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 Dshamilja

Autoren: Tschingis Aitmatow
Illustratoren: Stefanie Harjes
Übersetzer: Gisela Drohla
Verlag: Insel

Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Bildqualität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
In dem kleinen kirgisischen Bergdorf nahe der Grenze zu Kasachstan ist der Zweite Weltkrieg indirekt angekommen: Es fehlen die jungen Männer, die an die Front geschickt wurden. Folglich müssen in der Landwirtschaft Frauen und Jugendliche wesentlich härter anpacken als zuvor.

Zu denen, die eine neue Arbeit zugewiesen bekommen, gehören auch Dshamilja, die bildschöne Schwägerin des fünfzehnjährigen Ich-Erzählers, und dieser selbst. Zusammen mit Danijar, einem teilinvaliden, bettelarmen "Zugereisten", sollen sie auf Pferdefuhrwerken Getreidesäcke zur Sammelstelle bringen und verladen.

Dshamilja und Danijar verlieben sich ineinander, und als Dshamiljas Ehemann Sadyk aus dem Krieg zurückkehrt, muss sie sich entscheiden: zwischen einem materiell gesicherten Leben an der Seite eines Mannes, dem sie gleichgültig ist, und einer ungewissen Zukunft mit einem Habenichts, mit dem sie eine innige Liebe verbindet.

"Dshamilja", eine Novelle, war Aitmatows Abschlussarbeit am Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau. Sie handelt von einer Liebe in seiner Heimat Kirgisistan zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und hat, wie Aitmatow im Nachwort zu einer früheren Ausgabe schrieb, einen wahren Hintergrund.

Drei junge Leute leisten während der Erntezeit harte Arbeit drei, die, anders als Dshamiljas Ehemann Sadyk, nicht zur Roten Armee eingezogen werden können: Dshamilja ist eine Frau, Danijar, der vor einiger Zeit ins Dorf zog, hat eine Kriegsverletzung, und der Ich-Erzähler, Dshamiljas jüngerer Schwager, unterschreitet die Altersgrenze. So fahren die jungen Leute täglich zusammen die weite Strecke vom Dorf zu einer Sammelstelle für Getreide. Der Ich-Erzähler empfindet für Dshamilja die schüchterne, gehemmte Liebe eines Pubertierenden, weshalb er die sie umschwärmenden Männer eifersüchtig von ihr fernhält. Danijar nimmt er nicht ernst; der Fremde tritt verschlossen und schweigsam auf und sucht keinen Kontakt, auch wenn er Dshamilja immer wieder beobachtet und es immer deutlicher wird, dass er ihr verfallen ist.

Dshamilja wiederum lässt keine Gelegenheit aus, Danijar zu ärgern, und provoziert auch den Ich-Erzähler zu allerlei Streichen gegen den Eigenbrötler. Doch das Blatt wendet sich überraschend, als Danijar während eines langen Heimwegs zu singen beginnt: von der heimatlichen Steppe, der Natur, der Liebe. Dshamilja fühlt genau, was er meint, und von da an verändert sich die Beziehung der beiden völlig. Die junge Frau entscheidet sich, wie es der Leser erwartet hat, gegen den Ehemann, der sie in seinen Briefen an die Familie immer als Letzte grüßte, der ihr aber eine gesicherte Existenz bieten kann, und für den sensiblen Danijar mit dem großen Herzen, der nur die Kleider auf seinem Leib besitzt.

Aitmatow erzählt diese Novelle unter Einbeziehung vieler Bilder, welche die wildschöne Steppe Kirgisistans vor dem Leser lebendig werden lassen, voller Poesie und Strahlkraft, insbesondere, wenn es um die Schilderung von Danijars Lied geht. Es handelt sich um eine zeitlos bezaubernde Liebesgeschichte, in der bequeme Gleichgültigkeit gegen eine unsichere, aber von tiefer Liebe getragene Zukunft eingetauscht wird. Dshamiljas Mut wirkt sich auch auf den jungen Ich-Erzähler aus, der es im Anschluss wagt, seiner eigenen Berufung zu folgen und sich zum Maler ausbilden zu lassen.

Gleichzeitig zeichnet Aitmatow ein wertvolles Porträt einer Gesellschaft, die es so nicht mehr gibt: von den unter der Sowjetherrschaft zwangsläufig sesshaft gewordenen Kirgisen, die in mehr als einer Hinsicht zwischen den Welten schweben. So bauen sie jedes Jahr ihre Jurten im Hof auf, obwohl sie feste Häuser bewohnen, und trotz ihres islamischen Glaubens spielen Geister aus alten Mythen eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Sie beugen sich der Kollektivierung, leben jedoch im Privaten ihren Stolz und ihre Traditionen. All das weiß Aitmatow so lebendig darzustellen, dass der Leser es wie in einem Film erlebt.

Die liebenswerten, zarten, dabei aber durchaus charaktervollen Illustrationen von Stefanie Harjes greifen die Poesie des Textes wunderbar sensibel auf und ergänzen ihn auf charmante und unaufdringliche Weise, sodass eine regelrechte Symbiose entsteht, die den Band zu einem Schmuckstück der Insel-Bücherei macht.

Zweifellos eine literarische Kostbarkeit, vom Verlag sehr schön präsentiert!

Eine Leseprobe bietet die Verlagsseite.

Regina Károlyi



Hardcover | Erschienen: 7. März 2016 | ISBN: 9783458200093 | Originaltitel: Dshamilja | Preis: 16,00 Euro | 109 Seiten | Sprache: Deutsch

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