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 Kapital


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Gesamt +++++
Anspruch
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Gibt es in der Londoner City noch normale Menschen? John Lanchester zeichnet in "Kapitel" ein Gesellschaftsporträt unserer Gesellschaft anhand der Einwohner der Londoner Pepys Road. Dabei verbindet er die nicht miteinander in Kontakt stehenden Nachbarn durch ominöse Schreiben, die plötzlich in ihren Briefkästen auftauchen.

Die Pepys Road hat sich im Laufe ihrer Geschichte von einer Straße einfacher Arbeiter zu einer Mischung aus Anlageimmobilien und repräsentativen Wohnbauten gewandelt. Die heutigen Einwohner der Pepys Road sind in der Regel Zugezogene, die im Londoner Zentrum gut bezahlte Jobs haben.
So auch Roger Yount, ein Banker in leitender Funktion, dessen Frau jeden Bezug zum Geld längst verloren hat. In der Annahme, dass die Kreditkarte ungedeckt funktioniert und der nächste Bonus höher ausfallen wird als der letzte, lebt sie ein konsumfreudiges Leben, verteilt großzügig Geschenke und genießt den Luxus, der mit finanzieller Sicherheit einhergeht. Diese finanzielle Sicherheit ist plötzlich gefährdet, als der bereits verplante, und teilweise für die Finanzierung laufender Kosten dringend benötigte jährliche Bonus Rogers plötzlich ausfällt.
Plötzlich ist es fraglich, ob die Younts sich das Haus weiterhin leisten können, ob es wirklich noch tragbar ist, die Kinderbetreuung ganztägig durch Kindermädchen zu gewährleisten und wie teuer der nächste Urlaub sein darf.

Doch auch andere Menschen, die mit der Pepys Road in Verbindung stehen, haben ihre Sorgen. Petunia Howe fällt plötzlich um und erleidet immer öfter Schwindelanfälle, die von einem Hirntumor hervorgerufen sein könnten, während eine muslimische Familie, die am Ende der Straße einen kleinen Laden betreiben, plötzlich eines ihrer Familienmitglieder wegen Terrorverdachts ohne Verhandlung in ein Gefängnis eingesperrt wissen.

John Lanchester zeichnet ein neutrales Panorama der Bewohner Londons und schafft es, die Fakten und Geschehnisse für sich sprechen zu lassen. Er prangert nicht an, dass Quentina, die Akademikerin, die wegen ihres politischen Engagements aus Simbabwe verjagt wurde und nun mit einer falschen Identität in London Knöllchen verteilt. Aber er erzählt ihrer Geschichte so realistisch und eindringlich, dass der Leser selbst zu einer moralischen Bewertung kommt.

Der Journalist John Lanchester bedient sich einer massentauglichen Sprache. Einfache, leicht verständliche Sätze prägen das 682 Seiten starke Werk und machen das an sich monumentale Werk zu einer angenehmen Lektüre. Die zahlreichen Handlungsstränge werden geschickt miteinander verwoben und am Ende verbunden, so dass trotz der zahlreichen Personen der Überblick gewahrt wird.

Darin unterscheidet sich Lanchester aber auch von Balzac, mit dem er auf dem Buchrücken der deutschen Ausgabe verglichen wird. Seine Figuren sind weniger detailliert gezeichnet und ihr persönlicher Hintergrund wird weniger beschrieben als dies bei Balzac und beispielsweise Tolstoi der Fall ist. Das macht seine Bücher zwar populärer, aber auch weniger epochal als beispielsweise die Werke von Jonathan Franzen.

Das Faszinierende an Lanchesters Charakteren ist ihre Durchschnittlichkeit. Sie fallen weder durch besondere Intelligenz, Schönheit oder Charakterschwächen auf, sondern sind so allgemein und gewöhnlich, dass es außer Frage steht, dass sich derartige Personen in London und anderen Metropolen finden lassen. Kapital wirkt daher wie ein Panoptikum unserer Gesellschaft, das aufzeigt, wie normale Menschen werden, wenn die Umstände so sind, wie in der westlichen Welt zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Eine Leseprobe findet sich auf der Verlagsseite.

Sebastian Langer



Hardcover | Erschienen: 15. Januar 2013 | ISBN: 9783608939859 | Originaltitel: Capital | Preis: 24,95 Euro | 682 Seiten | Sprache: deutsch

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