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 Rothschilds Geige


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Ton
Da das Leben für ihn nur aus Sorgen, nicht zustande gekommenen Geschäften, harter Arbeit und Kosten besteht, beschränkt die Buchführung des Sargtischlers Jakow Iwanow auf das akribische Notieren dessen, was er nicht verdient, das heißt, nicht eingenommen hat. Die Leute sterben einfach nicht, sie sterben in einem anderen Dorf, oder sie wollen doch einen kleineren, größeren, billigeren, anderen Sarg. Auch privat kennt Jakow Iwanow keine Freude, beginnt doch jeder Tag damit, dass er sich über die Hühner ärgert, die seine Frau Marfa bei der kalten Witterung im Haus lässt.
Ein Zubrot verdient er sich, indem er bei Festen mit seiner wohlklingenden Geige zum Tanz aufspielt, zusammen mit dem jüdischen Klarinettisten Rothschild, den er schon aufgrund seiner Religion hasst und schikaniert.
Als Marfa stirbt, ist Jakow erleichtert, dass er die Beerdigung billig, aber ordentlich abwickeln kann. Und dann überkommt ihn die Einsamkeit und die Einsicht, dass er Marfa stets schlecht behandelt hat, auch an den ihn fürchtenden Rothschild denkt er. Bald ereilt ihn die Gewissheit, dass er ebenfalls in Kürze sterben wird. Und in einem emotionalen Moment, in dem sie beide Jakows letztem Geigenspiel lauschen, vermacht der Sargtischler Rothschild seine Geige, die, wie er sagt, sonst als Waise zurückbliebe.

Zu Unrecht gehört die Novelle eher zu den Raritäten unter den Formen der Erzählung. Tschechows Novelle "Rothschilds Geige" stellt eine der Perlen des Genres dar, ein kleines zauberhaftes Kunstwerk.
Während der Titel bereits das Ende ein Stück weit vorwegnimmt, baut der Autor den Charakter des missmutigen, geizigen Misanthropen Jakow Iwanow so auf, dass sich der Leser beziehungsweise Hörer fragt, wie in aller Welt die Geige einmal in den Besitz des Juden Rothschild gelangen könne. Der Hauptteil der Novelle ist ein sehr geschickt konstruiertes "Dreieck" aus dem immer nörgelnden Jakow, seiner schicksalsergebenen, Jakow und seine Schikanen still erduldenden Gattin Marfa und Rothschild, der Jakow die musikalischen Auftritte verschafft und dafür nur Spott und andere Bösartigkeiten erntet.
Den Wendepunkt bildet Marfas Tod: Hier beginnt für Jakow ein Innehalten, das ihn in seiner ihm noch verbleibenden kurzen Zeit ein wenig weicher, versöhnlicher werden lässt.
Norbert Schwientek brilliert in diesem Hörspiel in der Rolle des kauzigen Jakow; ob man will oder nicht, muss man bei diesem Vortrag die durchaus tragische Figur bemitleiden und vielleicht gar mögen. Renate Steiger überzeugt als überwiegend ergeben und geduldig ja-sagende Marfa ebenfalls; der Hörer kann sich die abgearbeitete, von der Lieblosigkeit des Mannes verhärmte Frau geradezu bildlich vorstellen. Rothschild erhält von Wolfram Berger seine Stimme und die ängstliche Verbindlichkeit, die so viele Juden in der Literatur aufweisen; auch dies passt perfekt zur Vorlage. Die kleineren Rollen sind ebenfalls gut besetzt. Erzähler André Jung verknüpft alle Dialoge und Monologe und hält die Geschichte zusammen, gibt ihr Spannung und Gefühl.
Dies ist keine einfache Aufgabe bei einer Novelle, die sowohl schwarzhumorig-sarkastische Elemente als auch eine enorme Melancholie enthält. Tschechow! Fritz Zaugg hat aus der Novelle sehr sensibel eine Hörspielfassung erstellt, der es gelingt, den Charakter des Jakow Iwanow und seine Entwicklung so zu vermitteln, wie Tschechow ihn in der Novelle darstellt. Auch die Musikuntermalung an entsprechenden Stellen fügt sich wunderbar in das Ganze ein.
Der Preis mag für eine gute Dreiviertelstunde Spielzeit etwas hoch angesetzt wirken, allerdings sollte der potenzielle Käufer dem Verlag zugutehalten, dass die Produktion eines Hörspiels immer deutlich aufwändiger ist als die eines Hörbuchs.
Die CD befindet sich in einer Kunststoffhalterung innerhalb eines Kartonumschlags; das Booklet besteht lediglich aus Verlagswerbung.

Eine starke Umsetzung des bezaubernden Stoffs von Tschechow, der dadurch vielleicht etwas mehr in den Fokus literaturinteressierter Hörer rückt.

Zwei Hörproben werden auf der Verlagsseite zu diesem Titel angeboten.

Regina Károlyi



CD | CD-Anzahl: 1 | Erschienen: 11. März 2013 | ISBN: 9783856166014 | Laufzeit: 48 Minuten | Preis: 13,90 Euro | Sprache: Deutsch

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