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 Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat

Autoren: Pierre Bayard
Übersetzer: Lis Künzli
Verlag: Kunstmann

Cover
Gesamt ++++-
Humor


Haben Sie nicht auch manchmal bei Rezensionen im Internet den Eindruck, dass der Rezensent das Buch eigentlich gar nicht gelesen hat (außer bei Media Mania natürlich)? Kommt Ihnen manche Lobeshymne auf diesen oder jenen Roman nicht auch nichtssagend vor, als würden nur Versatzstücke aneinandermontiert werden? Haben Sie bei manchen Gesprächen über Bücher das eigenartige Gefühl, dass am eigentlichen Inhalt elegant vorbeimanövriert wird?
Der Buchmarkt heutzutage ist unüberschaubar geworden. Monatlich erscheinen unzählige neue Romane, Lyrikbände und Sachbücher, die einen tendenziell interessieren oder einem wichtig genug erscheinen, um sie unbedingt lesen zu müssen. Aber wann? Mehr Zeit als früher hat man auf jeden Fall nicht, und wenn man die unzähligen Klassiker und die Bücher im untersten Regal des eigenen Bücherschranks hinzurechnet, wird man angesichts dieser Lektüremasse früher oder später kapitulieren. Die gute Nachricht: Sie brauchen diese Bücher gar nicht zu lesen. Man kann nämlich auch große Freude an Literatur haben, ohne sich je mit ihr beschäftigt zu haben. Dies behauptet zumindest der französische Literaturprofessor Pierre Bayard in seinem augenzwinkernden Ratgeber "Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat". Er führt auf 220 Seiten ein in die Kunst des Nichtlesens. Seine Botschaft: Hinfort mit dem schlechten Gewissen, bestimmte Bücher niemals gelesen zu haben. Hinfort mit dem Druck, endlich einmal die Bibel, die gesammelten Werke von Thomas Mann oder Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" lesen zu müssen. Statt dessen progagiert er hemmungslose Freude am Sprechen über Literatur, über die Motive, Personenkonstellationen und Themen jener Romane, deren Lektüre man sich sparen kann.
Wie das geht? Zunächst stellt Bayard vier verschiedene Arten des Nichtlesens vor - denn Nichtlesen ist nicht gleich Nichtlesen. Da wären Bücher, von denen man nie zuvor gehört hat; Bücher, die man nur quergelesen hat; Bücher, die man nur vom Hörensagen kennt; und Bücher, die man vergessen kann - die einen also nicht die Bohne interessieren. Wenn man erst einmal weiß, welches Buch man nicht lesen möchte, fällt es sehr viel leichter, über dieses Buch zu sprechen. Vier klassische Gesprächssituationen zählt Bayard auf: in der Gesellschaft von Freunden, einem Lehrer gegenüber, dem jeweiligen Schriftsteller gegenüber und natürlich das sanfte Liebesflüstern über Literatur mit dem oder der Liebsten, ist doch ein anregendes Gespräch über Literatur immer auch ein erotischer Akt. Dem fortgeschrittenen Nichtleser werden dann vier Haltungen des Nichtlesens empfohlen: Sich nicht schämen, sich in der Diskussion durchsetzen, Bücher einfach erfinden und natürlich das Thema elegant auf sich selbst zu lenken. Denn so schön nichtgelesene Bücher auch sind, es macht am Ende doch mehr Spaß, über sich selbst zu sprechen.

Ein ausgesprochen komisches und auch gewagtes Buch, propagiert es doch die lustvolle Verneinung von Literatur in unserer Informationsgesellschaft, die von jedem erwartet, über alle Bücher Bescheid zu wissen. Ein Buch, das - so urteilt im Klappentext der Literaturkritiker Bernard Pivot - alle anderen Bücher ersetze, "alte, neue, zukünftige". Auch ohne es gelesen zu haben, kann ich seine Lektüre nur wärmstens empfehlen.

Hagen Hoffmann



Hardcover | Erschienen: 01. September 2007 | ISBN: 9783888974861 | Preis: 16,90 Euro | 224 Seiten | Sprache: Deutsch

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