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 Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Preis - Leistungs - Verhältnis
Europa ist unsere Gegenwart, aber unsere Geschichte bleibt im Nationalen verwurzelt.

Mit diesem Plädoyer für eine "neue Nationalgeschichtsschreibung" beginnt Ulrich Herberts "Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert". Doch schnell macht Herbert deutlich, dass eine Nationalgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht an Grenzen haltmachen kann, sondern diese in einen Gesamtkontext einordnen muss. Ganz in diesem Sinne ist die Reihe "Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert", in welcher der vorliegende Band erschienen ist, folgendem Grundsatz verhaftet:

Die Geschichten der europäischen Staaten und Gesellschaften werden je für sich erzählt, aber zugleich im Kontext der europäischen Entwicklung und der globalen Verflechtungen.

Hinzu kommt, dass das 20. Jahrhundert nicht einfach so um 1900 begann, sondern auf einer "tiefgreifenden Veränderungsdynamik der Jahrzehnte zwischen 1890 und 1914" fußte. So spricht Herbert gar von einem "langen 20. Jahrhundert". Etwas einfacher erscheint da schon die zeitliche Einteilung des Bandes, der ganz klassisch folgende Zeiträume umfasst:

- 1870 bis 1918
- 1919 bis 1933
- 1933 bis 1945
- 1945 bis 1973
- 1973 bis 2000

Doch trotz dieser Aufgliederung weist Herbert auch auf das einheitsstiftende Element dieses 20. Jahrhunderts hin, welches die einzelnen Abschnitte "überwölbt": die Durchsetzung der Industriegesellschaft sowie die sich daran anschließenden fundamentalen Veränderungen. Oder anders gesagt: eine "Geschichte Deutschlands des 20. Jahrhunderts" ist gleichzeitig auch eine Geschichte der "Hochmoderne", die sich in einem transnationalen Kontext bewegt. Die Konsequenz dieser doppelten Argumentationsstruktur bringt Herbert schlussendlich folgendermaßen auf den Punkt:

Die äußere Struktur folgt den politischen Daten, der Argumentationsgang in der Regel nicht.


Mit diesem Buch vollbringt Ulrich Herbert eine Mammutaufgabe: Denn eine Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in einem europäischen Kontext zu schreiben, scheint angesichts der Komplexität nicht nur waghalsig, sondern auch eine ausufernde Angelegenheit zu werden. Gewiss: ausufernd ist der Band mit seinen gut 1250 Seiten (ohne Anhang) geworden. Doch qualitativ bewegt sich Herbert auf höchstem Niveau. Er schafft es nämlich auf eine konzise Art und Weise, die deutsche Geschichte in einen europäischen, bisweilen sogar in einen globalen Zusammenhang zu bringen, wodurch er sich von der nationalen Geschichtsschreibung im Stile eines Golo Mann abhebt. Zugleich heißt dies aber, dass Herbert die Sache auch etwas anders darstellt. So ist ihm selbst weder ein pathetischer Grundton zu eigen, noch gerät er ins Erzählen. Er geht die Sache vielmehr nüchtern und analytisch an, was nicht zuletzt daran sichtbar wird, dass kaum persönliche Schilderungen von Zeitgenossen zitiert werden. Auch wenn dies alles zunächst einmal recht trocken erscheint, beeindruckt der Band trotz des immensen Umfangs durch souveräne Kontextualisierungen sowie durch klare Argumentationslinien. Sicherlich schadet es dabei nicht, ein wenig Vorwissen mitzubringen, da sich erst dann die dargelegten Zusammenhänge vollends erschließen. Schließlich ist Herberts Ansatz alles andere als eine klassische Ereignisgeschichte.

FAZIT: eine souveräne, strukturgeschichtliche Aufarbeitung der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts im transnationalen Kontext

Weitere Informationen zum Buch sowie eine Leseprobe finden sich auf der Webseite des Verlags

Matthias Jakob Schmid



Hardcover | Erschienen: 9. Mai 2014 | ISBN: 9783406660511 | Preis: 39,95 Euro | 1451 Seiten | Sprache: Deutsch

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