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 Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch


Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung


Die 47jährige Nadeshda fällt aus allen Wolken: Ihr 84jähriger Vater hat ihr eben am Telefon eröffnet, dass er zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau wieder zu heiraten gedenkt. Die Auserwählte ist die 36jährige Ukrainerin Valentina. Auf vorsichtige Einwände, dass der hohe Altersunterschied Probleme machen könnte, reagiert Nikolai nicht. Ohnehin sei ihm klar, dass Valentina nur eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis in England anstrebe - und wer wäre er, selbst ein ehemaliger Immigrant aus der Ukraine, dass er einer Landsmännin die so notwendige Hilfe verwehrt? Dass Valentina auch ein Busenwunder ist und mit ihren sehr weiblichen Reizen nicht geizt, spielt natürlich auch eine Rolle. Nadeshdas greiser Vater blüht auf, zeigt mehr Elan und Lebensfreude als in den Jahren zuvor. Das Entsetzen über die bevorstehende Trauung bewirkt, was bislang niemand geschafft hat: Nadeshda nimmt Kontakt zu ihrer Schwester Vera auf. Eigentlich können die beiden sich nicht leiden und haben seit mehr als zwei Jahren im Streit um das Erbe der verstorbenen Mutter kein Wort mehr gewechselt, aber der gemeinsame Feind - die wasserstoffblonde und übermäßig geschminkte Valentina - schweißt die beiden zusammen. Doch die Hochzeit lässt sich nicht verhindern, und mit Valentina zieht auch ihr halbwüchsiger Sohn ein. Papas neue Frau erweist sich nicht nur als großbusig und vermeintlich anschmiegsam, sondern auch als sehr geschäftstüchtig und zielstrebig. Ein repräsentatives Auto muss her, ein neuer Herd, und Geld, viel Geld, um die Konsumträume des Westens zu erfüllen. Aus schlecht zur Schau gestellter Zuneigung zum alten Nikolai wird Berechnung, dann Wut, dann Hass. Und Nadeshda und Vera stehen vor einem Problem: Wie sollen sie Valentina wieder loswerden und den Vater vor Abzocke und finanziellem Ruin bewahren?

In "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch" erzählt die Autorin Marina Lewycka, die selbst als Kind ukrainischer Eltern in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren wurde und in England aufwuchs, leichtfüßig von Familienstreit, von unterschiedlichen Lebensentwürfen und Träumen, von einer weiblichen Konkurrentin, die den Schwestern Vera und Nadeshda keinesfalls als Ersatz für die verstorbene Mutter erscheint, sondern als billiges Flittchen, das es nur auf Vaters Geld und die schnelle Einbürgerung abgesehen hat. Eingestreut sind Erzählungen und Erinnerungen ukrainischer Lebensart und Historie sowie die im Titel erwähnte "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch", an der der alte Ingenieur Nikolai mit Begeisterung schreibt, und die von der Industrialisierung der Ukraine handelt.
Nach und nach wird so Nikolais Vergangenheit aufgedeckt und damit auch die seiner Töchter - Nikolai und seine Frau kamen selbst vor langer Zeit als arme Kriegsflüchtige nach England und bauten sich dort eine Existenz auf.

Die Geschichte ist, trotz so mancher Klischees, leicht und unterhaltsam erzählt und bisweilen sehr komisch, vor allem am Anfang. Der Zickenkrieg zwischen den beiden Schwestern und der auf ihren Vorteil bedachten Valentina, die mit Körbchengröße XXL, billigem Parfüm und halbseidenen Dessous wie ein Fleisch gewordener (Alt-)Männertraum wirkt, ist äußerst amüsant.
Die Thematik driftet jedoch ins Traurige ab, je mehr sich die Ereignisse zuspitzen. Spätestens, wenn Nikolai sich vor Angst vor der herrischen Valentina in seinem Zimmer einschließt, wenn sie ihn beschimpft und schlägt, dann schüttelt man als Leser den Kopf und fragt sich, warum die beiden Töchter nicht härter eingreifen. Die Art, wie Valentina mit dem alten Mann umgeht, ist grausam und bestürzend. Hier wird - wenn auch sachte und in komische Szenen verpackt - die traurige Frage aufgeworfen, was mit den Eltern passiert, wenn sie alt und gebrechlich sind. Müssen sie wie kleine Kinder vor Fehlentscheidungen und daraus resultierenden Verletzungen geschützt werden? Wenn der Vater beschließt, seine gesamten Ersparnisse einer fünfzig Jahre jüngeren Frau zu vermachen, was kann man dagegen tun - und soll man überhaupt etwas tun? Schließlich ist der alte Herr erwachsen und fest entschlossen, seine letzten Jahre noch zu genießen.

Dieses Buch ist ein schöner Lesetipp für Zwischendurch, mit etwas Tiefgang, aber gleichzeitig einer Menge Komik. Schwungvoll und stellenweise kurios, witzig und schmerzlich zugleich - die 356 Seiten dieses optisch sehr ansprechend gestalteten Taschenbuchs mit dem skurrilen Titel vergehen wie im Fluge.

Christina Liebeck



Taschenbuch | Erschienen: 01. Oktober 2006 | ISBN: 3423245573 | Originaltitel: A Short History of Tractors in Ukrainian | Preis: 14,00 Euro | 360 Seiten | Sprache: Deutsch

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