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 Die Asche meiner Mutter


Cover
Gesamt +++++
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Ton


"Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, frage ich mich, wie ich überhaupt überlebt habe. Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit; eine glückliche Kindheit lohnt sich ja kaum. Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit."

In "Die Asche meiner Mutter" (Originaltitel: Angela?s Ashes) beschreibt Frances ("Frankie") McCourt, 1930 in den USA geborener Sohn irischer Einwanderer, seine Kindheit und Jugend in New York und Irland. Es handelt sich um einen autobiografischen Roman, für den Frank McCourt 1997 den Pulitzerpreis - eine hohe Auszeichnung für hervorragende journalistische Arbeiten - erhielt. Der Autor beschreibt die eigene Kindheit außerordentlich plastisch und detailliert und umreißt die damalige Situation der unvorstellbar ärmlichen Arbeiterklasse. Stetig im Vordergrund stehen Not und Elend der Familie McCourt: Ihr Alltag ist geprägt von der Trunksucht des Vaters, der daraus resultierenden Arbeitslosigkeit und Mittellosigkeit, dem ständigen Hunger, der Verzweiflung der Mutter, die sich bemüht, die Familie zusammenzuhalten, der gnadenlosen Religiosität und dem Elend in den Straßen.

Mit minutiösem Erinnerungsvermögen schildert McCourt in romanhafter Form die ersten Jahre in New York, die Rückkehr nach Irland im Alter von fünf Jahren und seine Jugend bis zu seinem 20. Lebensjahr. Die Episoden besitzen stellenweise eine großartige Situationskomik und bestechen durch Wortwitz und einen hohen Unterhaltungswert, jedoch überwiegt die Tragik bei Weitem. Vor allem wirft die Erzählung kein gutes Bild auf die irischen Familienväter, die - in diesem Werk - zwar Meister im Trinken von Pints in verrauchten Kneipen sind, die dabei aber regelmäßig den kompletten Wochenlohn auf den Kopf hauen, während die Familie hungernd Zuhause sitzt. So weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn der Vater mitten in der Nacht stockbetrunken seine Söhne aus dem Bett holt, mit ihnen patriotische Lieder über irische Freiheitskämpfer wie Kevin Barry und Roddy McCorley anstimmt und sie schwören lässt, für Irland zu sterben. Während Malachy McCourt zu stolz ist, um auf der Straße liegende Kohlestücke für den Ofen aufzuheben, tut seine Frau dies und erbettelt außerdem Lebensmittel für ihre Kinder.

Aber der Vater besitzt auch andere Seiten: So erzählt er Frankie ausführliche Geschichten von Cú Chulainn, einem der berühmtesten Helden irischer Sagen, und hört sogar zu trinken auf, nachdem Angela McCourt ihm eine Tochter geboren hat, die der Vater geradezu anbetet. Doch das kleine Mädchen stirbt nach wenigen Wochen, und die Familie beschließt, zurück nach Limerick, der Geburtsstadt der Mutter, zu gehen. Dort wird der Vater wegen seines nordirischen Akzents mit großen Misstrauen beäugt, die Söhne werden in der Schule als Yankees verspottet. Die Zwillinge Eugene und Oliver verlieren in Limerick schließlich den Kampf gegen Hunger und Entkräftung. Das beständige Sterben der Kinder, das im Verlauf der Geschichte kein Ende zu nehmen scheint, ist so bedrückend, dass einem stellenweise die Tränen kommen. Aus der Sicht eines Kindes beschrieben, wirkt das Erzählte noch schonungsloser, weil Frank nicht klagt oder jammert, sondern alles mit großer Offenheit und bisweilen mit kindlicher Naivität schildert.

Frank beschließt, sich selbst mit aller Macht aus der Armut zu befreien und nach Amerika zurückzukehren; er arbeitet als Heranwachsender unter anderem als Telegrammbote und als Schreiber und Überbringer von Gläubiger-Drohbriefen.

Bei der hier rezensierten Version handelt es sich um ein Hörbuch aus dem Verlag Steinbach Sprechende Bücher. Es umfasst 14 CDs mit einer Gesamtlänge von 1052 Minuten und stellt dankenswerterweise eine ungekürzte Lesung der Romanvorlage dar - mit einer Kürzung wäre man dem Original auch nur schwer gerecht geworden. Gelesen wird der Roman von Christian Brückner, einem der beliebtesten deutschen Synchronsprecher, der vor allem als Stimme von Robert De Niro bekannt wurde. Obgleich Brückner eigentlich immer glänzend liest, muss man noch einmal hervorheben, wie gut hier die Wahl für die Lesung des Romans getroffen wurde. Brückner trägt das Buch mit großer Ernsthaftigkeit und ohne Hast vor, transportiert über die leicht knarrende Stimme all das Leid, das die Familie McCourt erfahren muss; er kann aber bei Bedarf auch ausgelassen und komisch sein oder mit angemessenem Ernst die irischen Lieder rezitieren, die immer wieder vorkommen.

Die optische Gestaltung des Hörbuchs ist nicht originell zu nennen, sie ist aber auch nicht schlecht - sie zeigt das gleiche Covermotiv wie die Romanauflage aus dem btb Verlag: einen kleinen, etwas zerlumpt aussehenden Jungen vor einer Hauswand. Die CDs sind in einer stabilen Pappbox untergebracht und jeweils einzeln in Papierhüllen verpackt, an deren Stelle man sich definitiv stabilere Ausführungen aus Pappe gewünscht hätte. Minuspunkte gibt es für das Booklet, das mehr als bescheiden ist und lediglich aus einer Doppelseite besteht, die zu einem großen Teil von Werbung des Verlags eingenommen wird. Mehr Informationen über den Autor und den Sprecher, eventuell sogar über Irland zur damaligen Zeit, wären hier sicherlich von Interesse gewesen, vor allem bei einer so gelungenen Produktion.

Ein schonungsloses Buch, eine realistische Schilderung Irlands in den 30er und 40er Jahren und zugleich eine sehr flüssig und spannend erzählte Biografie, die einen von Anfang an nicht mehr loslässt. "Die Asche meiner Mutter" ist anspruchsvoll ohne die Langatmigkeit, die vielen Biografien anhaftet, es ist mehr Roman als Lebenslauf und zu Recht preisgekrönt. Das ausgezeichnete Hörbuch erweckt Franks Geschichte in voller Länge mit der bekannten Stimme Christian Brückners zum Leben und ist somit ebenso empfehlenswert wie die Romanfassung.

Christina Liebeck



CD | CD-Anzahl: 14 | Erschienen: 1. Dezember 2005 | Laufzeit: 1052 Minuten | Originaltitel: Angela's Ashes | Preis: 44,90 Euro | Sprache: Deutsch

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