zu den Exponaten und dazugehörigen Künstlern schließen sich an.

Natürlich kann ein Buch, und sei es noch so gut gemacht, nie wirklich den Besuch einer Ausstellung ersetzen, und die Caillebotte-Ausstellung ist sowohl inhaltlich als auch von der Aufmachung her einer der Höhepunkte in den Frankfurter Museen von 2012. Umgekehrt macht ein gut geschriebenes und gestaltetes Buch zur Ausstellung, das nicht einfach nur als Katalog fungiert, den Ausstellungsbesuch noch wertvoller. Das gilt auch für diesen Band.
Wer keine Gelegenheit zum Schirnbesuch hat, kann sich anhand der Lektüre des Buchs einen recht klaren Eindruck von der Ausstellung verschaffen. Die reich mit Abbildungen ausgestatteten Textbeiträge informieren bei aller Sachlichkeit auf spannende Weise über das jeweilige Thema, detailliert, doch ohne den Blick auf die Gesamtheit zu verstellen. Besonders herausgehoben sei der Abschnitt "Eine Lektüre von Gustave Caillebottes Pont de l’Europe"; das wichtige Bild wird darin gründlich und unter verschiedensten Gesichtspunkten – gestaltungs- und arbeitstechnisch, hinsichtlich der Intention des Künstlers und so weiter – analysiert. Auch der weniger versierte Laie kann das Bild auf diese Weise verstehen, jedenfalls insoweit Caillebotte das wollte, der hier ein wenig mit dem Betrachter spielt.
Vor allem begreift der Leser dank den einzelnen Essays die "neue Welt", die sich Fotografen wie Malern im Paris der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschloss; er erkennt, wie sie voneinander profitierten, nicht nur in Bezug auf die neue Architektur, die plötzlich Schwindel erregende Perspektiven von oben nach unten oder umgekehrt und eine spannende, präzise Linienführung, dynamische Diagonalen und verschiedenste, als Bildelemente sehr wirksame Objekte bot. Auch die Straßenfotografie, das klassische Portrait und etliche weitere Bereiche werden im Buch untersucht. Dabei sind die Abbildungen der Exponate in den jeweiligen Kontext eingebettet, zusammen mit weiteren Illustrationen, die nicht zur Ausstellung gehören.
Qualität und Präsentation der Abbildungen sowie das gesamte Layout überzeugen ohne Einschränkung. Zusammen mit den gehaltvollen Essays, die eine ganz neue Sicht auf Caillebottes Kunst und den Impressionismus insgesamt ermöglichen, ergibt sich ein wahrlich wertvolles, unbedingt zu empfehlendes Werk!

Regina Károlyi



Hardcover | Erschienen: 1. Oktober 2012 | ISBN: 9783777454115 | Preis: 39,90 Euro | 248 Seiten | Sprache: Deutsch

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