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 Der weiße Dampfer


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
In einer abseits im Wald gelegenen winzigen kirgisischen Siedlung lebt ein siebenjähriger Junge zusammen mit seinem Großvater, dessen Frau und einigen weiteren Personen, welche die Försterei betreiben. Die Eltern des Jungen haben sich getrennt und die Gegend verlassen. Da es keine anderen Kinder zum Spielen gibt, ist der kleine Protagonist sehr auf seinen Großvater fixiert, der sich liebevoll um ihn kümmert und ihm Märchen aus der kirgisischen Überlieferung erzählt. Diese Märchen prägen sich dem Jungen tief ein, und seine tägliche Umgebung bietet ihm Anregungen zum Entwickeln eines eigenen Märchens.

Doch das Leben in der kleinen Gemeinschaft verläuft alles andere als harmonisch. Als eines Tages die Gewalt eskaliert und die Märcheninhalte zerstört werden, zerbricht auch das Leben des Jungen auf dramatische Weise.

Ein namenloser Grundschuljunge, sein den kirgisischen Mythen verpflichteter Großvater und nebst einigen anderen mehr oder weniger zentralen Figuren vor allem ein tyrannischer, unverantwortlicher und skrupelloser Förster, der seine Machtstellung in der kleinen Försterei mit ihren drei Familien genussvoll ausnutzt, dazu die Abgeschiedenheit, aufgrund derer sich das explosive Potenzial der Beziehungen potenziert: Schon sehr früh zeigen sich Risse im scheinbaren Idyll des Naturschutzgebietes, über das Oroskul, der angeheiratete Onkel des Jungen, herrscht und das er ebenso ausbeutet und missbraucht wie seine Familie und Untergebenen. Momun, der duldsame Großvater, hat dem Jungen jedoch Märchen aus der kirgisischen Erzähltradition so nahe gebracht, dass dieser fest daran glaubt - ebenso wie an sein eigenes Märchen, das ihn zu seinem angeblich auf einem weißen Dampfer arbeitenden Vater führen soll.

Als von jenseits der Grenze Marale auftauchen, die geheimnisvollen Hirsche aus dem Lieblingsmärchen des Großvaters, setzt der Junge große Hoffnungen auf sie. Oroskul hingegen sieht in den seltenen Tieren lediglich unverhofft eingetroffenes Fleisch. So kommt es, dass die Welt des Jungen gänzlich zusammenbricht.

Aitmatows novellenartige Erzählung entführt den Leser in eine Welt, in der tradierte Werte und kulturelle Vorstellungen brutal mit engstirnigem Materialismus und dumpfem Egoismus zusammenprallen. Die Pole werden durch den traditionsbewussten Großvater und den gewalttätigen, aber mit allen Machtbefugnissen ausgestatteten Oroskul verkörpert. Zwischen ihnen steht unfreiwillig der Junge, ein williger Schüler Momuns, der sich dem Einfluss Oroskuls so wenig entziehen kann wie alle anderen Mitglieder der kleinen Gemeinschaft, der aber im Gegensatz zu den Erwachsenen keine inneren Abwehrmechanismen aufgebaut hat. Er ist so echt und ursprünglich wie die wildromantische Landschaft um ihn, und so wenig wie der weiche, alte Momun die eingewanderten Maralhirsche schützen kann, vermag er es, den Jungen vor dem brutalen Eindringen Oroskuls in seine auf Märchen basierende Welt zu behüten.

Wie auch in seiner Novelle Dshamilja nutzt Tschingis Aitmatow in "Der weiße Dampfer" die Möglichkeiten, die kurze Erzählformen zur Verdichtung von Handlung und Atmosphäre bieten. Obwohl dem Autor eine gewisse Lust am Fabulieren nicht abzusprechen ist, bleibt er stets nahe am roten Faden und führt die Geschichte recht zügig von den scheinbar unschuldigen und das Leben des Menschen in und mit der Natur verklärenden Anfängen bis zum hochdramatischen Finale, in dem der brutale, jegliche Nachhaltigkeit ablehnende Mensch die Natur schändet, unterstützt von seinen mehr oder weniger willigen Mitläufern. Zu einem von ihnen wird gezwungenermaßen auch Momun. Hat im Mittelteil die Natur in Form eines beinahe mörderischen Schneesturmes noch einmal ihre Macht gezeigt, so soll der Schluss wohl ihre Kapitulation darstellen. Auf der Strecke bleibt der Junge, für den es in dieser neuen Welt keinen Platz gibt.

Aitmatow arbeitet mit Bildern und Symbolen, die leicht zu verstehen sind. Die Eindringlichkeit der Darstellung und das Aufeinanderprallen sehr plastisch gezeichneter Charaktere ziehen den Leser in den Bann der Erzählung und lassen ihn über das Ende der Lektüre hinaus nicht los, zumal die zentrale Aussage der aus dem Jahr 1970 stammenden Novelle heute nicht weniger Gültigkeit und Brisanz besitzt als zur Zeit der Entstehung. Auch der Hauch von Exotik macht das vom Unionsverlag mit Lesebändchen herausgegebene und in Leinen gebundene Büchlein zu einem wahren Schmuckstück. Unbedingte Empfehlung!

Weitere Informationen zum Autor finden sich auf der Webseite des Verlags.

Regina Károlyi



Hardcover | Erschienen: 14. März 2016 | ISBN: 9783293005037 | Originaltitel: Belyi parochod (Posle skazki) | Preis: 14,95 Euro | 208 Seiten | Sprache: Deutsch

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