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 Das demokratische Weltparlament

Eine kosmopolitische Vision


Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Preis - Leistungs - Verhältnis
Wir leben in einer sich zunehmend globalisierenden Welt, in der durch Vernetzung aller Art alle wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen und Handlungen weltweite Konsequenzen haben. Aber die politischen Akteure dieser Welt sind Nationalstaaten. Es gibt keine wirklich durchsetzungsfähige Instanz, die die globale Perspektive repräsentiert und das "Weltinteresse" verkörpert. Doch diese braucht es dringend, will die Menschheit mit den Problemen der sich durch die Globalisierung bildenden Weltgesellschaft fertig werden. So die Ansicht der beiden linken Politiker und Vordenker Jo Leinen und Andreas Bummel, die in ihrem Buch "Das demokratische Weltparlament" nicht nur für die Notwendigkeit einer globalen politischen Instanz streiten, sondern auch für eine bestimmte Struktur, nämlich einem Parlament, plädieren.

Die beiden Autoren beschreiben auf über 450 Seiten die Ideengeschichte des Weltparlamentes von der Antike bis heute, analysieren die gegenwärtigen Probleme, die die Nationalstaaten nicht gelöst bekommen, und enden schließlich mit einer Vision, wie das Weltparlament entwickelt werden und aussehen sollte. Im Anhang finden sich zahlreiche Endnoten und ein Personenregister.

"Das demokratische Weltparlament" ist weder eine rein politikwissenschaftliche Studie noch ein alleinstehendes politisches Manifest. Es ist beides. Die Autoren Leinen und Bummel haben bewusst ein halb wissenschaftliches, halb politisches Plädoyer für die Entwicklung eines Weltparlamentes geschrieben. Schnell fällt dem Leser auf, dass dieser Text das Ergebnis eines Jahre langen Forschungs-, Diskussions- und Denkprozesses ist. Allein die Vielzahl der angerissenen Themen und Autoren und auch der Umfang des Textes verdeutlichen dies.

Verständlichkeit ist ein Schwerpunkt im Werk von Leinen und Bummel. Der zwar lange Text ist durchweg verständlich und sehr nachvollziehbar gegliedert und aufgebaut. Die ersten Abschnitte beschäftigen sich mit der ideengeschichtlichen Entwicklung des Weltparlamentes, wobei bis in die Antike zurückgegangen wird. Obwohl diese Kapitel fast 130 Seiten einnehmen, lesen sie sich doch recht zügig, ohne zu lang bei einer Zeit oder einem Autor zu bleiben. Manchem mag das zu oberflächlich bleiben, aber letztlich sind diese Abschnitte nur dazu da, dem Leser zu verdeutlichen, dass die Idee eines Weltparlamentes keine neue ist, sondern eingebettet ist in der Ideengeschichte der Menschheit. Negativ fällt eher auf, dass die Autoren es nur an wenigen Stellen schaffen, den europäisch-westlichen Kulturkreis zu verlassen. Da wird mal China kurz erwähnt oder auch Indien, aber letztlich schreiben die Autoren hier eine westliche Ideengeschichte. Gerade mehr nichtwestliche Gedanken zu einer weltumfassenden parlamentarischen Demokratie wären aber spannend gewesen.

Der lange Mittelteil des Buches besteht aus der Analyse des Ist-Zustands. Welche globalen Problemlagen gibt es zu meistern? Wie funktionieren die derzeitigen Instrumente und welche Rolle spielen die Nationalstaaten? Hier findet der Leser wenig Neues, dieses jedoch gut zusammengefasst. Weltweite soziale und ökonomische Ungleichheit, Umweltzerstörungen, Kriege, Migrationsströme, alle diese Themen verlangen eine globale Antwort, die die Nationalstaaten mit ihren Einzelinteressen nicht geben können. Und deswegen muss schließlich ein Weltparlament her, das von der gesamten Menschheit, die sich als eine große Gemeinschaft auffasst, gewählt werden muss. Im letzten Abschnitt wird beschrieben, wie dieses nach und nach entstehen könnte und wie es der Vorstellung der Autoren nach funktionieren sollte.

Insgesamt präsentiert dieses Buch auf kämpferische Weise ein Programm mit Augenmaß, das schrittweise zu einer neuen Kompetenzaufteilung zwischen lokalen, regionalen und globalen politischen Strukturen führen soll. Es lohnt sich das Buch zu lesen, um sich damit auseinanderzusetzen, wie eine auch politisch globalisierte Welt aussehen könnte und nach Meinung der Autoren auch sollte. Da das Buch ein Plädoyer für eine ganz bestimmte Antwort auf die gestellte Frage ist, nämlich die globale parlamentarische Demokratie, fehlende der eine oder andere Aspekt. So schreiben die Autoren zwar, sich bewusst auf die Legislative zu konzentrieren, aber wie sieht es aus, wenn es um Gerichte und Exekutive geht? Globale Gesetze müssen auch durchgesetzt werden. Hierzu wird nur wenig geschrieben. Und ganz außen vor bleiben konkurrierende Ideen zur parlamentarischen Demokratie. Warum kann oder sollte nur diese die Rettung für die gesamte Menschheit sein? Auch dazu hätten die Autoren etwas schreiben sollen, gerade um ihr Plädoyer noch überzeugender zu gestalten.

Dennoch ist dieses Werk lesenswert, weil es versucht eine realistische Vision für die politische Gestaltung der Globalisierung zu geben, die dringend notwendig ist.

Eine Leseprobe gibt es auf der Verlagswebsite.

Andreas Schmidt



Taschenbuch, | Erschienen: 13. März 2017 | ISBN: 978-3801204921 | Preis: 26,00 Euro | 464 Seiten | Sprache: Deutsch

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