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 Duft nach Weiß

Autoren: Stefanie Gregg
Verlag: Pendragon

Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Anelija ist fünf Jahre alt, als ihre Mutter einen deutschen Mann heiratet und sie in Bulgarien zurücklässt. Das Mädchen wächst bei seinen beiden "Babas", Großmüttern auf, der eigentlichen Oma und der Urgroßmutter. Sie leben auf dem Land, Männer gibt es in ihrem Haushalt nicht Anelija hat keine Ahnung, wer ihr Vater ist -, und daher sind sie bitterarm. Im kommunistischen Bulgarien der 70er-Jahre lebt es sich nicht leicht.

Doch Anelija glänzt in der Grundschule und darf aufs Gymnasium gehen. Das Geld dazu verdient sie mit Schreibarbeiten für den Leiter der örtlichen Kooperative. Mit großem Interesse lernt sie und stößt dabei auf die deutschen Klassiker. Heimlich bringt sie sich die deutsche Sprache bei.
Briefe ihrer Mutter haben in ihr die Sehnsucht nach Deutschland geweckt, das ihr wie ein Paradies erscheint. Die hochintelligente Gymnasiastin fühlt sich in der Enge der Diktatur immer weniger wohl. Als es ihr nicht gestattet wird, ihr Traumfach Germanistik zu studieren und sie lediglich zwischen Ökologie und Gesellschaftslehre wählen "darf", steht ihr Entschluss fest: Sie will nach Deutschland fliehen.

Eigentlich müsste Anelijas Kindheit trostlos verlaufen. Das uneheliche Kind, von der Mutter, die den Absprung nach Deutschland geschafft hat, in einem bitterarmen bulgarischen Dorf bei Großmutter und Urgroßmutter zurückgelassen, wächst in der Tat in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Doch schon als Grundschülerin spürt sie, dass der Druck des autoritären Staates schlimmer ist als die materielle Not.
Einfühlsam schildert die Autorin Anelijas Heranwachsen in der Geborgenheit der beiden "Babas", Großmütter, den zunehmenden Einfluss samt massiver Repressionen des Staates und die Ausweichmöglichkeiten, einzelne Menschen, die sich in den verschiedensten Situationen des klugen und wissbegierigen Mädchens annehmen und ihm helfen, diverse Stromschnellen des Lebens zu umschiffen, und immer wieder die Briefe der Mutter aus Deutschland auf unglaublich weißem, seidenzartem Papier.
So mündet Anelijas Kindheit und Jugend in die Sehnsucht, nach Deutschland zu gelangen und dort Germanistik zu studieren, denn sie ist fasziniert von der Sprache und Literatur. Die lebensgefährliche Flucht gelingt, doch ihre Dämonen werden Anelija noch lange verfolgen.

Ein zweiter, faktenbasierter Handlungsstrang befasst sich mit dem damals populären bulgarischen Schriftsteller und späteren Dissidenten Georgi Markow, der, nachdem er beim Diktator Schiwkow in Ungnade gefallen und nach England geflohen war, mithilfe des KGB Opfer des "Regenschirmmordes" und dadurch auf traurige Weise auch im Westen berühmt wurde.
Wie die beiden Handlungsstränge miteinander in Verbindung stehen, zeigt sich erst gegen Schluss, doch mancher Leser dürfte die Auflösung schon deutlich früher ahnen. Das stört jedoch nicht weiter, schließlich handelt es sich bei "Duft nach Weiß" nicht um einen Krimi.
Stefanie Gregg zeichnet ein tief berührendes Bild von einer Kindheit im kommunistischen Bulgarien und einer jungen Frau, die auf Bildung statt auf Anpassung setzt. Anelija tritt außer in den Abschnitten, in denen Markows Geschichte erzählt wird als Ich-Erzählerin auf, wodurch die Autorin noch mehr Eindringlichkeit erzielt. Vor dem Leser werden die Szenen und Charaktere geradezu sichtbar.

Ein spannendes Thema, wunderbar verdichtet und wohl sehr nahe an der damaligen Realität. Und eines von den Büchern, die nicht vor dem Erreichen der letzten Seite aus der Hand gelegt werden wollen.

Eine Leseprobe wird auf der Verlagsseite angeboten.

Regina Károlyi



Taschenbuch | Erschienen: 4. Juli 2016 | ISBN: 9783865325525 | Preis: 15,00 Euro | 320 Seiten | Sprache: Deutsch

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