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 Das Kapital im 21. Jahrhundert

Autoren: Thomas Piketty
Verlag: C. H. Beck

Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Preis - Leistungs - Verhältnis
Die Ökonomen unserer Tage entwickeln zu allen möglichen wirtschaftlichen Phänomenen mathematische Modelle. Ob diese Modelle noch irgendwas mit der Realität zu tun haben, wird von vielen Kritikern bezweifelt. Thomas Piketty kritisiert dieses Vorgehen schon allein deswegen, weil die Wirtschaftswissenschaften dadurch verlernt haben, die richtigen Fragen zu stellen.

Eine dieser richtigen Fragen ist "Wie überwinden wir die zunehmende Ungleichheit im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts?". Um diese Frage zu beantworten, hat Piketty riesige Mengen von Zahlenmaterial ausgewertet, das er arbeitsteilig zusammen mit Kollegen zusammengetragen hat. Anhand der Analyse langer Datenreihen zur Einkommens- und Vermögensentwicklung in verschiedenen Ländern, die mitunter bis ins 18. Jahrhundert zurückgehen, geht er der Ursache ökonomischer Ungleichheit nach und entwickelt Handlungsoptionen, ihr zu begegnen.

"Das Kapital im 21. Jahrhundert" ist in vier Teile gegliedert. Zunächst werden in einer Einleitung ausführlich die Methode, die Entstehung und das Ziel des Buches erläutert. Im ersten Kapitel wird in die wichtigsten Begriffe und Konzepte, die Piketty benutzt, eingeführt. Der zweite Abschnitt führt in die historische Entwicklung der letzten Jahrhunderte ein. Der dritte Teil ist der Hauptteil des Buches. Auf über 300 Seiten wird hier die Struktur der Ungleichheit, sowohl in einzelnen Ländern wie global, dargestellt. Im letzten Abschnitt werden schließlich politische Handlungsoptionen vorgestellt. Im Anhang des Bandes findet sich ein Personenregister.

Thomas Pikettys Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" ist sowohl methodisch auf hohem Niveau als auch das Ergebnis einer Jahre langen und sicher mühsamen empirischen Arbeit. Piketty liefert mit ökonomisch-analystischem Tiefgang eine bisher nicht geschriebene Wirtschaftsgeschichte, die zahlreiche Einsichten zum Problem der Ungleichheit in der Gesellschaft bereit hält.

Der Autor grenzt sich dabei zu vergangenen großen Ökonomen ab. Er will weder wie Marx, auch wenn der Titel es vermuten lässt, beweisen, dass der Kapitalismus an sich selbst zugrunde gehen wird, noch befürwortet er den grenzenlosen Optimismus neoklassischer Ökonomen, die glauben, der Markt reguliere sich schon von selbst. Piketty glaubt an die Macht politischen Handelns und unterscheidet sich gerade darin von den meisten Ökonomen unserer Zeit. Daher beschränkt er sich auch zu Recht nicht nur auf eine Analyse, sondern widmet einen ganzen Abschnitt möglicher Maßnahmen zur Reduzierung der zunehmenden Ungleichheit.

Die Grundthese des Buches lautet "Ungleichheit ist ein Problem". Die ganze Analyse zielt also darauf ab, ihre Zu- und Abnahme in den letzten Jahrhunderten empirisch zu erfassen und die Ursachen der wechselnden Entwicklungen zu verstehen. Dabei spielen zwei Datenreihen die entscheidende Rolle - zum einen die Einkommens- und zum anderen die Vermögensentwicklung. Zu beiden konnte der Autor für einige Länder auf lange Datenreihen zurückgreifen, weil durch Einkommens- und Erbschaftsbesteuerungen in den Industrieländern das Zahlenmaterial vorliegt. Ein Umstand, von dem Ökonomen des 19. Jahrhunderts noch nicht profitieren konnten. Doch Piketty bleibt nicht bei den reinen Zahlen. Er erläutert auch, wie es zu den Kurven kommt und bringt die Entwicklungen mit historischen Ereignissen wie den Weltkriegen in Korrelation. Den ganzen Band hindurch wird so deutlich, welche Macht Politik hat, wenn sie etwas ändern will.

Piketty achtet trotz des beachtlichen Umfangs des ausgewerteten Zahlenmaterials und der anspruchsvollen Methodik dahinter auf Verständlichkeit. Die ersten beiden Abschnitte sind geschrieben, um die eigentliche Analyse der Ungleichheit besser zu verstehen. Piketty will, dass auch Menschen ohne ein Studium der Ökonomie seine Studie und vor allem seine Ergebnisse verstehen. Das ist ihm auch zweifellos gelungen, dennoch erfordert die Lektüre Konzentration und auch Ausdauer. Die 800 Seiten lesen sich nicht in ein paar Tagen. Aber die Lektüre lohnt sich in jedem Fall, denn dieses Buch zeigt, welchen Beitrag die Wirtschaftswissenschaften leisten können, wenn sie ihren Elfenbeinturm mathematischer Modellierungen verlassen und sich auch soziologischen und geschichtswissenschaftlichen Methoden und Fragestellungen öffnen. Die Ungleichheit im Kapitalismus verschwindet nicht einfach, sie muss durch Handeln bekämpft werden. Dazu sollte die Wirtschaftswissenschaft ihren Beitrag leisten. Piketty sind auch daher viele Leser zu wünschen.

Eine Leseprobe und einen Blick ins Inhaltsverzeichnis bietet die Verlagswebsite.

Andreas Schmidt



Hardcover | Erschienen: 22. Dezember 2014 | ISBN: 978-3406671319 | Originaltitel: Le capital au XXle siècle | Preis: 29,95 Euro | 816 Seiten | Sprache: Deutsch

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