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 Tage ohne Ende

Autoren: Sebastian Barry
Übersetzer: Hans-Christian Oeser
Verlag: Steidl

Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Thomas McNulty ist als Kind vor dem Hunger in Irland in die Neue Welt geflohen und hat auch dort schon einiges er- und überlebt, als er den fast gleichaltrigen John Cole kennen lernt. Fortan sind die beiden Freunde … und mehr als das.
Eine Weile haben sie regelmäßige Auftritte als Tanzmädchen im Saloon einer Bergarbeitersiedlung, doch als Siebzehnjährige müssen sie diesen Job aufgeben, da sie nicht mehr recht als Mädchen durchgehen. Ohne weitere Perspektive verdingen sie sich für den dort üblichen Hungerlohn bei der Armee und dienen nun in der Kavallerie.

Beide überstehen die Feldzüge gegen einige Indianerstämme und schließlich auch den Bürgerkrieg und könnten nun auf der Farm eines ehemaligen Kameraden ihren Frieden finden, wenn da nicht ein paar Altlasten wären.

Als irischer Simplicissimus wird Thomas McNulty im Klappentext beschrieben, und in der Tat hat der junge Protagonist aus "Tage ohne Ende" einiges mit jener Figur gemeinsam, ein Stück weit gleicht er auch einem amerikanischen Candide. Unverdrossen reitet, schießt und hungert er sich zusammen mit seinem Freund und Lebenspartner John Cole durch die Vernichtungsfeldzüge gegen aufständische oder auch nicht aufständische Indianer und im Anschluss durch den Bürgerkrieg.
Dabei beginnt dieser "etwas andere" Western eher entspannt damit, wie die beiden Jungs unverhofft zu einer recht ungewöhnlichen Arbeit in einem Saloon kommen. Sie sollen in Mädchenkleidern den Arbeitern der Siedlung zum Tanzen zur Verfügung stehen – und ausdrücklich nur dazu, als Illusion einer besseren, romantischen Welt. Dieser Anfang, wie der ganze Roman schön schnoddrig vorgetragen, fixt den Leser ordentlich an, und auch die nachfolgenden Kapitel der Lebensgeschichte dieser zwei eigentlich gutmütigen, in ihrer harten, mörderischen Umgebung trotz ihrer Fähigkeit, sich den Gegebenheiten anzupassen, seltsam deplatziert wirkenden Männer behalten die Spannung bei und vor allem die eigenartige Stimmung.

Diese mag durch die manchmal sehr plastischen und detaillierten, dann wieder eigentümlich verschwommenen Schilderungen von Gräueltaten und anderen alptraumartigen Erlebnissen entstehen, die sich schier endlos aneinanderreihen. Aquarellhaft wirken auch die Landschaften und Orte, die als Hintergrund dienen, im Gegensatz zu den vom Ich-Erzähler Thomas McNulty ausgesprochen konturiert skizzierten Hauptfiguren. In der Zusammenschau wirkt die Handlung, auch bedingt durch den Wechsel aus manchmal sehr naiver oder bewusst eingeschränkter, dann wieder scharfsinnig-analytischer Sichtweise, ein Stück weit surreal: Zumal die zwei schwulen Protagonisten (in der Realität wären sie in der dargestellten Umgebung seinerzeit vermutlich nicht weit gekommen) schließlich ein Indianermädchen, Kollateralschaden eines der Feldzüge, adoptieren. Hinzu kommen die raschen Wechsel aus Grob- und Derbheiten und lyrischen Elementen sowie gelegentliche Humoresken, die den Leser laut auflachen lassen. Und so reitet er regelrecht mit durch den im Wortsinn mordsgefährlichen Süden der USA, der so wenig wie die beiden Helden selbst weiß, wohin die Reise eigentlich geht.

Obwohl dieses "kompakte Epos" durch seine bildreiche, intensive Sprache und die wunderbar dargestellten Charaktere besticht, ist es nicht auf die klassische Western-Leserschaft zugeschnitten. Es handelt sich um eine Verdichtung eines Stücks der Geschichte der USA, das nicht gerade von Ruhm strotzt, und um eine dem Simplicissimus in der Tat ähnelnde Abrechnung mit Krieg und Massakern. Dem, der sich darauf einlassen kann und möchte, sei der Roman unbedingt empfohlen.

Weitere Informationen werden auf der Verlagsseite angeboten.
Das angegebene Erscheinungsdatum bezieht sich auf die zweite Auflage, die erste erschien im September 2018.


- Indianer? -


Den heute aus guten Gründen nicht mehr gern gesehenen Begriff "Indianer" verwende ich in der Rezension bewusst, da er im Roman der dargestellten Epoche entsprechend eingesetzt wird.


Regina Károlyi



Hardcover | Erschienen: 28. November 2018 | ISBN: 9783958295186 | Originaltitel: Days Without End | Preis: 22,00 Euro | 261 Seiten | Sprache: Deutsch

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