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 Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 7: Die wiedergefundene Zeit


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Der siebente Band, "Die wiedergefundene Zeit" ist der letzte des großen Romanzyklus "Die verlorene Zeit" von Marcel Proust. Er erzählt die letzten Lebensjahre der Hauptfigur, die im Alter erkennen muss, wie sehr sich die Welt, aber auch das eigene Ich gewandelt haben. In einem Pariser Salon wird ihm klar, dass nach dem Ersten Weltkrieg nichts mehr so ist wie vorher. Wer vorher Rang und Namen hatte, ist jetzt vielleicht verpöhnt, wer vorher verpöhnt war, genießt nun mitunter hohes Ansehen. Die Menschen, die er teilweise Jahrzehnte nicht mehr gesehen hat, scheinen nicht mehr dieselben zu sein wie damals. Er fragt sich was von ihm bleibt und entschließt sich, sein Leben aufzuschreiben und doch noch das Kunstwerk zu schaffen, von dem er seit seiner Kindheit geträumt hat ...

"Die wiedergefundene Zeit" ist zwar der letzte Band von Prousts Romanserie, aber nicht der letzte dieser Neuübersetzung. Ihm wird noch ein Kommentarband folgen, der helfen soll, das Werk zu entschlüsseln. Doch die Geschichte von Marcel endet mit diesem Buch. Nach mehreren tausend Seiten schafft Proust es, den Zyklus zu beenden, indem er einen Ring schließt. Marcels Leben war geprägt von Träumen und einer nie erfüllten Sehnsucht. In den sechs vorangegangenden Bänden träumte er von seiner Kindheit an davon, ein Künstler zu werden. Gleichzeitig versuchte er, eine Liebe zu finden, die seinen Idealvorstellungen entsprach. Die Frauen wechselten, enttäuschten ihn oder gerieten in Vergessenheit. Eine heiratete er, doch die Ehe scheiterte an genau diesen Vorstellungen, die sich nicht erfüllten. Und nun im hohen Alter spürt er, dass er, während er so gelebt hat, seinen Traum, ein großes Kunstwerk zu schaffen, nie verwirklicht hat.

Der Kern und die gesamte Auflösung des Romanzyklus finden sich in diesem Band auf gut hundert Seiten, als Marcel die bittere Erkenntnis macht, dass seine Welt nur noch eine Vorstellung in seinem Kopf ist. Der Besuch eines Salons mit lauter Menschen, die er eigentlich kennt, aber die durch Jahrzehnte getrennter Leben zu völlig anderen, zu fremden geworden sind, zeigt ihm in schwer zu ertragender Deutlichkeit die Vergänglichkeit allen Seins.

Proust lässt im letzten Band seine Hauptfigur, der er so viel von sich selbst gegeben hat, Dinge erkennen, die der Leser schon lange weiß. Die Differenz von Vorstellung und Wirklichkeit und die gnadenlos wirkende Zeit, die alles Gewohnte und vermeintlich Gewisse irgendwann überrollt, haben Marcel sein Leben lang begleitet, ohne dass er es sah oder innerlich wirklich erkannt hat. Nun am Ende seines Lebens bleibt ihm nur, seinen Kindheitstraum zu verwirklichen und sein Kunstwerk zu erschaffen, indem er sein Leben, die Welt, die nur in seiner Vorstellung existiert, zu Papier zu bringen. Nur das kann zumindest ein wenig dauerhaft von ihm bleiben.

Über 4000 Seiten hat dieser Romanzyklus. Proust versucht ein ganzes Leben mit ihm zu beschreiben und zu verstehen. Die Komplexität einer Biographie, auch wenn sie wie diese fiktiv ist, wirklich einzufangen, dürfte kaum möglich sein. Proust wollte mit diesem monumentalen Werk merklich auch sich selbst näher kommen. Ein Leser, der diese 4000 Seiten liest, fragt sich zwar manchmal, insbesondere bei den vielen wiederholenden Motiven, ist es das wert? Wer genug Muße dafür mitbringt, wird am Ende in jedem Fall auch belohnt. Der letzte Band schließt tatsächlich alles ab, nicht nur Handlungsstränge, sondern auch philosophische Fragen, die hier mitschwingen. Er ist sicher auch deshalb der kurzweiligste, weil man sich nach der langen Lektüre auch einfach fragt, wie geht Marcel nun um mit diesem Leben, das er geführt hat, und doch so ganz anders war als erträumt. Und das ist schließlich eine Frage, die sich letztlich jeder Mensch stellt ...

Die Übersetzung und die Kommentare des Bandes sind auf demselben hohen Niveau wie auch bei den anderen Bänden. Der Leser kann den Text flüssig lesen, ohne dass dabei die Atmosphäre der Entstehungszeit verloren geht. Die Kommentare im Anhang sind durchgehend hilfreich, wenn man Historisches, Personen oder Orte, die erwähnt werden, einordnen will.

So ist auch dieser letzte Band natürlich allen zu empfehlen. Aber wer so weit gekommen ist, wird jetzt sowieso nicht aufhören...

Ein Leseprobe gibt es auf der Verlagswebsite.

Andreas Schmidt



Hardcover | Erschienen: 12. Oktober 2016 | ISBN: 978-3150109069 | Preis: 34,95 Euro | 610 Seiten | Sprache: Deutsch

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