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 Wallander: Mörder ohne Gesicht


Cover
Gesamt +++--
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Ton
Auf einem Bauernhof im schwedischen Lenarp kann ein alter Mann nicht schlafen. Er liegt im Bett und rätselt, was ihn mitten in der Nacht aufgeweckt hat, was anders ist als sonst. Als er es begreift, ist es schon zu spät: Das Pferd der Nachbarn, das normalerweise wiehert, ist merkwürdig ruhig. Etwas stimmt nicht, und der Mann geht, von plötzlicher Angst gepackt, zum Haus der Nachbarn hinüber. Was er dort vorfindet, ist so entsetzlich, dass er seiner Frau befiehlt, im Haus zu bleiben und zu warten. Als die herbeigerufene Polizei eintrifft, findet sie ein Bild des Grauens - "das Schlimmste, was ich je gesehen hab", wird der ermittelnde Kommissar Kurt Wallander später sagen. Das betagte Ehepaar Lövgren auf dem einsam gelegenen Hof wurde überfallen, offensichtlich gefoltert. Der Mann ist bereits tot, gestorben an so vielen tödlichen Verletzungen, dass sie für mehrere Morde ausgereicht hätten. Seine Frau wird schwerstverletzt ins Krankenhaus gebracht. Vor ihrem Tod spricht Maria Lövgren nur noch ein Mal, leider nicht den Namen ihres Mörders, sondern ein beunruhigendes, mühsam geflüstertes Wort: "Ausländer".

Es dauert nicht lange, bis die Öffentlichkeit Wind davon bekommt, bis das erste Asylantenheim brennt und der erste ausländerfeindlich motivierte Mord geschieht. Doch wer sind die "Mörder ohne Gesicht", die tatsächlich für die Tötung des Ehepaares verantwortlich sind?

Kurt Wallander, Kriminalkommissar bei der Polizei in Ystad, steht wieder einmal vor einem schwierigen Fall. Hass oder Rache, so schlussfolgert er, müssen eine Rolle in diesem Doppelmord spielen, denn anders ist die unfassbare Brutalität, mit der die Täter vorgegangen sind, nicht zu erklären. Nicht nur die Ermittlung im Mordfall Lövgren und die daraus resultierende Welle ausländerfeindlicher Gewalt, die über Schonen hereinbricht, beschäftigen Wallander, denn auch privat ist bei ihm einiges im Unreinen: Seine Frau Mona hat ihn vor wenigen Monaten verlassen, um ein anderes Leben zu beginnen, zu seiner Tochter Linda hat er ein angespanntes Verhältnis und so gut wie keinen Kontakt, und auch zum Vater, der mit seinen fast achtzig Jahren zunehmend verwirrter wird, besteht eine äußerst schwierige Beziehung.

Bei diesem Kriminalfall geht es nur vordergründig um die Aufklärung des brutalen Doppelmords und des Mordes an einem somalischen Asylbewerber. Mankell thematisiert in seinem Roman, wie so oft, den schleichenden Zerfall der schwedischen Gesellschaft. So fragt sich Wallander nach dem grauenhaften Mord an dem Ehepaar Lövgren beklommen: "In was für einer Welt leben wir eigentlich?"

Kurt Wallander, der Protagonist der meisten Krimis des schwedischen Bestseller-Autors Henning Mankell, wird bereits in diesem Roman - seinem ersten Fall - für den Zuhörer äußerst treffend charakterisiert: Unzufrieden mit seinem Leben und seinem ungesunden Lebensstil, von seiner Frau verlassen und von der Tochter zeitweise gemieden, sich selbst nicht im Klaren über seine Gedanken und seine Einstellung, beispielsweise zum Thema Asyl, unsicher, bisweilen einsam, voller Angst und Zweifel. Gleichzeitig ist Wallander eine äußerst sympathische Figur - ehrlich, engagiert, mit messerscharfem Verstand und vor allem eins: menschlich und voller Fehler, was die Figur extrem lebensecht macht. Der Autor Henning Mankell betonte kürzlich in einem Interview, dass ihn mit der Figur Wallander allenfalls die Liebe zur Opernmusik verbinden würde, sonst bestünden keine Gemeinsamkeiten. In den anderen Fällen um den Kriminalkommissar ("Hunde von Riga", "Die weiße Löwin", "Der Mann, der lächelte", "Die falsche Fährte", "Die fünfte Frau", "Mittsommermord", "Die Brandmauer", "Wallanders erster Fall", "Vor dem Frost") wird der Charakter immer weiter ausgebaut. Es lohnt sich unbedingt, die Romane in chronologischer Reihenfolge zu lesen, um die Entwicklung von Wallander, seinem Vater und seiner Tochter Linda mitzuverfolgen.

"Mörder ohne Gesicht" ist nicht das beste Buch von Henning Mankell, da sich der Fall, der zunächst nur auf vagen Indizien beruht, ein wenig in die Länge zieht und eine am Ende sehr zufällig anmutende Lösung aufweist. So bleibt aber mehr Platz für die Entwicklung der Charaktere und die Betrachtung von Wallanders Innenleben. Auch über mangelnde Spannung kann der Zuhörer sich nicht beklagen. Die brutale Tat am Anfang der Geschichte lässt einen erst einmal kräftig schlucken - auch Henning Mankell gab unlängst zu, dass er oft ein Problem mit seinen eigenen Schilderungen von Gewalt und Verbrechen habe.

Sprachlich ist Mankell so präzise, nüchtern und dadurch brillant wie immer. Mit Ulrich Pleitgen, der das hier rezensierte Hörbuch spricht, hat die Produktion einen Meister gefunden: Pleitgen versteht sich unglaublich gut darauf, durch seine Stimme Gefühle und Stimmungen heraufzubeschwören. Gerade der Einstieg in die Geschichte, der alte Mann in der Nacht und das merkwürdig stille Pferd, ist atemberaubend und beklemmend. Auch kann Pleitgen seine Stimme in erstaunlicher Weise verstellen und gibt somit jedem Charakter eine eigene, individuelle Färbung. Das Hörbuch aus dem Verlag Hörbuch Hamburg ist eine gekürzte Lesefassung mit einer Gesamtlaufzeit von 448 Minuten, die Kürzungen fallen aber im Vergleich zum Roman nicht negativ ins Gewicht und sind geschickt durchgeführt. Die sechs CDs befinden sich in einem mehrfach aufklappbaren Cover aus Pappe. An und für sich eine elegante Lösung, doch dadurch, dass die CDs bloß eingesteckt sind und das Material der Verpackung sehr glatt ist, ergibt sich teilweise das Problem, dass CDs herausfallen.

Fazit: Der erste Fall um den Kriminalkommissar Kurt Wallander ist ein guter Einstieg in Mankells Romane - spannend, düster und menschlich interessant gibt er Einblicke in die schwedische Gesellschaft. Die Geschichte weist zwar ab und zu einige Längen auf und kommt vom Plot ab, wenn sie sich weniger auf die Ermittlungen als vielmehr auf ihren Protagonisten konzentriert - dennoch ein guter Einstieg in die Wallander-Krimis. Die Hörbuch-Umsetzung mit Ulrich Pleitgen als Sprecher kann nur als äußerst gelungen bezeichnet werden. Um Verwechselungen vorzubeugen: Von "Mörder ohne Gesicht" existiert auch eine Hörspielfassung.

Christina Liebeck



CD | CD-Anzahl: 6 | Erschienen: 1. März 2006 | ISBN: 3899032322 | Laufzeit: 448 Minuten | Originaltitel: Mördare utan ansikte | Preis: 29,95 Euro | Sprache: Deutsch

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