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 Geisel für Burgund


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Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung


Die Nibelungensage ist eine der bekanntesten Sagen im deutschsprachigen Raum. Die dramatische und tragische Geschichte über den Helden Siegfried, die Dame Kriemhild, ihre Brüder Gunther, Gernot und Giselher, die stolze Brunhild und den düsteren Hagen wurde vielfach zu Papier gebracht, vertont und verfilmt. Ob als Oper von Richard Wagner oder als Fantasyfilm mit Benno Fürmann, die Legende begegnet dem Interessierten in vielfältiger Weise.

Erfährt man von Siegfried und den Königskindern von Worms noch recht viel über Herkunft und Leben, so ist es stets Hagen von Tronje, dessen Vergangenheit in den Schatten liegt. Bleibt die Frage, ob eine Figur wie Hagen überhaupt je wirklich existiert hat, so ist auch nicht eindeutig geklärt, welcher Ort mit Tronje überhaupt gemeint ist.
Walfriede Preis hat sich daran gemacht, Hagen von Tronjes Leben vor Siegfrieds Erscheinen bei den Burgunden in Romanform niederzuschreiben. Das Ergebnis nennt sich "Geisel für Burgund" und ist im Januar 2006 im Arrival Verlag erschienen.

Der noch recht junge Hagen wächst bei seinem Vater, König Aldrian von Tronje, in der Burgunden-Burg zu Worms auf. Als enger Freund und Anverwandter ist Aldrian dem Burgundenkönig Gibich treu ergeben, ebenso wie sein ältester Sohn Hagen. Der König aber ist kein sehr guter Regent. Sich in trügerischem Frieden wiegend, erkennt er die Gefahr, die von König Etzel und seinen Hunnen ausgeht, zu spät, und so steht der Feind vor den Toren seiner Burg und verlangt Tribut. König Gibich, der es trotz Aldrians Rat versäumt hat, Bündnisse zu suchen und seine Truppen zu stärken, bleibt nichts anderes übrig, als Etzel die verlangten Abgaben zu leisten und ihm eine Geisel zur Stärkung dieser Lehenstreue zu übergeben. Ist es für gewöhnlich ein enges Mitglied der Familie, das als Geisel bestimmt wird, so will König Gibich nicht seinen erstgeborenen Sohn Gunther, zu dem Zeitpunkt noch ein Kleinkind, diesem Leben aussetzen. Aldrian erklärt sich schweren Herzens bereit, seinen Sohn Hagen an Etzels Hof zu entsenden. Und der Knabe nimmt sein hartes Los tapfer an, wie es sich für einen künftigen Ritter geziemt.
Wie sich schnell herausstellen soll, ist Hagen ein stolzer, unbeirrbarer Junge, der bereits in frühen Jahren das Talent beweist, ein großer Krieger zu werden. Er ist hart im Nehmen, zeigt sich gelehrig und schnell und beweist einen scharfen Verstand. Klaglos tritt Hagen sein neues Leben am Etzelhof an. Dort lernt er den gefürchteten Hunnenkönig und seinen Neffen Vodin, der ihm bald zum Feind werden soll, kennen, aber auch neue Freunde wie den jungen Walther, der ebenfalls eine Geisel ist.
So gut es den Freunden am Hofe König Etzels auch ergeht, und so wichtig die Dinge sind, die sie dort lernen - Hagen weiß, seine Heimat liegt in Worms. Und sein Ziel ist es, dorthin zurückzukehren.

Ob "Geisel für Burgund" als Lebensgeschichte Hagen von Tronjes vor dem Erscheinen Siegfrieds in Worms nun in den bekannten Kontext passt, ob sich kleine Ungereimtheiten ergeben oder man als Leser und Kenner der Nibelungensage über die eine oder andere Information vielleicht stutzen mag - es gibt keine allgemeingültige Sage, die in jedem Detail richtig ist. Deshalb kann man die Frage nach der Legitimität des Romaninhalts einfach außen vor lassen. Tut man dies, entführt Autorin Walfriede Preis ihren Leser in eine vergessene Zeit. Der alt anmutende Stil ist zu Anfang gewöhnungsbedürftig, jedoch nicht, weil er zu anstrengend ist, sondern weil er eine gewisse Distanz zu seinen Figuren wahrt. Es fällt zunächst schwer, den schweigsamen, kühlen Hagen ins Herz zu schließen und sich der Geschichte zu öffnen.
Findet man jedoch endlich Zugang zu dem verschlossenen Protagonisten, zieht die Geschichte unweigerlich in ihren Bann, und der Leser verfolgt gespannt die Entwicklung Hagens vom jungen, stolzen Knaben hin zum erfahrenen, selbstsicheren Ritter in Diensten Etzels. Die tiefe Freundschaft zu Walther, umgekehrt die Feindschaft zu Vodin, das zwiegespaltene Verhältnis zu König Etzel - einerseits Bewunderung, andererseits sture Ablehnung - und letztlich die Ruhelosigkeit Hagens bis zur ersehnten Rückkehr nach Hause, das alles liest sich so gut, dass man enttäuscht ist, wenn nach 161 Seiten der Roman bereits zu Ende ist.
Die Distanz zu den Figuren bleibt das größte Manko von "Eine Geisel für Burgund". Zwar kann der Leser selbst entscheiden, wie nah er sie an sich heranlassen will, doch wäre es begrüßenswert gewesen, tiefer in die Seelen zu blicken. Woher stammt Hagens missgünstiges Verhältnis zu Frauen, wie genau sieht sein Alltag auf der Etzelburg aus, welche Zeit vergeht zwischen dem Ende des Romans und Siegfrieds Ankunft? Fragen, deren Beantwortung die Autorin nicht zwingend einfließen lassen muss, die der schönen Erzählung aber noch den letzten Schliff gegeben hätten.
Ein weiterer kleiner Wermutstropfen ist die Aufmachung des Buches. Cover und Rückseite sind hübsch anzusehen, doch fehlt es an jeglicher Information. Weder eine kurze Inhaltszusammenfassung noch ein Wort zur Rezeptionsgeschichte findet sich. Gerade beim Thema des Romans aber drängt sich eine kurze Erläuterung darüber geradezu auf.

Hagen von Tronje, in der Siegfriedsage gehasst, als Protagonist eines Romans - funktioniert das? Ja, das tut es. Der oftmals düster und kalt dargestellte Ritter an König Gunthers Seite bekommt hier ein anderes Gesicht, und nähme man "Geisel für Burgund" als offizielle Basis zu allen späteren Ereignissen der Nibelungensage, man bekäme beinahe Verständnis für Hagens Tun. In wunderbar altertümlichem Schreibstil lässt Preis die Welt Hagens vor dem geistigen Auge des Lesers entstehen und bietet gute, wenn auch leider zu kurze Unterhaltung.

Tina Klinkner



Taschenbuch | Erschienen: 01. Januar 2006 | ISBN: 9783936997705 | Preis: 14,30 Euro | 161 Seiten | Sprache: Deutsch

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