Media-Mania.de

 Huguenins Frau

Phantastische Erzählungen


Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung


Matthew Phipps Shiel wird in einem Atemzug mit Edgar Allen Poe, Jules Verne, Arthur Conan Doyle und Charles Baudelaire genannt. So unterschiedliche Autoren wie Dashiel Hammett, H. P. Lovecraft, Arthur Machen, H. G. Wells und Dorothy L. Sayers bewundern ihn und legen ihren Lesern die Lektüre der Geschichten von Shiel wärmstens ans Herz. Im vorliegenden Band sind sechs Kurzgeschichten und ein autobiografischer Essay Shiels vereint.

Vaila
Ich wohnte lange mit meinem Freund Harco Hafanger zusammen. Nachdem ich ihn aus beruflichen Zwecken Anfang 1876 kurz verlassen hatte, war er verschwunden. Zwölf Jahre später erreichte mich ein wirrer Brief, in dem er mich inständig bat, ihn auf Hjaltland auf den Shetlandinseln zu besuchen. Er wäre wieder in Vaila, dem 1389 erbauten Familienbesitz und bat um die gemeinsame Totenwache am Grab seiner Mutter.
Meine innige Freundschaft erinnernd, brach ich sofort auf und errichte einige Wochen später die Shetland-Inseln. Vaila lag inmitten von schroffen Felsen, unmittelbar am tosenden Meer. Überall herrschte unvorstellbarer Lärm und eine neblig-salzige Feuchtigkeit schien die Luft und alle Räume der gigantischen Festung zu erfüllen. Mein Freund wirkte alt und verbraucht und - leider musste ich mir dies eingestehen - nahe dem Wahnsinn. Harfager war fest davon überzeugt, dass er und seine Tante nur noch wenige Wochen zu leben hätten und mit ihm die gesamte Festung vernichtet werden würde. Und als er mir die Geheimnisse der gewaltigen Festung zeigte, schauderte mir und ich schien ebenfalls von seinem Wahn angesteckt worden zu sein.

Huguenins Frau
Ich las den Brief meines alten Freundes Huguenin und erschrak. Die bald rhapsodisch, bald verzweifelten Sätze ließen nur einen Schluss zu: Er war der Verzweiflung nahe. Ich eilte zu der griechischen Insel Delos, die mein Freund nun allein bewohnte und kam dort - die Reise von London war eine beschwerliche und langwierige - zwei Monate vor den schrecklichen Ereignissen des 13. August 1899 an. Huguenin starrte mich mit den leblosen Augen eines Toten an und ich versuchte von ihm zu erfahren, was ihn so niederdrückte. Zu meiner Überraschung sprach er fast normal und schilderte mir, wie er Andromeda kennen gelernt hatte. Doch war er offenbar überzeugt, sie getötet zu haben und ihre Wiedergeburt, ein scheußliches Monster bewachen zu müssen. Da seine Behausung einem Labyrinth aus Hunderten gleichartiger Räume und Gänge bestand, schien es unmöglich, ihm zu folgen, wenn er plötzlich verschwand. Eines Morgens aber folgte ich einem roten Faden, den ich auf dem Boden liegend fand und der durch dieses Labyrinth zu einem unbekannten Ziel zu führen schien.

Elendes Los eines gewissen Saul
Wer diesen Bericht liest, muss sich gewahr sein, das ich ihn in tiefster Einsamkeit, den sicheren Tod vor Augen, um das Jahr 1601 niederschreibe. Das genaue Datum kann ich nicht wissen, lebe ich doch seit gut 30 Jahren in dieser riesigen Höhle unter dem Ozean. Nach langen Jahren zur See haben mich die Spanier, wie es ihre Art ist, in einem Fass ins Meer geworfen. Durch Gewichte beschwert sank ich tausende Faden tief hinab, wurde von einer Strömung erfasst und fortgerissen. Ich erwachte in völliger Dunkelheit und absoluter Verzweiflung, umgeben von tosendem Lärm stürzenden Wassers.

Die Braut
Walter Teeger lernte Annie kennen und zog bald darauf als Untermieter ins Haus ihrer Mutter. Weder diese noch Rachel, die jüngere Schwester von Annie, ahnten um die Gefühle die Walter und Annie teilten. Doch die stille Rachel folgte Walter immer öfter zu seinen Predigen in der Kirche und eines Abend gestand sie ihm ihre glühende, verzweifelte Liebe. Walter, hin- und hergerissen zwischen der stillen, sanften Annie und der aufbrausenden, cholerischen Rachel, verzweifelte fast ob der drohenden Entscheidung, welche der Schwestern er heiraten würde. Als er eines Tages, von beiden genötigt, zum Standesamt eilte, um das Aufgebot zu bestellen, traf er eine schicksalhafte Entscheidung: Er versuchte die Entscheidung hinauszuzögern und gab Rachel als Namen seiner Braut an, denn die eine Schwester hieß Annie Rachel, die andere Mary Rachel. Aber unaufhaltsam steuerte er und die Schwestern auf eine Katastrophe zu.

Der bleiche Affe
Ich kam im Herbst des Jahres 98 nach Hargen um Esmé zu unterrichten. Sir Philipp Lister, der Hausherr schien fast unsichtbar und die Dienerschaft meist verschwunden. Ich kümmerte mich um Esmé und bis auf die seltsame Wechselhaftigkeit ihrer Gefühle, die nahe dem Wahnsinn zu liegen schienen, deutete nichts auf die Katastrophe hin, die sich mit der Ankunft von Huggins Lister, dem Vetter von Esmé, ereignete und die mich schon in jungen Jahren ergrauen ließ.

Der Primas der Rose
Der berühmte Autor E.P. Crooks ist fasziniert von der Vorstellung, dass es in London Geheimgesellschaften gibt. Er versucht Crichton Smyth auszuhorchen, der aber verweigert jede Auskunft. Nach einem gemeinsamen Abendessen in der Wohnung von Smyth macht sich Crooks gewohnheitsmäßig daran, dessen Schwester zu verführen. Doch die entehrende Liaison endet ein Jahr später mit dem Tod der jungen Adligen. Der Säugling wird unter die Obhut von Smyth gestellt. Nun besucht Crooks diesen regelmäßig. Sein Interesse gilt aber nicht nur der Frucht seines Ehebruchs, sondern vor allem dem Geheimbund "Freunde der Rose", dem Smith vorzustehen scheint. Nicht ahnend, das es sein Verderben bedeutet, versucht Crooks ihn zu überreden, einem Treffen beiwohnen zu dürfen.

Wie einleitend aufgezählt, gilt Shiel unter Literaten seit der Jahrhundertwende als großes Genie. Seine fantastischen Erzählungen, von denen sechs in diesem Band vereint sind, sind von hoher Qualität und überschäumender Fantasie.
Warum aber ist dieser Ruf nicht gefolgt von enormem Erfolg und Ansehen bei einer großen Leserschaft? Immer noch gilt Shiel als Geheimtipp, dem sich die Türen der Verlage und höhere Auflagen nur zu öffnen scheinen, wenn ihnen das Lob dieser weltberühmten Autoren vorausgeht?
Zweifellos ist es der Stil seiner Erzählungen. Eine hochkomplexe Sprache, eine ungewöhnliche Wortwahl und sehr viele geschichtliche Bezüge sind in den Texten verwoben, die ein Verständnis erschweren. So ist auch diesem Buch eine Fülle an Anmerkungen angehängt, die die schwierigsten Verweise Shiels erläutern und einige der literarischen Bezüge aufschlüsseln. Immer wieder ist der Leser genötigt, dort nachzuschauen, um dem Text verständig folgen zu können.
Hinzu kommt, dass der Stil heutzutage als veraltet gelten muss. Seine Texte sind offensichtlich um die Jahrhundertwende geschrieben und in ihrer verschachtelten, teils altertümlich wirkenden Sprache ungewohnt zu lesen.
In der vierzig Seiten langen Geschichte Elendes Los eines gewissen Saul verwendet Shiel gar den Stil einer Erzählung aus dem sechzehnten Jahrhundert. Im Schriftbild, der Wortwahl und in der Verwendung zahlreicher Ausdrücke ähnelt dieser "Bericht" frappierend den Schilderungen alter Texte aus dieser Zeit. Dies gelingt Shiel bravourös. Wundervoll "echt" und wahrhaftig überliefert wirkt diese Geschichte. Grandios spielt der Autor mit den Mythen und Versatzstücken alter Seefahrerberichte, Texten von Entdeckern und Romanen des Mittelalters.
Doch die unglaublich versierte Fähigkeit des Autors ist dem modernen Leseverhalten zuwiderlaufend. Hohes Konzentrationsvermögen und Interesse an solcherart "alten Texten" wird dem Leser abgefordert.
Ist man aber Geschichten im Stile Edgar Allen Poes gewöhnt, mag man Reiseberichte des sechzehnten Jahrhunderts, oder betrachtet diese Geschichten als Herausforderung an die Fantasie und den Intellekt, so gibt es kaum einen besseren Autoren, kaum ein eigenständigeres Werk als das von Matthew Phipps Shiel.
Die größte Leistung des Herausgebers ist es allerdings, Geschichten in einem Band zu vereinen, die unterschiedlicher nicht sein können. Ob Inhalt oder Stil, Atmosphäre oder Zielrichtung der Texte, sie sind unglaublich spannend, fantastisch und mythenreich, erschreckend und tiefsinnig. Eine derartige Fülle an Einfällen, psychologisch stimmigen Details und einem nervenzerfetzenden Spannungsaufbau habe ich selten gelesen. Eine unglaubliche, beeindruckende und einmalige Entdeckung ist dieser M. P. Shiel auch in der heutigen Zeit.

Fazit: Wer anspruchsvolle Literatur mag, wer Fantasie und Horror, Spannung und Geschichte vereint zu einem lebendigen, vielfältigen Gesamtwerk erleben will, der sollte diesen Autoren nicht übersehen.
Bei aller Mühe und aller Konzentration, die diese Texte dem Leser abverlangen, die Befriedigung nach der Lektüre könnte kaum größer sein als bei den sechs Geschichten von Matthew Phipps Shiel, dem "König von Redonda".

Anmerkung: Leider ist sowohl das Vorwort als auch der zweite Anhang von Javier Marías sehr unverständlich, für die Lektüre der Geschichten jedoch glücklicherweise nicht erforderlich. Der erste Anhang ist ein kurzer Essay von Shiel und schildert seine Jugend und die näheren Umstände, wie er zum "König von Redonda", einer winzigen Insel unweit von Antigua und damit Teil der westindischen Inseln, wurde. Allerdings ist auch dieser Text für den Laien unverständlich und kryptisch.

Stefan Erlemann



Hardcover | Erschienen: 01. März 2006 | ISBN: 9783608936315 | Originaltitel: La Mujer de Huguenin | Preis: 19,50 Euro | 251 Seiten | Sprache: Deutsch

Bei Amazon kaufen


Ähnliche Titel

Cover

Cover

Cover

Cover

Cover
Narren, Diebe und VampireAndere HimmelMaliziöse MärchenNimmermehrFenster der Seele