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 Das schöne Lied der Marie Anne Mozart


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Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Wolfgang Amadeus Mozart kennt wohl jeder - der Salzburger Komponist ist auch jenen ein Begriff, die klassische Musik nicht mögen. Dass er eine ebenfalls hochbegabte Schwester hatte, die jedoch immer in seinem Schatten stehen musste, wissen wesentlich weniger Menschen. Doch ihre Biografie hat ebenfalls viel zu bieten.

Im österreichischen Sisyphus-Verlag ist ein Roman über Marie Anne Mozart erschienen, Wolfgangs geliebte Schwester, das "Nannerl". Die Autorin erzählt von der Kindheit, geprägt vom autoritären, ehrgeizigen Vater und den Konzertreisen, die Marie Anne und ihre Familie durch ganz Europa führten. Aber Wunderkinder werden erwachsen, und Marie Anne muss auf Anordnung des Vaters die Pflichten einer Hausfrau erlernen. Ihr Bruder schlägt sich schlecht und recht durch das Leben, und auch das wirkt sich auf Marie Annes Zukunft aus, von der bald alles Rosige getilgt wird.

Über den kleinen Bruder Wolfgang wurde viel geschrieben, sehr viel weniger über das "Nannerl". Dabei war Marie Anne ebenfalls ein Wunderkind am Klavier und im Ansatz auch eine gute Komponistin. Doch zu ihrer Zeit blieb für sie als Heranwachsende und später als Frau kein Ausblick auf eine Karriere als Musikerin, nicht einmal auf eine aus Liebe geschlossene Ehe.

Es sind die Kontraste, die Gabriele Prohaska-Marchrieds Roman prägen - vor allem jener zwischen der von Restriktionen zwar nicht ganz freien, aber mit vielen Reizen gespickten Kindheit, in welcher der Vater die Pianistin mit schöner Singstimme intensiv förderte, und der später fast übergangslos erfolgten Ausbildung zur perfekten Hausfrau. Dass der Vater ihr die Heirat mit dem von ihr verehrten Hauptmann und Hofmeister der Edelknaben Franz d’Ippold verbot und sie stattdessen aus rein materiellen Gründen einen bereits zwei Mal verwitweten, wesentlich älteren Richter heiraten musste, setzt das triste Schicksal des ehemaligen Wunderkindes fort. Vom vergleichsweise mondänen Salzburg zieht sie zum Gatten ins provinzielle St. Gilgen und steht seinem Haushalt - einschließlich der fünf Kinder aus zwei Ehen - vor. Eigene Kinder kommen hinzu.

Im Roman erweist sich der Gatte als tyrannischer Ehemann und Vater, als herzloser, allzu gern physische Gewalt ausübender Mann und Richter, ja, als Sadist. Marie Anne sucht jede Gelegenheit, ihm kurzzeitig nach Salzburg entfliehen zu können. Inwieweit dieser Charakter historischen Gegebenheiten entspricht oder zur Erhöhung der Dramatik entsprechend auskomponiert wurde, lässt sich für den interessierten Leser durch einfaches "Googeln" nicht ermitteln. Doch auf diese Weise vertieft sich der Kontrast zwischen Marie Annes früherem und späterem Leben noch weiter, während zugleich gut herausgearbeitet wird, wie die junge Frau zeitgemäß von der praktisch allmächtigen Hand des Vaters unmittelbar in jene des Ehemannes übergeht wie eine Ware. Auch zeigt die Autorin anschaulich auf, wie selbstherrlich und diktatorisch bis tief ins Privatleben ihrer "Landeskinder" hinein die Erzbischöfe Salzburg regierten.

Prohaska-Marchrieds Marie-Anne geht nach Möglichkeit ihren Weg, gibt sich vor allem nach dem Tod des ungeliebten Ehemanns der Aufgabe hin, das musikalische Vermächtnis ihres Bruders zu verwalten und zu verbreiten. Diese Aktivitäten haben ihr auch real den Respekt und Dank von Musikliebhabern und -historikern eingebracht. Im Roman mag den ein oder anderen Leser die immer wieder an die damalige Sprache angelehnte Ausdrucksweise auch außerhalb von Zitaten irritieren. Doch erfolgt rasch Gewöhnung.

"Nannerl" tritt als Kind ihrer Zeit auf, vom harten Patriarchat um einen großen Teil ihres Lebens betrogen, bei aller Verzweiflung tapfer, manchmal gar rebellisch: "Das schöne Lied der Marie Anne Mozart" schildert, basierend auf historischen Grundlagen, eine außergewöhnliche Frauenpersönlichkeit, die zu einer späteren Zeit noch viel außergewöhnlicher hätte sein können.

Regina Károlyi



Taschenbuch | Erschienen: 8. Juni 2015 | ISBN: 9783901960871 | Preis: 15,80 Euro | 239 Seiten | Sprache: Deutsch

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