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 Poetische Sprachspiele

Vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Herausgeber: Klaus Peter Dencker
Verlag: Reclam

Cover
Gesamt +++--
Anspruch
Aufmachung
Preis - Leistungs - Verhältnis


"Worte sind für Kinder noch wie Höhlen, zwischen denen sie seltsame Verbindungswege kennen." So lautete eine Aussage des bekannten deutschen Philosophen Walter Benjamin. Doch nicht nur für Kinder, sondern ebenso für Erwachsene ist die Beschäftigung mit der eigenen Sprache, das Spiel mit Worten, immer wieder eine faszinierende Tätigkeit. Schriftsteller sind in der Regel Leute, die mit Sprache spielen, die mit Erinnerung arbeiten, die Geschichten erzählen und gern sprechen. Klaus Peter Dencker, selbst visueller Dichter, bündelte in seinem Sammelwerk "Poetische Sprachspiele" Gedichte verschiedener Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart.

Klassische wie moderne Autoren von Walther von der Vogelweide, Martin Luther und Johann Wolfgang von Goethe über Joseph von Eichendorff, Eduard Mörike, Theodor Fontane und Christian Morgenstern bis hin zu Bertolt Brecht, Kurt Schwitters, Ernst Jandl und Günter Grass zeigen auf 428 Seiten ihren Reichtum an sprachlicher Kreativität.

Friedrich von Logau spielt in seinem Gedicht "Kennzeichen eines rechten Freundes" aus dem 17. Jahrhundert zum Beispiel mit den Anfangsbuchstaben der beschriebenen Attribute, die vertikal gelesen das Wort "Freund" ergeben:

F rey
R edlich
E hrlich
U nverdrossen
N amhafft
D emütig

Die Sammlung konzentriert sich bis auf wenige Ausnahmen auf die Lyrik und die ihr nahe stehenden Textformen, wie Prosagedichte und rhythmische Prosa, die chronologisch nach ihrem Entstehungsdatum geordnet sind. Die Gedichte zeigen, wie umfangreich und vielseitig sprachspielerische Mittel und Methoden von ihren Verfassern angewandt wurden. Sie versuchen möglichst alle Spielarten der literarischen Rhetorik und des eigenschöpferischen Umgangs mit Sprache vorzuführen, von den zahlreichen, oft sehr komplizierten Lettern-, Reim- und Verskonstruktionen angefangen über die visuellen und akustischen poetischen Erfindungen bis zum Spiel mit der Semantik, den Sinnverkehrungen, dem Rätsel, den Täuschungen und dem Entdecken neuer poetischer Sprachen.

Der Schweizer Rainer Brambach beschäftigt sich in seinem Gedicht "Lebenslauf" aus dem 20. Jahrhundert auf unkon- ventionelle Weise mit der Existenz von Lebewesen:

Wasserfläche
Wasserwurzel
Wasserjunge
Wassermann
Wassergreis
Plumps!
Wasserringe
Wasserfläche

Die vergnüglichen Sprachspielereien, visuellen und poetischen Erfindungen aus acht Jahrhunderten können nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit den Augen aufgenommen werden. In Kai Selbars Gedicht "Selbstdarsteller" aus dem 20. Jahrhundert sind die Worte zum Beispiel so angeordnet, dass sie auf dem Papier das Profil eines Menschen ergeben.

Inhaltlich ist das Werk "Poetische Sprachspiele" als Lektüre empfehlenswert. Es bietet einen unterhaltsamen und fundierten Überblick über die lange Tradition klanglicher und visueller Sprachexperimente in der Lyrik. Die Sprachspiele können nicht nur Erwachsene erfreuen, sondern auch jüngeren Lesern den Spaß an der Sprache vermitteln. Die Fachzeitschrift "Das Gedicht" zeichnete den Sammelband sogar als "Gedichtband des Jahres 2003" aus.

Ein enormer gestalterischer Mangel ist jedoch zu vermerken. Das Reclam-Buch ist im DIN A6-Format zwar praktisch zum Mitnehmen in der Tasche, passt aber nicht zur Gattung der Lyrik. Aufgeschlagene Seiten bleiben nicht offen liegen, sondern klappen sofort zusammen, sodass der Leser sie krampfhaft festhalten muss und so ein konzentriertes langsames Lesen - wie bei einem Gedicht nötig - nicht möglich ist. Auch die kleine Schrift trägt nicht zu einer besseren Aufnahme des Stoffes bei. Für dieses inhaltlich so gelungene Buch wurde leider ein völlig unpassendes Format gewählt, das die Qualität des Gesamt- werkes unnötigerweise schmälert.

Nikola Poitzmann



Taschenbuch | Erschienen: 01. Dezember 2002 | ISBN: 3150182387 | Preis: 9,80 Euro | 428 Seiten | Sprache: Deutsch

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