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 Verschwundene Schätze


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Nach "Die Schrift in Flammen" liegt bei dtv nun auch der zweite Teil von Miklós Bánffys Siebenbürgen-Trilogie vor, die sich mit der Zeit zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg befasst.
Immer noch widmet sich der Adel seinen üblichen Zerstreuungen wie Jagd, Tanzbälle und erotischen Affären und bisweilen auch der Politik, in der sich einiges zuspitzt. Doch nur wenige Politiker reagieren sensibel auf die Spannungen, die sich in der Donaumonarchie auftun. Die Ungarn geben sich nach dem Ausgleich von 1867 der Illusion hin, sie seien gleichberechtigte Partner Österreichs und auf jeden Fall den anderen Minderheiten im Reich überlegen. Diese jedoch beginnen, Widerstand zu leisten.
Die Protagonisten des ersten und dann auch des zweiten Bandes, zwei gräfliche Cousins namens Bálint Abády und László Gyeröffy, finden sich in dieser Welt nicht zurecht. Bálint, Politiker und Sohn einer Gutsbesitzerin, hat eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zu der Frau eines anderen und setzt alles daran, sie ganz für sich zu gewinnen. László, als Waise aufgewachsen, haltlos und dem Alkohol wie auch dem Glücksspiel verfallen, bringt sein gesamtes Erbe durch, nachdem seine große Liebe ihn wegen seiner Süchte abgelehnt hat. Während der liberale Bálint versucht, die armen Bauern genossenschaftlich zu organisieren, büßt László nach und nach auch das letzte Restchen Würde ein. Mit ihnen steuert Siebenbürgen als ungarische Provinz auf den Untergang zu.

Auch in diesem Band zeigt Bánffy, selbst Angehöriger der von ihm porträtierten Schicht, eindrucksvoll den Tanz am Kraterrand des Vulkans auf, den die gehobene Mittel- und die Oberschicht in der Donaumonarchie und nicht zuletzt im stolzen Ungarn wenige Jahre vor dem Untergang ihrer gewohnten Weltordnung vollführten. Diesem leichten, süßen Leben kann sich auch der durchaus tiefer blickende Bálint Abády nicht entziehen, der als Abgeordneter zwischen dem provinziellen Siebenbürgen und der ungarischen Hauptstadt Budapest pendelt, vieles versucht, um dringend benötigte Modernisierungsmaßnahmen durchzusetzen, und dann doch wieder vom gewohnten Trott überrollt wird. Hinzu kommt seine unglückliche Liebe. Jeder Graf, sowohl Bálint als auch László Gyeröffy, ist auf seine eigene Weise eine tragische Gestalt.
Spannender als jedes Geschichtsbuch vermittelt Bánffy die politische und soziale Lage Siebenbürgens und liefert darüber hinaus einen Liebesroman, der unter anderem auch die Situation der Frauen kritisch beleuchtet, so etwa den verstörenden Umstand, dass sich eine Frau nicht scheiden lassen konnte, wenn ihr Mann geisteskrank wurde.
Es ist zum Verständnis dieses Bandes nicht unbedingt notwendig, zuvor den Vorgänger "Die Schrift in Flammen" zu lesen, denn Bánffy führt die Charaktere geschickt so ein, dass dies weder die bereits mit dem Trilogie-Einstieg vertrauten Leser langweilt noch die "Neulinge" mit offenen Fragen zurücklässt. Einige Grundzüge der ungarischen und möglichst auch Siebenbürger Geschichte sollte sich der Leser im Vorfeld jedoch aneignen, um die sich vor ihm entwickelnde Handlung besser zu verstehen. Der Autor wendet sich ja primär an seine Zeitgenossen, die diese Zeit einer trügerischen Harmonie und Ruhe erlebt haben. Es lohnt sich daher auch, das Nachwort des Übersetzers zu lesen.
Bánffys angenehmer Erzählstil, klar, sachlich und dialogreich, sorgt dafür, dass der Roman trotz seines beachtlichen Umfangs nicht langweilig wird. Bánffy versteht es meisterlich, spannende Episoden mit solchen abwechseln zu lassen, die eher durch die zu erahnenden tückischen Strömungen tief unter der Oberfläche fesseln, während er etwas scheinbar Banales beschreibt.
Man darf sich folglich auf den dritten Band freuen, nachdem man schweren Herzens den zweiten beiseite gelegt hat, der zwar einige Tatsachen geschaffen, aber auch etliche Fragen offen gelassen hat.

Regina Károlyi



Taschenbuch | Erschienen: 1. Januar 2015 | ISBN: 9783423143752 | Originaltitel: És hijjával találtattál | Preis: 16,90 Euro | 574 Seiten | Sprache: Deutsch

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