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 Asoziales Wohnen

Hinter jeder Tür eine eigene Vorstellung von Leben


Cover
Gesamt +++--
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohnungen, eine wenig charmante Wohngegend und ziemlich kaputte Menschen in diesem Haus.
So könnte man "Asoziales Wohnen" von Dirk Bernemann zusammenfassen. Der Leser begleitet, eingeleitet von einer Betrachtung des Hausmeisters, die Bewohner des Hauses Wohnung für Wohnung, Tag für Tag durch eine Woche. Da ist das alte Ehepaar, er inkontinent und insgesamt auch nicht so recht "beisammen", sie mit ihren 87 Jahren lebensmüde und in Erinnerungen gefangen. Gegenüber wohnt ein etwas debiler 38-Jähriger mit seiner so dominanten wie hilflosen Mutter, der im Internet mit einer 13-Jährigen chattet und sich ihr gegenüber als durchstartender Rapper ausgibt. Oben drüber eine kaputte Kleinfamilie, Vater, Mutter und fünfjährige, ungeliebte Lisa. Nebenan Sibylle, eine an ihrer Arbeit, ihrem Leben verzweifelnde Supermarktkassiererin. Und in der größten Wohnung eine auch nur scheinbar glückliche Familie mit drei Kindern und Hausbauwunsch – des Vaters, eines Versicherungsangestellten.
Im zweiten Stock wohnt ein Autor mit Schreibblockade. Sein Nachbar ist der "zuckerschöne Manuel", so oft und so sehr verliebt und geliebt. Und dann gibt es noch die "abgefuckte Dachgeschosswohnung", in der ein Mann lebt, der bei einem heldenhaften Einsatz buchstäblich sein Gesicht verloren hat, das mit Säure zur Unkenntlichkeit verätzt wurde. Er öffnet nie seine Tür, außer, um die davor regelmäßig abgestellte Tiefkühlkost hereinzuholen.
Diese Menschen agieren eine Woche lang, teils interagieren sie auch; Sibylle landet in der Wohnung der alten Leute, als die verstorbene Frau schon nach Verwesung riecht; die Tochter der Versicherungsangestelltenfamilie ist die 13-jährige Liebe des 38-jährigen Sören aus dem Erdgeschoss, und Sibylle kommt kurzzeitig deren Vater sehr nah. Eine Begegnung zwischen Lisa und dem "Außerirdischen" der Dachgeschosswohnung hat massive Folgen. Und der Autor bezieht seine plötzliche Inspiration aus dem Drama seines Nachbars Manuel.

Zunächst erscheint die "Zusammensetzung" der Hausgemeinschaft nicht untypisch für eine einfache Stadtgegend; es fehlen freilich, politisch etwas überkorrekt vielleicht, Personen mit Migrationshintergrund – die es in solchen Häusern üblicherweise auch gibt und die ebensolche oder ganz eigene Probleme haben -, aber das mag statistisch irrelevant sein.
Auch die Schicksale haben nichts wirklich Ungewöhnliches an sich – zu Beginn. Dass sich die einzelnen Fäden plötzlich umeinander wickeln, ist ein geschickter dramaturgischer Schachzug. Und auch für sich genommen kann der Leser die einzelnen Handlungsstränge sehr gut nachvollziehen, da er ähnliche Schicksale entweder persönlich oder wohl eher aus den Medien kennt.
Sehr sozialkritisch, in einem Stil, der Poesie mit knallharter Fäkal- und Vulgärsprache verbindet, mit psychologischem Sachverstand und Sinn für das Drama entwickelt der Autor einen verstörenden Verlauf der einzelnen Handlungen, die einander kreuzen und wieder verlassen. Hierbei trägt er etwas arg üppig auf. So wird das Haus schließlich innerhalb der Woche regelrecht entvölkert: Nicht weniger als fünf Bewohner sterben, teils gewaltsam, zwei verschwinden auf andere Weise. Bei einer Satire könnte man das akzeptieren, bei einem gesellschaftskritischen Roman irritiert es.
Insgesamt also ein durchaus lesenswerter, natürlich nicht "schöner" Roman mit vielen Anleihen aus der in der Tat unschönen Wirklichkeit, aber, um es salopp auszudrücken, teils wird's ein wenig viel.

Regina Károlyi



Hardcover | Erschienen: 5. Oktober 2012 | ISBN: 9783942920148 | Preis: 14,95 Euro | 315 Seiten | Sprache: Deutsch

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