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 Percy Pickwick Gesamtausgabe Band 3


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Bildqualität
Brutalität
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Einen britischen Agenten kann so schnell nichts erschüttern, erst recht nicht Percy Pickwick. Ob er von seinem eigenen Geheimdienst versehentlich für vogelfrei erklärt oder Zuhause von einem ausgewachsenen Tiger begrüßt wird, der Colonel meistert alle Herausforderungen mit den typisch britischen Eigenschaften Charme, Humor und Gelassenheit - zumindest meistens, wie im dritten Band der Percy-Pickwick-Gesamtausgabe nachzulesen ist.

Das Cover des dritten Bandes entspricht vom Stil her dem seiner Vorgänger, nur dass der Protagonist diesmal äußerst energisch in Richtung eines Pubs mit dem Namen "Lady D" Tavern marschiert. Im Inneren finden sich auf insgesamt 208 Seiten eine sechsseitige Einleitung über den Künstler Philippe Liégeois alias Turk, vier Pickwick-Abenteuer in Albenlänge sowie eine Kurzgeschichte.

Sieben Tage Angst
Auch der britische Geheimdienst bleibt von der modernen Technik nicht verschont, und somit übernimmt ein Großrechner mit dem schönen Namen Betty die Aufgabe, geheimdienstliche Ziele zur Eliminierung auszuwählen. Dumm nur, dass dem Computer diesmal scheinbar ein Missgeschick unterlaufen ist, denn der neueste Kunde der Attentäter ist niemand anderes als Percy Pickwick höchstselbst. So stehen dem erfahrenen Soldaten und Pfadfinder sieben Tage unter akuter Lebensbedrohung bevor, denn erst nach Ablauf dieser Frist dürfen sich die Attentäter im Hauptquartier melden.
Bereits die erste Geschichte des Bandes ist ein großartiges Beispiel für den Einfallsreichtum von de Groot sowie die Detailverliebtheit von Turk. Pickwick befindet sich diesmal nicht in der Rolle des Jägers, sondern des Gejagten, was einen sehr interessanten Perspektivenwechsel für den Leser erlaubt. Gleichfalls liest sich die Geschichte als clevere Kritik an der Technikgläubigkeit unserer Zeit, was umso erschreckender ist, da der Plot in den Siebzigerjahren spielt. Doch trotz der Todesgefahr kommt auch hier der Humor nicht zu kurz, beispielsweise wenn Pickwick in seiner Verkleidung als Rockmusiker das Publikum mit Lagerfeuerklassikern unterhält.

Ein Ende mit Schrecken
Innerhalb weniger Monate sterben mehrere britische Finanzmagnaten und Großunternehmer an einem Herzanfall. Als der für den MI5 ermittelnde Agent enttarnt wird, muss Pickwick den Fall übernehmen. Schnell kann er sich auf die Fährte zweier Killer setzen, die ihm jedoch eine der "erschreckendsten" Begegnungen seiner Agentenlaufbahn zuteilwerden lassen.
Nach der originellen ersten Geschichte handelt es sich bei "Ein Ende mit Schrecken" um eine eher normale, fast schon belanglose Agentengeschichte. Dies mag daran liegen, dass die Grundhandlung bereits 1972 als 16-seitiges Kurzabenteuer in einem Taschenbuch erschienen ist. Sieben Jahre später überarbeiteten de Groot und Turk das Material und streckten es auf Albenformat, wobei der relativ gewöhnliche Agentenplot nicht ausgebaut wurde. Die ursprüngliche Geschichte "Herz ist Trumpf" ist übrigens ebenfalls in dem Sammelband enthalten.

Zum Fressen gern
Als Colonel Pickwick nach einem frustrierenden Tag nach Hause kommt, steht er unerwartet einem ausgewachsenen Tiger gegenüber. Doch das Kätzchen mit Namen Scheherazade ist lediglich das handzahme Schoßtier eines arabischen Scheichs, den anfangs widerwilligen Pickwick auf einer Reise in die Schweiz als Leibwächter begleiten soll. Als jedoch Putschisten alles daran setzen, den adligen Herrn umzubringen und die politische Stimmung gegen ihn kippt, setzt Pickwick alles daran, seinen Auftrag erfolgreich zu Ende zu bringen.
Diese Geschichte ist eine weitere Meisterleistung von de Groot und Turk, da sie nicht nur über ein wahres Gagfeuerwerk verfügt, sondern auch eine gewisse politische Kritik im Umgang der westlichen Welt mit diktatorischen Systemen in Schwellenländern übt.

Mord am Meer
Pickwick bekommt von Sir Alec Sinclair Ersatzteile für seinen über alles geliebten Roadster angeboten und wird dabei zu einem Wochenende auf dessen Landsitz an der Küste eingeladen. Doch den Ausflug tritt er nicht alleine an, denn zu seinem Verdruss befindet sich die resolute Krimiautorin Agatha Spinsterhood in seiner Gesellschaft. Die Dame ist auf der Suche nach Inspiration für ihren neuen Romanhelden und hat sich ausgerechnet Pickwick als Studienobjekt gewählt. So muss sich der Colonel nicht nur mit einer entnervenden Dame herumschlagen, sondern wird auch noch in einen waschechten Kriminalfall um den Tod von Sir Alecs Sohn hineingerissen.
Nachdem es sich bei den ersten drei Geschichten um Agententhriller gehandelt hat, wird dem Leser hier eine typische britische Krimihandlung präsentiert. Mit der Figur Spinsterhood (auf Deutsch etwa mit "alte Jungfer" zu übersetzen), die vermutlich nicht zufällig Agatha mit Vornamen heißt, wird Pickwick zudem ein origineller und unterhaltsamer Begleiter zur Seite gestellt.

Nachdem der Leser im ersten Band Geschichten aus verschiedenen Federn genießen konnte, deckt Band 3 die zweite Hälfte von Bob de Groots und Turks Schaffensphase für Percy Pickwick ab. Lediglich das Album "Allzeit bereit" aus dieser Ära wird noch in Gesamtausgabe Band 4 erscheinen. Insgesamt ist beindruckend, welche Themenvielfalt der Autor in seinen Geschichten verarbeitet hat. So findet sich vom typischen Agententhriller bis hin zum Krimi eine große Bandbreite an Motiven. Außerdem gelingt es de Groot, die Geschichten einerseits humorvoll zu gestalten, was vor allem an dem besser ausgearbeiteten Charakter Pickwicks liegt, der nun immer öfter auch gewisse cholerische Züge zeigt. Andererseits bringt der Autor aber auch nachdenkliche Zwischentöne ein, beispielsweise die Frage, inwieweit der Computer den Menschen ablösen sollte. Turks Zeichnungen ergänzen die Tiefe der Geschichten durch detaillierte Zeichnungen, die das London der frühen Achtzigerjahre lebendig werden lassen.

Die Percy-Pickwick-Gesamtausgabe Band 3 kann auf ganzer Linie überzeugen. Da der Rezensent die Inhalte der folgenden Bände nicht kennt, traut er sich nicht, vom Höhepunkt der Serie zu sprechen, jedoch ist es beeindruckend, welche Themenvielfalt Bob de Groot in diesen Geschichten verarbeitet, sodass der Leser an keiner Stelle das Gefühl hat, die Handlung würde sich wiederholen. Turks Zeichnungen unterstützen den positiven Eindruck durch ihre Liebe zum Detail. Stellenweise entsteht das Gefühl, dass die Ära der frühen Achtzigerjahre zwischen den Seiten lebendig wird. Insgesamt ein rundum überzeugender Band, der große Vorfreude auf die Weiterführung der Gesamtausgabe weckt.

Auf der Website des toonfish-Verlags steht eine Leseprobe bereit.

Markus Goedecke



Hardcover | Erschienen: 1. April 2015 | ISBN: 978-3-86869-768-1 | Originaltitel: Clifton: L'Intégrale 3 | Preis: 29,95 Euro | 208 Seiten | Sprache: Deutsch

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