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 Der Puppenkönig

Autoren: Wolf Serno
Verlag: Droemer

Cover
Gesamt +++--
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung


Die Mark Brandenburg im Jahr 1782: Wie jedes Jahr will der Bauchredner Julius Klingenthal mitsamt seiner lebensgroßen Puppen im beschaulichen Städtchen Steinfurth überwintern. Doch diesmal bleiben Ruhe und Beschaulichkeit aus, denn Steinfurth wird von einer Reihe blutiger Morde erschüttert. Der Mörder scheint dabei ebenso grausam wie einfallsreich zu sein - eines der Mordopfer wurde mit einem Armbrustbolzen im Hals geradezu an die Wand genagelt, ein anderes verliert eine Hand, ein drittes wird mit einem riesigen Richtschwert durchbohrt. Den Opfern ist nur eines gemein: Sie alle haben ihre Kinder geschlagen.

Julius Klingenthal, der sich eigentlich auf einen ruhigen Winter mit gesicherten Einnahmen durch sein Puppenspiel eingerichtet hat, wird unversehens in die Mordfälle verwickelt und beginnt auf eigene Faust, Nachforschungen anzustellen. Mit dabei behilflich sind ihm neben der Klagefrau Alena seine Bauchredner-Puppen, die nicht nur detailgetreue Abbilder von Menschen sind, sondern die auch eine Art Eigenleben zu führen scheinen. Wenn Julius nicht weiter weiß oder nichts zu sagen hat, dann kann es passieren, dass die Magd, der Schultheiß, das Burgfräulein, der Schiffer, der Landmann oder der Söldner durch seinen Mund zu sprechen beginnen. Je weiter die grausame Mordserie voranschreitet, umso undurchsichtiger wird der Fall, denn Verdächtige gibt es zuhauf - ein Motiv könnte der Scharfrichter Krassmann ebenso gehabt haben wie der verrückte Bettler Spinner-Franz oder ein merkwürdiger Wissenschaftler, der für seine Experimente teilweise mit menschlichen Gliedmaßen hantiert. Und wäre es nicht sogar möglich, so argwöhnt Julius Klingenthal schließlich, dass er selbst unwissentlich durch eine seiner Puppen die Morde begangen hat?

Mit "Der Puppenkönig" legt der deutsche Schriftsteller Wolf Serno einen weiteren historischen Roman vor, der im Deutschland des späten 18. Jahrhunderts spielt. Bekannt wurde Serno unter anderem durch die Bestseller "Der Wanderchirurg" und "Der Balsamträger". Typisch für viele seiner Bücher ist, dass sie im späten Mittelalter oder der frühen Neuzeit und regional in Deutschland angesiedelt sind, etwa im Harz, im Thüringer Wald, oder, wie bei "Der Puppenkönig", in der Mark Brandenburg. Hier eröffnet sich dem Leser ein spannender Kriminalfall, der bis zum Ende recht unvorhersehbar bleibt. Ein paar Kapitel sind aus der Sicht des lange unbekannten Mörders geschrieben, welcher trotz der grausigen Taten das Mitleid des Leser erregt, denn er scheint ein in gewisser Weise moralisches Motiv für seine Taten zu haben, weil er nur Menschen tötet, die ihre Kinder misshandelt haben. Die Auflösung indes wird von Serno leider zu schnell abgehandelt, es gibt am Ende kaum Konflikt, sondern eine an der Grausamkeit der Verbrechen gemessen allzu gefällige Auflösung.

Ist der Roman auch über weite Strecken spannend und unterhaltsam, so gibt es auch durchaus einige Stellen, an denen der Leser aus dem angenehmen Lesefluss herausgerissen wird. Manchmal verzettelt sich Serno mit Schilderungen von Dingen, die wenig interessant oder schlicht merkwürdig anmuten. Manchmal legt er seinen Charakteren Worte in den Mund, die wenig zum Jahr 1782 zu passen scheinen - etwa wenn die Figuren sich mit einem lässigen "Wie geht?s?" begrüßen. Andere Stellen sind sprachlich einfach völlig misslungen. Serno nutzt gerne klischeehafte Sätze und ins peinliche gleitende Formulierungen, die klingen, als hätte er sie aus Kitschromanen abgeschrieben; etwa: "Sie konnte ihn nicht halten. Das konnte keine Frau auf der Welt". Überhaupt, wenn es um die Frauen geht - in diesem Fall die Klagefrau Alena - wirkt Serno arg klischeebelastet. Alenas durch Emotionen absolut beherrschte Gedankenwelt offenbart sich dem Leser voller Plattitüden und wirkt so leider nicht sehr überzeugend. Alena scheint vom Autor eigentlich als starke, autarke Frau angelegt - deshalb überrascht dies umso mehr.

Auch die Handlung ist stellenweise etwas fahrig. Die Romanze mit der Klagefrau Alena ist dafür, dass sie sofort zu Beginn des Romans eingeführt und forciert wird, zu sehr Nebenschauplatz. Seitenlang interagieren Julius und Alena überhaupt nicht und verschwenden kaum einen Gedanken aneinander, dann finden sie sich in trauter Zweisamkeit zum nächtlichen Stelldichein zusammen. Gerade Alena, die ihr Geld damit verdient, dass sie um die Toten anderer Leute trauert, ist eine bisweilen sehr nervige Figur. Wenn sie spontan in Weinen und Klagen ausbricht, weiß man als Leser genauso wenig wie der arme Julius, ob dieser Gefühlsausbruch nun echt oder gestellt ist.

Ein Pluspunkt für den Roman ist aber auf jeden Fall die Hauptfigur Julius Klingenthal. Der Bauchredner ist ein interessanter Charakter; vor allem dadurch, dass er seinen Puppen geradezu exzessiv Leben einhaucht und man deshalb bisweilen an seinem Verstand zweifelt. So spielt der Autor geschickt mit dem Leser - denn wäre es nicht tatsächlich möglich, dass der sympathische Klingenthal mehrere Persönlichkeiten besitzt und dass er so einen Mord begangen haben könnte, ohne davon zu wissen? Einige Nebenfiguren sind gleichfalls sehr gut gelungen, vor allem der abergläubische Spinner-Franz, der seine Sätze gerne mit dem Ausspruch "Ita est und Yes und Qui!" beginnt und der dem Leser rasch unheimlich wird.

Auch wenn der Roman einige Schwächen aufweist, ist Wolf Serno eine insgesamt spannend erdachte und erzählte Kriminalgeschichte gelungen, die über weite Strecken von den vielfältigen Charakteren lebt und die tatsächlich bis zur Auflösung spannend bleibt; auch wenn die Auflösung an sich leider zu glatt und schnell verläuft und damit heruntergerissen wird. Verwoben sind in diesem Roman thematisch nicht nur die damaligen Methoden zur Aufklärung von Verbrechen, sondern auch Glaube und Aberglaube, Medizin und Wissenschaft. Der Schauplatz und der zeitliche Rahmen - Brandenburg im Jahr 1782 - sind vor allem für Fans historischer Romane interessant. Der Plot ist hier insgesamt deutlich stärker und interessanter als die sprachliche Umsetzung, dennoch ein unterhaltsamer Roman für zwischendurch.

Christina Liebeck



Hardcover | Erschienen: 1. Oktober 2006 | ISBN: 3426197472 | Preis: 19,90 Euro | 496 Seiten | Sprache: Deutsch

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