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 Wikipedia und Geschichtswissenschaft


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Preis - Leistungs - Verhältnis
Was macht ein Geschichtsstudent, wenn er einen ersten Einstieg zu einem historischen Thema sucht? Bis vor wenigen Jahren hätte die Antwort gelautet: Er geht in die Bibliothek und sucht sich ein einschlägiges Lexikon oder ein Handbuch. Heute hat sich das gewandelt. Denn laut aktuellen Studien lesen beziehungsweise benutzen mindestens 80 Prozent der Studierenden die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia. Noch mehr gilt dies wohl für den Otto Normalbürger.

Je nach Untersuchung bleibt festzuhalten, dass mindestens 80 Prozent der Studierenden Wikipedia lesen und benutzen.


Grund genug, sich auch von Seiten der Geschichtswissenschaft endlich diesem Feld zu öffnen. Denn eine rigide Verbotsdogmatik läuft der Realität nur hinterher und löst letztlich nicht die Problematik, dass große Teile der Bevölkerung ihr Geschichtswissen aus der Wikipedia beziehen. Umso mehr ist es zu begrüßen, dass auf dem Historikertag 2014 in Göttingen erstmals eine Sektion zum Thema "Wikipedia und Geschichtswissenschaft" vertreten war. Die Beiträge daraus finden sich - von wenigen Ausnahmen abgesehen - in dem vorliegenden Aufsatzband.

Es könnte alles ganz einfach sein: Aus der Sicht der Geschichtswissenschaft ist die Wikipedia nur ein Sammelort von Dilettanten, die oberflächliches und schlimmstenfalls sogar falsches Geschichtswissen vermitteln. Doch auch wenn der Sammelband durchaus die Dinge kritisch betrachtet, wird sehr schnell klar, dass ein einfaches Schwarz-Weiß-Denken in diesem Fall nicht weiterhilft. Bezeichnenderweise sind es vor allem die Beiträge der "Grenzgänger" - gemeint sind damit jene Mitglieder der "scientific community", welche sich anonym oder auch sichtbar für das Projekt Wikipedia engagieren -, die aufzeigen, dass hinter "Wikipedia" weit mehr steckt als eine stümperhafte Wissensfabrik. Denn diese geben nicht nur lehrreiche Einblicke in die Arbeitsprozesse, sondern weisen auch Wege auf, wie die Verzahnung zur Wissenschaft noch weiter vorangetrieben und damit auch die Qualität gesteigert werden kann. Beispielhaft steht hier der "Wikipedian in Residence", der als Vertreter der Wikipedia an wissenschaftlichen Institutionen wie dem Deutschen Archäologischen Institut installiert wurde beziehungsweise werden soll, um den Mitarbeitern dieser Institutionen Möglichkeiten zu bieten, deren Wissensgebiete auch via Wikipedia einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wie wichtig gerade solche Überlegungen zur Qualitätssteigerung sind, verdeutlicht insbesondere der Beitrag von Hans-Jürgen Hübner, der als promovierter Administrator tiefe Einblicke ins Innenleben der Online-Enzyklopädie liefert. Denn wie er immer wieder betont, dienen die internen Kontrollen bislang ausschließlich dazu, "digitalen Vandalismus" zu verhindern und eben nicht einer grundsätzlichen Qualitätskontrolle.

Ein Zukunftsmodell könnte womöglich in der Einbeziehung von außerwikipedianischen Institutionen liegen.


Neben den im Band vorgestellten Erfahrungsberichten und Überblicksdarstellungen zum Forschungsstand bietet dieser auch einzelne Studien wie Andreas Kuczeras "Stimmungsbild" zum Verhältnis von Geschichtswissenschaftlern und der Wikipedia. Auch wenn es sich um keine repräsentative Studie handelt, zeigt diese dennoch Grundtendenzen auf, die auf eine weitergehende Verifizierung warten. Im genannten Beitrag werden die Ergebnisse der Studie auch grafisch veranschaulicht. Vereinzelt finden sich zudem in manch anderem Beitrag Tabellen oder überblickhafte Zusammenstellungen. Was der Leser dagegen vermisst, sind Screenshots, die gerade bei der Beschreibung von Arbeitsprozessen hilfreich gewesen wären, um die Tools und internen Steuerungsprozesse von Wikipedia noch besser zu verstehen.

Für das Verhältnis von Geistes-/Geschichtswissenschaft und Wikipedia gilt die einfache Erkenntnis: "Ignorieren zwecklos".


Auch wenn sich der Band im Grundsatz mit dem Verhältnis der Geschichtswissenschaft zur Wikipedia beschäftigt, so gelten viele Aspekte auch für andere Wissenschaftsbereiche. So hätte der Band in manchen Teilen auch gut und gerne den Titel "Was steckt hinter Wikipedia?" verdient.

FAZIT: Der Sammelband bietet einen schon längst nötigen Beitrag der Geschichtswissenschaft zur "Wikipedistik". Denn er trägt zu einer Neujustierung der Geschichtswissenschaft bei, indem "Grenzgänger" die regen Tätigkeiten, welche sich hinter Wikipedia verbergen, offenlegen und Wege, aber auch Hindernisse zur Qualitätsverbesserung aufzeigen.

Weitere Informationen zum Buch sowie einen Blick in die Beiträge des Bandes finden sich auf der Webseite des Verlags.

Matthias Jakob Schmid



Softcover | Erschienen: 28. August 2015 | ISBN: 9783110376340 | Preis: 39,95 Euro | 324 Seiten | Sprache: Deutsch

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