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 Microcontos

Minigeschichten aus Brasilien


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Je maximal zwei Seiten umfassen die Geschichten, die von der Portugiesisch-Dozentin und Publizistin Luísa Costa Hölzl in Zusammenarbeit mit der Übersetzerin Wanda Jakob als Anthologie herausgegeben wurden. Manche beschränken sich auf ein oder zwei Sätze. Sie beleuchten die unterschiedlichsten Szenen, oft scheinbar alltäglich, dann wieder verblüffend surreal, und bieten dem Leser einen bunten Strauß an möglichen oder sich tatsächlich abspielenden Handlungsabläufen, Gedanken und Gedankenspielen.

Von dreizehn brasilianischen Autoren stammen die winzigen Geschichten. Sie liegen zweisprachig vor - jeweils auf der linken Seite das portugiesische Original, rechts die Übersetzung -, sodass nicht des Portugiesischen mächtige Leser bequem dem deutschen Text folgen können, während fortgeschrittene Portugiesisch Lernende die Möglichkeit haben, in der Originalsprache mitzulesen.
So unterschiedlich die Autoren sind, so vielfältig präsentieren sich die Texte. Die etwas längeren erinnern formal ein Stück weit an Kurzgeschichten, die besonders kurzen stehen mit ihrer enormen Dichte für sich, und erzählen indes doch nicht weniger als eine aus formaler Sicht "normale" Geschichte. Eine Minigeschichte sei hier beispielhaft zitiert, sie stammt von Marcelino Freire:

"Er hätte ihr Großvater sein können.
Und am schlimmsten ist, er war es auch." (S. 37)

Was für eine Tragik in zwei Sätzen! Und eben eine ganze, gehaltvolle, sorgfältig strukturierte Geschichte, über die der Leser nicht weniger nachdenkt als über manchen Roman. Reiz und Zauber der sehr kurzen Form erschließen sich mittels der Geschichtchen dieser Anthologie sehr intensiv, seien es die Lebensminiaturen von Marçal Aquino, die auf das absolute Minimum reduzierten Erzählungen des bereits erwähnten Marcelino Freire, die tiefsinnigen, fast wie gemalt wirkenden Szenen und Stimmungsbilder eines Luiz Ruffato und die skurrilen Minicontos von Veronica Stigger mit ihren stark surrealen, grotesken Elementen, um nur einige der Autoren der Anthologie zu nennen.
Die Lektüre eines solchen Buches erfordert Aufmerksamkeit, intensives Mitdenken, Ergründenwollen, Offenheit für unverhoffte, rasante Wendungen. Keine Minigeschichte gleicht wirklich der anderen. Keine lässt kalt. Und auch, wenn diese meist nachdenklich stimmenden, Bestürzung und bisweilen Befremden auslösenden, manchmal aber auch ein Lächeln zaubernden Minigeschichten zumeist in Brasilien spielen, könnten sie, mit geringen Abwandlungen, eigentlich überall angesiedelt sein, denn sie handeln von Menschen mit Gefühlen, Sehnsüchten, Fehlern oder auch Größe.
Bei allem Respekt vor den Geschichten selbst soll jedoch ebenso die Leistung der Herausgeberin gewürdigt werden, diese Perlen einzeln entdeckt und in sinnvoller Folge präsentiert zu haben.
Nicht nur im Zusammenhang der Präsenz Brasiliens auf der Buchmesse und 2014 bei den großen Sportereignissen eine sehr empfehlenswerte Lektüre!

Eine ausführliche Leseprobe bietet die Verlagsseite zum Buch an.
Interview mit der Herausgeberin und einer beteiligten Autorin bei Media-Mania.de veröffentlicht!

Regina Károlyi



Taschenbuch | Erschienen: 1. Oktober 2013 | ISBN: 9783423095181 | Preis: 8,90 Euro | 142 Seiten | Sprache: Deutsch, Portugiesisch

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